Wirtschaftsstudium Bühne statt Seminar

Alle reden von den berühmten "Schlüsselqualifikationen". An der Uni Köln werden sie vermittelt: In Theatergruppen, Workshops oder Debattierclubs lernen Wirtschaftsstudenten zusammenzuarbeiten und gepflegt zu streiten.

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Statt den ganzen Tag Kostenrechnung zu bimsen, spielt Bodo Borgards Theater

Statt den ganzen Tag Kostenrechnung zu bimsen, spielt Bodo Borgards Theater

Köln - Mord und Totschlag regieren in der romanischen St. Maria-Kirche zu Köln. Auf dem Boden liegt der Erzbischof von Canterbury, Thomas Becket, ermordet von vier normannischen Baronen. Im richtigen Leben heißt der gemeuchelte Kirchenmann Bodo Borgards, studiert Volkswirtschaftslehre und ist Mitglied der "American Management Seminars" an der Universität Köln. Dieses bundesweit einmalige Projekt soll die Teilnehmer möglichst lebensnah auf künftige Manager-Aufgaben vorbereiten.

Wirtschaftsstudenten gelten sonst als Leisetreter, die nur für die Karriere büffeln: Mit Anfang 20 - so will es das Klischee - lernt der alerte Jungökonom den Windsorknoten, mit Mitte 20 legt er sich eine Kollektion teurer Aktenköfferchen zu, mit Ende 20 ereilt ihn die erste Midlife-Crisis. Im Galopp saust er durchs Studium und kann alle DAX-Kurse im Schlaf herunterbeten. Für Kunst, Musik, Theater bleibt da wenig Platz.

Jungökonomen können auch anders, wie das Kölner Projekt zeigt. An der ausschließlich englischsprachigen Seminarreihe nehmen sie freiwillig teil. Und so wird Bodo Borgards beim Theaterstück "Murder in the Cathedral" des US-Dichters T.S. Eliot regelmäßig zum ehrenwerten Erzbischof. Borgards sieht eine Reihe positiver Nebeneffekte: "Bei den Proben musste ich beispielsweise viel Kritik einstecken, aber auch austeilen", sagt der 24-jährige Hobby-Schauspieler, "das wird später im Job wohl ähnlich sein."

Zum Studium gehört mehr als schlichtes Pauken von Fakten - davon will der amerikanische Gastdozent Paul Drew-Bear seine deutschen Schützlinge überzeugen. Denn um in der Welt der Banken und Unternehmensberatungen Erfolg zu haben, muss man vor allem im Team arbeiten und Probleme bewältigen können. Bereits seit über zwanzig Jahren vermittelt Drew-Bear den Studenten "Soft Skills", ob in Theatergruppen, Literatur-Workshops oder Kursen zur Konfliktlösung. "Unser fächerübergreifendes Programm hilft den Studenten, ihre kreativen und rhetorischen Fähigkeiten weiterzuentwickeln", sagt der 60-Jährige. Schauspiel etwa sei eine Herausforderung, die mit den Studieninhalten nichts direkt zu tun habe. "Aber viele spüren dabei erstmals, wie ihre Körpersprache auf andere wirkt, und diese Entdeckungsfreude muss man fördern", so Drew-Bear.

In einem Debattierclub beispielsweise lernen die Mitglieder der American Management Seminars die hohe Kunst des Streitens. Zu festgelegten Themen teilen sich die Studenten nach klassischem englischen Vorbild in "pro und contra"-Teams auf und versuchen, eine Jury durch scharfsinnige Argumente von der eigenen Position zu überzeugen. Besonders talentierte und leistungswillige Studenten nimmt Dozent Drew-Bear in das "Alpha Corps" auf. Dort tauchen derzeit rund handverlesene 70 Hochschüler intensiv in Shakespeares literarische Welt ein oder organisieren eben ein gesamtes Theaterstück. BWL-Student Mario Helmstätter ist seit zwei Jahren dabei und steht jetzt kurz vor dem Examen. Neben dem "Spaßfaktor" zählt für ihn die Möglichkeit, Initiative zu zeigen: "Das ist ganz anders als ein Theoriestudium in großen, muffigen Hörsälen", erzählt der 25-Jährige, "weil es keine Anwesenheitspflicht und keine Scheine gibt, treffen sich bei uns nur die wirklich Engagierten."

Wirtschaftsstudent Thorsten Bast übernahm bei "Murder in the Cathedral" erstmals Regieaufgaben. "Unsere Darsteller hatten allesamt kaum Schauspiel-Erfahrung und mussten erst lernen, auf der Bühne aus sich herauszukommen", erzählt er. Dabei verliere man schnell die Scheu, vor einem größeren Publikum zu sprechen. "Wer nur still vor sich hinstudiert, kann sich einige Semester lang in der Masse verstecken", meint der 24-Jährige, "wer aber auf der Bühne gestanden hat, schafft jedes Referat im Studium ohne Lampenfieber und wird später auch keine Angst vor einer Unternehmenspräsentation haben."

Dass solche Kunst nicht brotlos sein muss, beweisen die engen Kontakte zur Wirtschaft: Namhafte Unternehmen interessieren sich zunehmend für den Kölner Wirtschafts-Nachwuchs. Für "Murder in the Cathedral" gewannen die Hobby-Theatermacher sogar Branchengrößen wie McKinsey und Bertelsmann als Sponsoren; Firmenvertreter saßen bei der Premiere Mitte Januar auch im Publikum. Durch die Finanzspritzen aus der Wirtschaft kletterte das Budget auf stolze 26.000 Mark. Entsprechend professionell konnten Thorsten Bast und seine Kommilitonen arbeiten.



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