Ehrenamt an der Uni Warum hilft denn niemand?

Ehrenamtliche sind an Unis rar, selten setzen sich Alumni für ihre Alma Mater ein. Das Magazin "duz" erklärt, warum die Hochschulen mehr freiwillige Helfer brauchen und wie die Uni-Bürokratie die Engagierten ausbremst.

DPA

Von Mareike Knoke


Die Gäste sind gut gelaunt. Man stößt an, und die Führung durch die Medici-Ausstellung in Mannheim findet allgemeine Begeisterung bei den etwa 60 Geladenen: Ehemalige und Studierende der Universität Mannheim. Organisiert hat den Abend der Alumniverein Absolventum der Uni. "Die Einladung zu der Ausstellung war unser Dankeschön für den ehrenamtlichen Einsatz unserer Alumni als Mentoren", sagt Geschäftsführer Christian Haas.

An die 600 Mentoring-Paare aus Ehemaligen und Studierenden aller Fachbereiche hat der Verein in den vergangenen Jahren zusammengebracht. Die Mentoren, die zum Teil in den Chefetagen großer Unternehmen sitzen, übernehmen ehrenamtlich Aufgaben, für die Professoren und studentische Tutoren keine Zeit haben. Zudem ergänzen sie die Arbeit des Career Service der Uni: durch Vermittlung von beruflichem Know-how und Kontakten oder mit Tipps bei der Suche nach Praktikumsplätzen. "Dazu veranstaltet unser Verein an der Uni Info-Abende und Kick-off-Veranstaltungen, bei denen auch die Mentoren einander kennenlernen, um sich später über ihre Erfahrungen austauschen zu können", sagt Haas. Wichtig sei: Nicht nur die Studierenden, auch die ehrenamtlichen Helfer sollten sich in ihrer Aufgabe wohlfühlen.

Von der Jacobs University lernen

Zwar hat ehrenamtliches Engagement in Deutschland nicht die gleiche Bedeutung wie etwa in den USA. Dort unterstützt der Staat viele Einrichtungen - inklusive des Hochschulsystems - finanziell gar nicht oder nur wenig. Doch die im Sommer veröffentlichte Studie "Zivilgesellschaft in Zahlen" (ZiviZ), in Auftrag gegeben vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, der Bertelsmann Stiftung und der Fritz Thyssen Stiftung, zeigt, dass die meisten (69 Prozent) der befragten rund 4000 deutschen Organisationen und Vereine keine Probleme haben, genug Freiwillige zu finden.

Von der Krise des Ehrenamts in Deutschland kann also nicht die Rede sein. Allerdings: Ausgerechnet an den finanzschwachen deutschen Hochschulen ist der Einsatz von Ehrenamtlichen, vorzugsweise Alumni und Studierende, unterentwickelt. Während es in den USA üblich ist, Alumni auch bei der Studierendenauswahl einzusetzen, hinken die staatlichen deutschen Unis diesbezüglich hinterher - abgesehen von den recht verbreiteten Mentoring-Programmen.

Privathochschulen wie die Jacobs University in Bremen oder die Zeppelin Universität in Friedrichshafen dagegen setzen regelmäßig Freiwillige ein. An der Zeppelin Uni sind die Alumni fester Bestandteil der Jury bei der Studierendenauswahl. Die Jacobs University wiederum kann in ihrem Student Service Center auf den Einsatz von gut einem Dutzend Bremer Bürger zählen. Die Ehrenamtlichen helfen den internationalen Studierenden dabei, den Kulturschock im fremden Land zu verdauen und sich im norddeutschen Alltag zurechtzufinden. Andere Helfer betreuen unentgeltlich ein Gastfamilien-Projekt, das Studierende an Bremer Familien vermittelt.

Koordiniert wird dies in der Abteilung "Campus Life" der Privathochschule. Die Uni managt den Einsatz professionell: Einmal im Monat treffen sich die Hochschulmitarbeiter mit den Ehrenamtlichen. "Dann besprechen wir, was in den letzten Wochen passiert ist, ob es irgendwo Probleme gegeben hat und wo wir vielleicht noch Unterstützung brauchen", sagt Jutta Eckhoff, eine der Helferinnen. Die Uni revanchiere sich für den Einsatz jedes Jahr unter anderem mit einem Ausflug für alle Helfer.

Bürokratie verhindert Hilfe

Dass staatliche Universitäten nicht stärker auf solche Unterstützer zurückgreifen, liegt vermutlich an der Größe einer Hochschule. Die fast unübersichtlich vielen Einrichtungen und Programme auf dem Campus erschweren offenbar den koordinierten Einsatz. "An großen Hochschulen lassen sich die Bedürfnisse oft viel schwerer ermitteln", bestätigt Haas vom Alumni-Verein Absolventum. Er erinnert sich an ein Beispiel: Das Welcome Center der Uni Mannheim suchte dringend Paten für die Betreuung ausländischer Studierender, sei aber damit nicht an Absolventum herangetreten. Der Verein habe nur zufällig davon erfahren. "Die Mitarbeiter des Welcome Centers haben sich natürlich gefreut, dass wir ihnen dann ein paar Alumni als Unterstützer vermitteln konnten", erinnert sich Haas, "heute sind wir gut vernetzt."

Es braucht eine zentrale Stelle, die die Bedürfnisse der einzelnen Fachbereiche bündelt, Absolventenvereine oder Bürgerstiftungen kontaktiert und vermittelt. Dafür fehlt oft das Geld. Und manchmal auch die Bereitschaft. Christian Kramberg, Sprecher des bundesweiten Dachvereins alumni-clubs.net, sagt: "An den Universitäten bleibt man lieber unter sich und greift bei Hochschulangelegenheiten ungern auf Externe zurück - selbst wenn sie Alumni sind." Ein anderes Problem sei die Bürokratie: "Vielfach ist unklar, inwieweit ein ehrenamtlicher Helfer zum Beispiel gegen Unfälle versichert ist."

