Wettbewerb um Elite-Unis "Es muss Verlierer geben"

Wissenschaftsministerin Theresia Bauer ist Elite-Königin: Ihr Bundesland hat bislang gut 500 Millionen Euro in der Exzellenzinitiatve abgeräumt. Doch diesmal könnte Baden-Württemberg im Elite-Rennen schlecht aussehen. Bauers Ziel: Geschacher um jeden Preis verhindern.

Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne): "Ich bin gespannt und zuversichtlich"
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Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne): "Ich bin gespannt und zuversichtlich"


SPIEGEL ONLINE: Frau Bauer, für Sie steht bei der Exzellenzinitiative sehr viel auf dem Spiel: Baden-Württemberg hat bereits vier Elite-Unis, jetzt soll auch noch Tübingen dazu kommen. Doch für mehr als zwölf Unis bundesweit reicht das Geld wohl nicht. Wie wollen Sie beim Geschacher in der Schlussrunde die anderen Bundesländer ausbooten?

Bauer: Es wird kein Geschiebe und Geschacher geben. Alle Seiten haben versichert, dass wissenschaftliche Kriterien zählen und die Vorschläge der Gutachter nicht in letzter Minute ausgehebelt werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind gegen den Regionalproporz, denn Ihr Land würde verlieren. Aber am Freitag spricht die Politik, da geht es nicht ohne Deals und Tauschgeschäfte ab…

Bauer: Natürlich können auch wir eine bereits geförderte Exzellenzuni verlieren. Ich bin aber absolut dagegen, dass regionale Kriterien zählen - und wenn doch, werde ich richtig böse.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Kollege aus Sachsen mit nur einer Uni im Exzellenzrennen sieht das bestimmt anders.

Bauer: Wer versucht, zu dealen, diskreditiert die gesamte Exzellenzinitiative. Es muss auch Verlierer geben, Auf- und Abstiege gehören dazu. Ich wünsche mir für unsere Hochschulen natürlich, dass sie nicht zu den Absteigern gehören.

SPIEGEL ONLINE: Experten fordern ein vorläufiges Ende der Großwettbewerbe, darunter der Hamburger Uni-Präsident Dieter Lenzen.

Bauer: Der Wettbewerb bei der Exzellenzinitiative ist sicher nicht fehlerlos, aber ich kenne kein besseres Verfahren. Wir brauchen wieder etwas Ähnliches, damit sich die Unis nach der Decke strecken müssen. Konkurrenz ist anstrengend, aber sie macht die Unis besser. Es wird Aufsteiger geben, die in der ersten Runde nicht dabei waren, sich jetzt aber so angestrengt haben, dass es reicht.

SPIEGEL ONLINE: Meinen Sie damit die Uni Tübingen, die sich in Ihrem Bundesland erneut um den Elite-Titel bewirbt?

Bauer: Ich gebe keine Prognose ab. Ich kenne zwar die Bewertungen, aber wir bewegen uns in einem solch ausgesprochen engen Feld, dass bis Freitag alles möglich und alles offen ist.

SPIEGEL ONLINE: Weil dann doch geschachert wird?

Bauer: Nein, aber die ersten Resultate lassen Raum für Interpretationen. Es gibt ein Ampelsystem: Wer grün bekommt, den wird die Politik nicht ablehnen können. Wer rot ist, den setzt sicher kein Landeswissenschaftsminister durch. Unis mit der Farbe gelb sind Wackelkandidaten - aber diese Mittelgruppe könnte auch leer sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange kennen Sie die Prognosen schon?

Bauer: Die Politik hat durchgesetzt, dass die Länder diesmal früher eine erste Tendenz erfahren. Anfang Mai gab es erste interne Bewertungen.

SPIEGEL ONLINE: Ist damit nicht schon das meiste klar?

Bauer: Überhaupt nicht. Aber sollten die Ergebnisse zu stark von dem abweichen, was bis jetzt von den wissenschaftlichen Gutachtern vorgelegt wurde, würde das die Frage zulassen, inwieweit der Prozess wirklich wissenschaftsgeleitet war. Durch die höhere Transparenz in der zweiten Exzellenz-Auswahl können wir deshalb eher ausschließen, dass die Politik Einfluss nimmt. Denn noch mal: Das darf es nicht geben.

SPIEGEL ONLINE: Liegen in der frühen Vorab-Information auch die Aufgeregtheit Ihrer Kollegen aus Sachsen und Bayern begründet? Bayern hat Angst, die LMU als Elite-Uni zu verlieren. Sachsen gibt sich mit der TU Dresden auch öffentlich sehr zuversichtlich.

Bauer: Noch mal: Wir kennen lediglich die Bewertungen der einzelnen Gutachtergruppen. Die Entscheidung fällt am Freitag. Zum bayerische Minister Heubisch kann ich nur sagen: Einen Bestandsschutz für bereits geförderte Exzellenz-Unis darf es nicht geben. Auch wenn er das gern so hätte. Und zu Sachsen gebe ich keine Prognosen ab. Das tue ich ja nicht einmal für mein eigenes Land.

SPIEGEL ONLINE: Gemessen an Jahresbudgets von mehreren Hundert Millionen Euro sind rund 20 Millionen Euro Exzellenzgeld jährlich gar nicht so viel. Lohnt sich das langwierige Antragsverfahren für die Unis überhaupt?

Bauer: Meine Bilanz ist positiv. Schon das Schreiben der Zukunftskonzepte hat unsere Universitäten verbessert. Früher mussten gerade große Unis sich nicht um ein Leitbild kümmern. Jetzt waren sie gezwungen, darüber gemeinsam nachzudenken.

SPIEGEL ONLINE: Welche ist die stärkste und welche die schwächste Uni unter den fünf Exzellenzbewerbern aus Baden-Württemberg?

Bauer: Fragen Sie mal Eltern, welches Kind sie am liebsten haben.

SPIEGEL ONLINE: Das Exzellenzgeld für die Forschung reicht für fünf Jahre. Was kommt dann?

Bauer: Wir wollen die Universitäten nicht alleine lassen. Nach dem Ende der Exzellenzinitiative gilt: Was gut ist, soll Bestand haben. Das Land wird dabei helfen. Wir wollen keine Exzellenztrümmer hinterlassen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind so begeistert. Soll es also doch eine weitere Runde der Exzellenzinitiative geben?

Bauer: Wir sind in engen Verhandlungen mit dem Bund, weil wir die Exzellenz weiterführen müssen, und dafür brauchen wir Geld von Bund und Ländern.

SPIEGEL ONLINE: Bisher verbietet das Grundgesetz, dauerhaft Geld des Bundes in die Bildung zu stecken. Unterstützt Baden-Württemberg die angestrebte Grundgesetzänderung, mit der die Bundesregierung in der Forschung aktiver werden will?

Bauer: Wir sind gesprächsbereit, aber es hängt nicht alles an diesem vermeintlichen Kooperationsverbot. Es gibt viele Wege, auf denen Bund und Länder für nachhaltige Forschung und für die Hochschulen sorgen können.

Das Interview führte Christoph Titz

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