Plagiatsaffären Die Großen hängt man, die Kleinen schweigt man tot

Guttenberg, Koch-Mehrin, Schavan - und jetzt Lammert: Wenn promovierte Politiker ins Visier von Plagiatsjägern geraten, müssen sie um Ruf und Amt bangen. Doch weniger prominente Doktoren kommen manchmal mit dem Schrecken davon. Warum eigentlich?

Doktorarbeiten im Visier: Die VroniPlag-Aktivisten veranschaulichen verdächtige Stellen als Barcode

Doktorarbeiten im Visier: Die VroniPlag-Aktivisten veranschaulichen verdächtige Stellen als Barcode

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Nein, es lässt ihn nicht kalt. Norbert Lammert ist genervt von den Plagiatsvorwürfen, das sagt er selbst. "Ich finde an der ganzen Geschichte die Form unwürdig, die Sache unbegründet und die Wirkung ehrenrührig", so lässt sich der Bundestagspräsident nach seinem ersten öffentlichen Auftritt zitieren. Nur wenige Tage ist das her, da besuchte Lammert seinen Wahlkreis in Bochum.

Nervig, unwürdig, ehrenrührig: Politiker mit Doktortitel haben ein Problem, wenn sich Plagiatsjäger ihrer Dissertationen annehmen und vermeintliche Zitierfehler, fehlende Quellen, Textähnlichkeiten im Netz dokumentieren. Sie reagieren entsprechend empfindlich, je prominenter, desto mehr steht auf dem Spiel.

Seit Karl-Theodor zu Guttenberg als Plagiator aufgeflogen ist, erst seinen Titel und dann sein Amt verlor, müssen sie fürchten, dass ihre akademische Vergangenheit sie einholt, zumindest aber kritisch hinterfragt wird. Allein der Vorwurf kann zur Belastung werden und erst recht ein laufendes Prüfverfahren an einer Hochschule, denn die ziehen sich zum Teil monatelang hin. Die Unschuldsvermutung scheint nur noch wenig wert, sobald Zeitungen, Blogs, Websites über den Verdacht berichten.

Einige wettern dann gegen anonyme Denunzianten im Netz, gegen Pedanten, die sich nur aus politischen Gründen durch Fußnoten quälen würden. Und natürlich gibt es sie: Auftragsjäger, die für Honorare Doktorarbeiten scannen, und politische Gegner, die jemanden niedermachen wollen.

Nicht die Politiker, die Wissenschaftler sind das Problem

Doch viele Plagiatsjäger, die sich selbst als "kollaborative Dokumentare" sehen, durchleuchten nicht nur Politiker - bei weitem nicht. Allein auf der Wiki-Seite VroniPlag sind mittlerweile 48 Fälle dokumentiert. Es finden sich 15 Juristen und 12 Mediziner, davon ein Tier- und ein Zahnarzt - alles Fächer, die immer wieder mit dem Vorwurf zu kämpfen haben, es gebe bei ihnen besonders viele Schmalspur-Promotionen. Weniger als ein Dutzend der mit Klarnamen genannten Doktoren sitzen in Parlamenten oder in Wahlämtern (und nicht alle von ihnen, aber die meisten, gehören der Union oder der FDP an).

Verheerender für die Wissenschaft sind allerdings Wissenschaftler, die nicht redlich arbeiten, so sehen es viele VroniPlag-Aktivisten. Auf ihrer Seite listen sie 16 Dozenten, Professoren und Lehrbeauftragte auf. "Die Politiker stehen in der Zeitung", systematisch unehrliche Wissenschaftler nicht unbedingt, klagt Debora Weber-Wulff, Plagiatsexpertin und Informatikprofessorin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. "Wie sollen Personen, die in ihren Dissertationen oder Habilitationen nicht sauber gearbeitet haben, neue Wissenschaftler ausbilden?" Die Unis müssten energischer und transparenter dagegen vorgehen.

Seit Guttenberg ringen Hochschulen, Wissenschaftsorganisationen und Funktionäre um den richtigen Umgang mit dem Thema. Vor wenigen Wochen hat die DFG ihre neuen Empfehlungen zur guten wissenschaftlichen Praxis vorgelegt - und eine Diskussion darum entfacht, ob Hinweisgeber anonym bleiben dürfen oder nicht.

Die Unis, denen VroniPlag-Aktivisten Verdachtsfälle melden, reagieren höchst unterschiedlich. Manche prüfen schnell und konsequent, manche lassen sich sehr viel Zeit und reagieren auf Nachfragen genervt. Und manche kommen zu sehr unkonventionellen Ergebnissen:

  • Da ist etwa der Fall eines Kleinstadt-Bürgermeisters, der eine zweite Chance bekam. In seiner ingenieurswissenschaftlichen Doktorarbeit hatte er unter anderem die Zeitschrift "Super Illu" und "Wikipedia" als Quellen genutzt. Die TU Berlin erfuhr im Sommer 2011 von dem Verdacht, die Gremien prüften und prüften. Es dauerte jedoch fast anderthalb Jahre, bis der Uni-Präsident entschied: Der Mann darf Doktor bleiben. Seine Zitierweise sei zwar mangelhaft, "diese wirken sich allerdings nicht auf die Eigenständigkeit der wissenschaftlichen Leistung aus". Er solle die Arbeit binnen Halbjahresfrist mit korrekten Zitaten neu einreichen. Laut Uni hat er das getan, die Promotionskommission prüfe jetzt, ob er die Auflagen erfüllt hat.
  • Ein anderer Betroffener wollte die Prüfung gar nicht erst abwarten: Der bayerische Landrat gab im April 2013 bekannt, seinen Doktortitel freiwillig nicht länger führen zu wollen - nicht einmal drei Wochen, nachdem die Plagiatsvorwürfe seiner politikwissenschaftlichen Dissertation auf VroniPlag veröffentlicht worden waren. Die Bundeswehr-Universität München prüft die Arbeit trotzdem weiter. Sie verfahre "stets und ohne Ansehen der Person gemäß den genannten Verfahrensvorgaben", teilte die Hochschule mit.
  • Unter Plagiatsverdacht gerieten auch zwei ehemalige Wissenschaftler der Charité Berlin, eine der größten Universitätskliniken Europas. Ein Verdächtigter erhielt einen Freispruch im Schnellverfahren, der andere wird noch geprüft. Beiden Mediziner wurden unabhängig voneinander an der Charité habilitiert, sie waren bereits vorher für ihre wissenschaftlichen Arbeiten ausgezeichnet worden. Beide praktizieren inzwischen in Führungspositionen an anderen Kliniken. In dem einen Fall erhielt die Charité nach eigenen Angaben im März 2011 einen anonymen Brief. Noch am selben Tag sei, so die Uni-Klinik, der zuständige Ombudsmann informiert worden. Daraufhin sei eine Untersuchungskommission eingerichtet und der erfolgreiche Mediziner angehört worden. Wenige Wochen später, Ende April 2011, habe die Kommission ihren Abschlussbericht vorgelegt, der Plagiatsvorwurf wurde darin "einstimmig als unzutreffend" bezeichnet. Die Charité geht davon aus, dass jemand dem Mediziner gezielt schaden wollte. Später machte auch VroniPlag die Plagiatsvorwürfe gegen den Mediziner bekannt, jedoch erst Mitte Oktober 2011. Demnach finden sich auf einem Drittel der Seiten der Habilitation verdächtige Stellen. Für die Charité ist der Fall jedoch längst erledigt.
  • Sehr, sehr viel Zeit lässt sich bisweilen die Uni Bonn: Im September 2011 machte VroniPlag bekannt, dass die Prüfer auf gut 60 Prozent der Seiten eines ehemaligen Doktoranden verdächtige Stellen entdeckt hätten. In der Uni war der Fall zunächst nicht bekannt, später teilte sie mit, er würde seit dem Sommersemester 2013 geprüft und eine Entscheidung voraussichtlich im Dezember getroffen.

insgesamt 69 Beiträge
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siehsmalso 12.08.2013
1. prinzipiell
ist alles erlaubt, nur erwischt werden ist verboten.
lronmcbong 12.08.2013
2. optional
von mir aus hängt sie alle, aber wer hier guttenberg auch nur eine träne nachweint, dem sei gesagt, dass er - wie alle eigentlich - doch überaus weich gefallen ist. aus Wiki: Am 29. September 2011 wurde bekannt, dass Guttenberg am Center for Strategic and International Studies (CSIS), einem Thinktank in Washington, eine nicht näher definierte unbezahlte Tätigkeit als "Distinguished Statesman" (deutsch: "angesehener Staatsmann") "an der Spitze eines neuen transatlantischen Dialogforums"[196] aufnehmen werde.
wikileaks 12.08.2013
3. Die Betreuer...
der eingestampften Dissertationen gehen mit minimalem Imageschaden aus der Sache raus, obwohl klar ist, dass sie ihre Pflichten bei der Begutachtung verletzt haben. Nach wie vor gelten keinerlei Mindeststandards für die Beurteilung der Dissertationen durch die Betreuer. Es wäre fern jeder Lebenserfahrung anzunehmen, dass dann deutsche Dissertationen in der Regel vernünftig begutachtet und benotet würden. Da besteht dringender Handlungsbedarf von Seiten der Universitäten, wenn sie tatsächlich daran interessiert sind, einen weiteren Imageverlust entgegenz
explorer88 12.08.2013
4. Vielen geschieht unrecht!
Sie haben nämlich ihre Arbeiten von ghostwritern schreiben lassen - und wenn diese dann schlampen... Aber jeder sollte die Möglichkeit erhalten, seine Arbeit zu verbessern und vor einer Kommission zu präsentieren...
analyse 12.08.2013
5. Wie kann man einem einzelnen Dr. eine zu einfache
Arbeit vorgelegt zu haben,.z.B. einem Mediziner wenn die Arbeit dem allgemeinen Niveau der Fakultät entspricht ! Das ist denn dann doch wohl Sache der Fakultät,oder der Universität und nicht des Promovierten ! Und auffällig ist auch wenn bevorzugt Promovierte bestimmter Parteien angeklagt werden !
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