Sicherlich würden genug Helfer gefunden werden, um beispielsweise einen Hörsaal zu renovieren. "Aber weil sie dabei von der Leiter fallen könnten, ist das versicherungstechnisch heikel", sagt Kramberg. Zudem ist Helfer nicht gleich Helfer. Wer Ehrenamtliche einsetzt, "muss Kompetenz, Zeit und auch etwas Geld in eine sorgfältige Auswahl, in die Vorbereitung und in die Begleitung investieren", sagt Heinz Janning, Geschäftsführer der Beratungsagentur für Bürgerschaftliches Engagement "Option BE". Als Beispiel nennt er Mentoring. "Dabei ist es ratsam, einen noch unerfahrenen Mentor durch einen erfahrenen im Tandem begleiten zu lassen", sagt Janning, der einen Kurs für Management im Ehrenamt gibt - derzeit der einzige seiner Art in Deutschland. Mitarbeiter von Hochschulen haben bisher noch nicht teilgenommen, sagt Koordinatorin Prof. Dr. Doris Rosenkranz von der Technischen Hochschule (TH) Nürnberg.

Ihre Hochschule geht mit gutem Beispiel voran: Die zentrale Studienberatung bildet Studierende zu Online-Studienberatern aus, die ehrenamtlich stundenweise im Chat Fragen von Schülern oder Studierenden beantworten. Dafür lernen sie beispielsweise die richtige Art der Ansprache - Fähigkeiten, von denen sie nicht nur im Ehrenamt, sondern auch später im Beruf profitieren, sagt Marina Helbig, Leiterin der Studienberatung in Nürnberg.

Erschienen in: duz Magazin 1/2014 vom 20. Dezember 2013


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insgesamt 9 Beiträge
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xireney 06.01.2014
1. kein Titel
Würde man mal weiter gehen und den verstaubten und gewucherten Bürokratieapparat der meisten Unis komplett überholen, könnte man durch die gewonnenen personellen Freiräume sicherlich eine erhebliche Verbesserung auch in Bereichen wie "Welcome Center" usw. erreichen. Auch die Zusammenarbeit mit den -sehr zu begrüssenden- Ehrenamtlichen würde dann sicher effizienter laufen. Aber so entsteht leider nur der Eindruck, dass sich die gut versorgte Uni-Bürokratie (zumindest die Spitze) lieber für noch mehr Geld externe Berater einkauft, um dadurch unentgeltliche Hilfe/Helfer zu bekommen, ohne dass die Effizienz und Notwändigkeit des eigenen Apparats auch nur mal mit zei Augen angeschaut wird. Selbsterhaltungsprinzip einer ausgeuferten Bürokratie, egal ob Finanzamt, Bauaufischtsbehörde oder Uni-Bürokratie, Prüfamt etc.
alaunemad 06.01.2014
2.
Die Fachschaften wurden nirgends erwähnt, das ist eine sehr große Gruppe ehrenamtlicher Helfer an den Unis, die anderen Studenten helfen, während sie selbst noch studieren. Alumnis zurück an die Uni zu bekommen ist etwas schwieriger.
sarang he 06.01.2014
3. Tja
in den ersten Jahren meiner Studienzeit wurde grossflächig von Ehrenamtlich auf Hauptamtlich umgestellt. Damals wurde von uns Studenten ganz offen gefragt, warum Tätigkeiten, die maximal 2 Monate im Jahr durchgeführt werden, ganzjährig Leute eingestellt werden müssen und wie dies überhaupt finanziert werden könne. Ein par Jahre später gab es die ersten Diskussionen über explodierende Kosten der Universitäten.
wastl300 06.01.2014
4. Die Antworten sind doch schon zu lesen
Warum gibt es so wenige im Ehrenamt? - Bürokratie, Streuung der Resourcen - Ein Studium ist teuer. Viele arbeiten nebenher in unterbezahlten Jobs, brauchen Geld für die unbezahlten Praktikas. - Spitzen- und Führungskräfte (mögliche Mentoren) in D haben keinen 40 Stunden Job. Wann sollen sie Zeit für solch ein Engagement haben? - Sehe USA, mit ihren Seilschaften, aber auch nicht als Vorbild
WernerS 06.01.2014
5. Meine alte Uni
Die Bürokratie undurchsichtig, keine Unterstützung beim Studium. Der Prof der am lautesten über die Faulheit der Studenten lästerte, hat sich mit der Korrektur so viel Zeit gelassen, dass man zwei Tage hatte, sich fristgerecht zur nächsten oder zur Wiederholungsprüfung anzumelden. die ehrenamtlichen Fachschaften wurden zurechtgestutzt und das Bafög kam so regelmäßig wie Lotto: - Ihre Schwester hat vorgestern Abi gemacht. Sie kann jetzt zum Familieneinkommen beitragen, ihre Eltern liegen damit über der Bemessungsgrenze. - Ihr Antrag auf Bafög Erhöhung konnte nicht bearbeitet werden, da wir zu wenig Personal haben. Probieren Sie es nächstes Jahr wieder. Und wenn du dir heute das Blättchen für Alumnis ansiehst. Das einzig handfeste darin ist das Überweisungsformular. Man könnte sich genauso gut zum Kehren im Klärwerk melden. Das Verhältnis zu der Institution ist sogar noch etwas persönlicher als zur Alma Mater. Heute studieren meine Kinder, und es hat sich nichts geändert.
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