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16. März 2011, 15:21 Uhr

Wildes Uni-Ritual

Studenten protestieren nackt gegen Nacktlauf-Verbot

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Splitternackt auf eisigen Wegen: Der Präsident der amerikanischen Tufts-Universität hat die Flitzer satt. Der winterliche Nacktlauf sei zu gefährlich und arte in ein "Massaker" aus. Mehr noch als verstauchte Knöchel besorgt den Uni-Chef allerdings der massive Alkoholkonsum seiner Erstsemester.

Lange hat Lawrence Bacow die volltrunkenen Studenten auf seinem Campus gewähren lassen. Jedes Jahr im Dezember feiern dort vor allem die Erstsemester an der renommierten Privat-Uni mit einem Nacktlauf und viel Alkohol, dass sie die ersten Monate des Uni-Lebens überstanden haben.

Bei eisigen Temperaturen und oft auf verschneiten und vereisten Wegen rennen sie rund um den Platz The Quad, manche ziehen völlig blank, andere behalten Unterhosen und BHs an oder schützen sich mit Mützen und Handschuhen gegen die Kälte.

Der Spaß ist an vielen US-Unis beliebt, doch meist rennen die Studenten im Sommer, etwa beim kalifornischen Undie Run, der züchtiger und in Unterwäsche, aber ebenso mit exzessivem Trinken abläuft.

Schnapsleiche im Vorgarten des Uni-Präsidenten

Als 2002 zwei Tufts-Studenten beinahe an einer Alkoholvergiftung starben und mehrere Knochenbrüche, verstauchte Knöchel und Handgelenke verarztet werden mussten, wollte Uni-Präsident Bacow das "Massaker", wie er es nannte, schon beenden - doch Studenten überzeugten ihn, sie bekämen die feiernde Meute schon in den Griff.

Wie bei einem Sportereignis schützten im Jahr darauf Absperrungen die nackten und halbnackten Läufer vor Zuschauern, Uni-Mitarbeiter streuten und salzten die Wege, auf denen die barfüßige Studentenhorde über den hügeligen, winterlichen Campus rannte. Sogar Essen wurde verteilt, damit die Studenten nicht auf leeren Magen trinken. "Leider mussten wir feststellen, dass diese Maßnahmen das Ereignis nur noch größer gemacht haben", sagte ein zerknirschter Bacow der Zeitung "Boston Globe".

Jetzt soll endgültig Schluss sein. Zwölf Studenten im Krankenhaus, davon zwei mit lebensbedrohlichen Alkoholwerten, einer in Polizeigewahrsam - das sei die Bilanz des Laufs im vergangenen Dezember, sagte Bacow. Man sei "nur knapp einer Tragödie entgangen". "Weil wir den Lauf nicht mehr kontrollieren können, können wir diese 'Tradition' nicht fortführen", schrieb der Präsident in einem Meinungsbeitrag für die Campus-Zeitung "Tufts Daily".

Präsident: "Perverse Besäufniskultur"

Die Studenten allerdings wollen sich ihr Event, das seit den siebziger Jahren zum Ende des Herbstsemesters steigt, nicht nehmen lassen. "In einem friedlichen, nüchternen Protest gegen die Entscheidung des Präsidenten", rannten in der Nacht zum Dienstag mehrere Dutzend Studenten über den Campus, um den Naked Quad Run zu retten, berichtete die Uni-Zeitung "Tufts Daily". Der hochschuleigene Sicherheitsdienst sah den Studenten zu, schritt aber nicht ein, berichtete ein Augenzeuge.

Bereits im vergangenen Sommer hatte sich Präsident Bacow über eine "perverse Besäufniskultur" auf seinem Campus beklagt, nachdem ein Student nach einem Sieg der lokalen Football-Mannschaft betrunken in seinem Vorgarten zusammengebrochen war. Die Alkohol-Opfer-Statistik aus dem vergangenen Jahr, die der Präsident zitiert, klingt tatsächlich dramatisch: Einen Monat nach Semesterbeginn waren schon 16 Undergraduate-Studenten der Uni mit Alkoholvergiftung im Krankenhaus gewesen, im Juni zählte die 9500-Studenten-Hochschule schon 60 hospitalisierte Schnapsleichen.

Die Uni will derweil Vorschläge von Studenten sammeln, wie sich das Semesterende feiern lässt, ohne sich betrunken auszuziehen. Zwei Studentenvertreter begrüßten in der Campus-Zeitung die Initiative ihrer Hochschule. Studentenvertreterin Sarah Habib kritisierte den spontanen Nacktlauf-Protest ihrer Mitstudenten als falsch - sie sollten doch lieber einen Winter-Karneval oder Konzerte organisieren oder sich Alternativen zum Nacked Run ausdenken. Für die Gewinne des Ideenwettbewerbs lobte die Uni iPad-Tabletcomputer aus.

Ein Student, der am Montagabend für den Lauf demonstrierte, aber seinen Namen nicht in der Studentenzeitung "Tufts Daily" lesen wollte, sieht schwarz für solche zahmen Reformvorschläge: Das die Campus-Polizei nicht eingegriffen habe, zeige, dass die Veranstaltung nicht zu stoppen sei. "Es wird wieder passieren. Und es werden noch mehr Leute werden."

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