Wissenschaftsrat contra Privatuni Wittener Mediziner dürfen weitermachen

Aufatmen in Witten/Herdecke: Die bedeutendste deutsche Privatuniversität wird nicht planiert. Sie kann weiterhin Mediziner ausbilden. Nach heftigen Turbulenzen lenkte der Wissenschaftsrat ein und stimmte einer Neuausrichtung des Fachbereiches zu.

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Am Ende wollte keiner der Beteiligten das Grabglöckchen läuten für das ehemals ehrgeizigste Uni-Gründungsprojekt in Deutschland: Nichts weniger hätte es bedeuten können, wenn der Wissenschaftsrat heute die Einstellung des Medizinstudiums in Witten/Herdecke empfohlen hätte. Doch die um ihre Existenz kämpfende Hochschule schaffte es, ein negatives Votum abzubiegen - vor allem weil auch die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen dem Vorzeigeprojekt im eigenen Bundesland nicht den Garaus machen wollte.

Witten bleibt weiterhin Universitätsstadt
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Witten bleibt weiterhin Universitätsstadt

Nun dürfen die Mediziner in Witten vorerst weitermachen: "Die erfolgte Vollakkreditierung ist ein Meilenstein in der weiteren Entwicklung der bundesweit in dieser Form einzigartigen privaten Universität", sagt Nordrhein-Westfalens Innovationsminister Andreas Pinkwart (FDP) im Anschluss an die Sitzung.

Den im Sommer 2005 ausgesprochenen Akkreditierungsvorbehalt für die medizinische Fakultät hob der Wissenschaftsrat auf. Wörtlich heißt es in der Stellungnahme des wichtigsten Beratergremiums der deutschen Wissenschaft: "Der Wissenschaftsrat kommt insgesamt zu dem Ergebnis, dass der Bericht der UWH zur Fortentwicklung ihrer Humanmedizin vom Juni 2006 einen konzeptionell wie strukturell zweckdienlichen Rahmen bildet. In diesem kann die humanmedizinische Lehre stabilisiert werden und die Forschung sich sowohl im Bereich von grundlagenorientierten als auch klinischen Fächern mit einer zukunftsfähigen Perspektive entwickeln."

Wittens Präsident Wolfgang Glatthaar zeigte sich mit dem Ergebnis zufrieden: "Wir werden beweisen, dass die Universität das in sie gesetzte Vertrauen rechtfertigt." Der Dekan der Medizinischen Fakultät, Matthias Schrappe, sagte: "Das ist ein außerordentlich positives Votum. Wir sind erleichtert und erfreut. Jetzt haben wir Handlungssicherheit, jetzt kann neu eingeschrieben werden." Die Medizinfakultät ist das Herzstück der ersten und wichtigsten deutschen Privatuniversität; um sie herum wurden seit der Gründung 1982 die anderen Fakultäten aufgebaut.

Peter Strohschneider, der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, wertet das Votum nicht als Abkehr von der bisherigen Linie des Gremiums: "Die vorigen Voten waren prozessuale Voten, und der Prozess hat zu einem erfreulichen Abschluss geführt. Es war sinnvoll, sich diese Mühe zu machen." Die Universität Witten habe sich erheblich bewegt, so Strohschneider.

Nach einer Sitzung im Mai, in der eigentlich schon über das Schicksal der Wittener Medizin entschieden werden sollte, hatte der Wissenschaftsrat eine Reihe von Auflagen gestellt: So sollte die Fakultät die Anzahl der Professoren aufstocken, die Grundlagenforschung stärken und die Kooperationsverträge mit Kliniken neu aushandeln.

Auflagen des Wissenschaftsrates

Die Wittener antwortete auf die Anforderungen mit einem "Fortschrittsbericht", die zur Vorlage bei der aktuellen Sitzung des Wissenschaftsrates diente. Wichtigste Punkte: Die Fakultät kündigte an, die Anzahl der hauptamtlichen Professuren aufzustocken und neben der Versorgungsforschung ein zweites grundlagenorientiertes Forschungsgebiet aufzubauen mit der Bezeichnung "Molekulare Mechanismen der akuten und chronischen Inflammation".

Noch vor wenigen Wochen hatte es so ausgesehen, als würden an der Medizinischen Fakultät in Witten bald die Lichter ausgehen. In einem internen Entwurf mit dem Titel "Drucksache 7237/07" hatte der Akkreditierungsausschuss des Wissenschafstrates empfohlen, das Medizinstudium in Witten einzustellen (SPIEGEL ONLINE berichtete ausführlich). Die Universität biete "keinen tragfähigen Rahmen für die weitere Entwicklung einer universitären Humanmedizin". Neue Einschreibungen für das Fach Medizin seien deshalb "nicht vertretbar". Die Wittener Mediziner wehrten sich: Das Studium sei ein "Zukunftsmodell, kein Auslaufmodell", so Medizin-Dekan Matthias Schrappe im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Die interne, überaus kritische Stellungnahme des Wissenschaftsrates wurde schließlich nicht veröffentlicht, Witten stattdessen eine Galgenfrist gewährt.

Kulturkampf um die richtige Medizinerausbildung

Die Kommissionen des Wissenschaftsrates sind teils mit Wissenschaftlern, teils mit Vertretern der Politik aus Bund und Ländern besetzt. Vor allem das Land Nordrhein-Westfalen setzte sich stark für die Wittener Medizin ein und zeigte sich in den Verhandlungen nicht bereit, das viel gepriesene Wittener Reformmodell zu beerdigen.

Zwischen den Wittener Medizinern und den Gutachtern des Wissenschaftsrates tobte zwischenzeitlich eine Art Kulturkampf: Während sich Witten seiner schlanken Strukturen und seiner praxisorientierten Lehre rühmte, verwiesen die Gegner der Privatuniversität darauf, dass Hochschulmedizin zu weiten Teilen auf Grundlagenforschung beruht, die nur an entsprechend ausgestatteten Universitätskliniken geleistet werden kann.

Um den Vorwurf zu entkräften, sie bildeten Mediziner nur unzulänglich aus, wiesen die Wittener unlängst auch auf ihre niedrige Durchfallerquote hin: Nur 8,8 Prozent der dortigen Absolventen fallen laut der Statistiken des Instituts für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen durch das erste Staatsexamen, gegenüber 13,1 Prozent in Nordrhein-Westfalen insgesamt. Positiv fällt auch die Bilanz für das zweite Staatsexamen aus: In Witten bestehen hier 4,1 Prozent nicht, gegenüber 5,2 Prozent im Land Nordrhein-Westfalen insgesamt.

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