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Ungarns Widerstand: "Wenn alle abhauen, wer macht dann Opposition?"

Rebellische Ungarn "Wenn alle gehen, wer macht dann Opposition?"

Pirka, 24, ist erledigt, denn seit Wochen schläft sie auf einer Isomatte in ihrer Budapester Uni aus Angst vor der Polizei. Zusammen mit 30 Kommilitonen und Obdachlosen hat die Studentin im Februar einen Hörsaal besetzt - aus Protest gegen die nationalistische Politik ihres Landes.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der ungarische Regierungschef Viktor Orbán hat weitere Verfassungsänderungen durchgedrückt, mit extremen Auswirkungen auch für Studenten: Das jetzige Gesetz sieht vor, dass sie künftig nach ihrem Abschluss doppelt so viele Jahre in Ungarn arbeiten sollen, wie sie zuvor studiert haben. Wer sich weigert, muss hohe Studiengebühren nachzahlen. Trotz der Proteste wird Staatspräsident János Ader das neue Gesetz wohl unterschreiben.

Doch obwohl ihr Kampf nun eigentlich verloren ist, wollen einige Studenten noch nicht aufgeben. "Wenn alle abhauen, ist ja niemand mehr da, um Opposition zu machen", sagt auch Klara. Wie die anderen Besetzer organisiert sie Demos, in der Hoffnung, die Verfassungsänderungen doch noch rückgängig machen zu können. Klara hat gerade ihren Masterabschluss geschafft, sie würde gern in ihrer Heimat bleiben. Doch: "Die Wirtschaft ist am Boden. Ich habe zwei Jobs und verdiene damit 200 Euro im Monat. Wenn das so weitergeht, muss ich auch weggehen."

Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei gut 26 Prozent, viele junge Ungarn haben bereits das Land verlassen, um woanders arbeiten oder studieren zu können. Auch Pirka weiß nicht, wie es für sie weitergehen soll: "Meine Eltern könnten mir niemals ein Studium im Ausland finanzieren", sagt sie. Vermutlich wird sie deshalb den neuen Studienvertrag mit der nationalistischen Orbán-Regierung unterzeichnen - und sich verpflichten, der Heimat treu zu bleiben.


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Foto: LASZLO BALOGH/ REUTERS

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