Wirtschaftsstudenten Erst das Lernen, dann die Moral

Die Weltwirtschaftskrise lässt auch BWL-Fakultäten nicht kalt. So will die Uni Mannheim das moralische Bewusstsein ihrer Studenten schärfen. Aber finden Betriebswirtschaftler dafür in ihrem straff organisierten Studium überhaupt Zeit? Ein Besuch bei Studenten und Professoren.


In den Gängen der renommierten Mannheimer Fakultät für Betriebswirtschaftslehre herrscht kurz vor Beginn der Klausurenzeit Hochbetrieb, die Sonne scheint durch die Fenster. Dort, wo Manager zur Wirtschaftselite ausgebildet werden sollen, reagiert man nun auf die lauter werdende gesellschaftliche Kritik, dass es dem Führungspersonal an moralischen Grundsätzen mangele.

Schloss mit der Uni Mannheim: "Der Wind wird schon drehen"
DPA

Schloss mit der Uni Mannheim: "Der Wind wird schon drehen"

Die BWL-Fakultät versucht schon seit längerer Zeit, mit Angeboten außerhalb des regulären Lehrplans auch Aspekte der Ethik zu berücksichtigen. Jetzt soll sogar eine Professur dafür eingerichtet werden.

Doch vielen Studenten ist das Thema noch fremd. Heiko, 22, ist BWL-Student im sechsten Semester an der Mannheimer "Kaderschmiede" für künftige Manager und sitzt etwas zurückgezogen vor einem Stapel Blätter. Sicher, auch er hält die Vorwürfe gegen Manager und Banker für teilweise berechtigt, allerdings werde das Thema in Studentenkreisen kaum diskutiert. "Das Studium hier ist ziemlich anstrengend. Wer mit seinem Stoff durchkommen will, kann nicht auch noch freiwillige Kurse belegen, selbst wenn das sinnvoll wäre", sagt er.

"Die Wut gegen Banker und Manager hat etwas Bedrohliches"

Auch Linda, 25, glaubt nicht, dass die Eigeninitiative soweit geht, dass die Kommilitonen in der knappen Freizeit über Moral und Ethik in der Wirtschaft diskutieren: "Sinnvoll wäre es daher, wenn wir schon direkt in den Seminaren stärker auf das Thema soziale Verantwortung eingehen würden." Ansonsten hofft Linda darauf, dass sich das schlechte Image der Manager mit der Zeit wieder relativieren wird: "Spätestens, wenn die Wirtschaftskrise überstanden ist, wird sich der Wind drehen."

Hans Bauer, Dekan der Mannheimer BWL-Fakultät, verfolgt die aktuelle Diskussion um die Folgen der Wirtschaftskrise mit Sorge. "Die Wut, die zurzeit vor allem Banker und auch Manager trifft, hat etwas Bedrohliches", sagt er und verweist auf die Demonstrationen der vergangenen Tage. Frankfurt, Berlin, London - stets sei neben der politischen Artikulation auch die wachsende Aggression gegen die gesamte Branche spürbar gewesen.

Dabei, sagt der Dekan, lege die Fakultät mitnichten auf rein betriebswirtschaftliches Wissen Wert, sondern vermittle auch kulturelle und soziale Werte: "Wir wollen schließlich keine betriebswirtschaftlichen Technokraten ausbilden." So stehen neben den regulären Seminaren des Bachelor- und Masterstudiums auch zahlreiche Zusatzangebote auf dem Programm - "es gibt Theatergruppen, Literaturkreise, auch Wirtschaft und Umweltschutz wird bei uns thematisiert."

Kaum Zeit für Unternehmensethik

Außerdem läuft während des Pflichtsemesters im Ausland ein Seminar zur Unternehmensethik und soll das soziale Bewusstsein der Nachwuchsökonomen schärfen. Wenn alles klappt, dann soll demnächst eine Professur für "Corporate Social Responsibility" das Thema Wirtschaft und Moral weiter Mittelpunkt rücken. Die Philosophische Fakultät plant ebenfalls eine Professur für Wirtschaftsethik, was zu einem regen Austausch beider Fachbereiche führen soll.

Ob die Studenten von alldem Gebrauch machen, ist aber eine andere Frage. Nikolaus und David, beide 21, hoffen, dass sich bis zum Ende ihres Studiums die Stimmung in der Bevölkerung gebessert hat. "Als BWL-Student ist man ja sowieso nicht gerade oben auf der Beliebtheitsskala", sagt Nikolaus. Von der aktuellen Kritik fühlt er sich als Student momentan noch weitgehend verschont.

Sein Kommilitone David hält es schon aus Zeitgründen für problematisch, sich intensiv mit der Unternehmensethik zu befassen. "Ich bekomme immer wieder zu hören, dass sich Studenten gekonnt vor diesen Kursen gedrückt haben", berichtet er mit Blick auf die Ethikseminare im Ausland. Sowohl er als auch Nikolaus - beide im vierten Semester - sind der Ansicht, das Studium sei viel zu straff organisiert, als dass solche Fragen stärker diskutiert werden könnten.

Von Stephen Wolf, ddp



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