Wissenschaftssprache So klappt's mit der Hausarbeit

Floskeln, Phrasen, Ausflüchte: Viele Studenten versuchen ihre Texte künstlich aufzublähen - sehr zum Leidwesen der Dozenten. Lesen Sie hier, welche Tipps Sie beherzigen und welche Fehler Sie vermeiden sollten.
Studentin: In der vorlesungsfreien Zeit stehen oft viele Hausarbeiten an

Studentin: In der vorlesungsfreien Zeit stehen oft viele Hausarbeiten an

Foto: Corbis

"Sprachstyropor macht mir schlechte Laune", sagt der Geschichtsprofessor Valentin Groebner im Interview mit SPIEGEL ONLINE. "Implementierung", "vielfältige Vernetzungen", "Handlungshorizonte" - solche Ausdrücke würden Texte aufschäumen, sagt er, und es sei nur noch schwer erkennbar, was dahinter stecke. Der Professor aber möchte schnell wissen, worum es geht - seine Lesezeit sei schließlich begrenzt, sagt er.

Lesen Sie im UniSPIEGEL welche Fehler Sie besser vermeiden und welche Tipps Sie beherzigen sollten - egal ob bei der nächsten Hausarbeit, Master- oder Doktorarbeit.

Die fünf größten Fehler

Ballast streichen

Nur wer es schafft, eine Schneise durchs Dickicht der Sekundärliteratur zu schlagen, kann auch Position beziehen. Groebner rät, auf Lieblinge zu verzichten und Gedanken mit eigenen Worten zu formulieren. Er schreibt: "Wenn alles wichtig und unverzichtbar ist, jedes Detail, dann kippt beim Lesen der ganze Text plötzlich nach hinten, wie ein U-Boot, in dem jemand eine Luke geöffnet hat, und versinkt unter seinem eigenen Gewicht, bis er am lichtlosen Grund des Meeres im Faktenschlamm aufsetzt."

Sprechende Automaten verbannen

Bürokratisierung, Internationalisierung, Methodenbewusstsein: Derart abstrakte Substantive, gefolgt von Passivkonstruktionen, panzern die Ideen eines Autors, es gibt kein Durchdringen zum Kern. Bei Begriffen, die so mechanisch wie gut geölte Roboter funktionieren, muss man vorsichtig sein: "Beobachten Sie, an welchen Stellen in Ihrem Text diese sprechenden Automaten erscheinen und wo sie sich auffällig zu vermehren beginnen", rät Groebner. Das seien in der Regel exakt jene Passagen, in denen die Argumentation "vager, schaumiger und wolkiger" werde.

Begriffsdrachen hinterfragen

Jeder, der schon einmal eine Seminararbeit schreiben musste, kennt sie: "Diskurs", "Komplexion", "Geist" und "Zeitgeist", "Wissensgesellschaft". Es sind je nach Disziplin gesetzte Großbegriffe, hinter denen ganze Theoriekomplexe stehen. Wer sie verwendet, signalisiert jedoch nicht nur: Ich kenne das, ich verstehe das, ich beziehe mich darauf. Doch man sollte sich nicht hinter derlei "Supersubstantiven" verstecken, findet Valentin Groebner, sondern sollte sie mit eigenen Worten erklären: "Als Autorin & Autor dürfen Sie auf den Zauber des Begriffs, den Sie verwenden, selbst nicht vertrauen - und vor allem dann nicht, wenn Sie ihm viel verdanken und das Ihren Leserinnen auch mitteilen wollen."

Schreiber-Arroganz ablegen

Wer glaubt, es kommt in wissenschaftlichen Texten nur auf die Inhalte an, nicht aber auf die Sprache, mit der sie vermittelt werden, der irrt. Schließlich muss man es auch schaffen, die Leser von seinen Thesen zu überzeugen, findet Valentin Groebner: "Wenn Wissenschaftler sagen, dass ihnen schreiberische Eleganz verdächtig und dass sie nur 'Oberfläche' oder 'literarischer Effekt' sei, dann sagen diese abwertenden Ausdrücke vor allem etwas über diejenigen aus, die sie gebrauchen."

Aus dem Versteck hervortreten

Wenn der Wissenschaftler sich aus seinem eigenen Text komplett zurückzieht, ist der Text wie tot, findet Valentin Groebner. Das "Ich" des Autors als Urheber des Textes zu verleugnen, sei absurd: "Manchen Autoren ist sogar das hauchzarte Pronomen 'es' zu anstößig", schreibt Groebner. "Es ist ihnen offenbar zu pronomig, zu sehr Subjekt, und deshalb lassen sie es in der Ellipse eines vorangestellten Halbsatzes gänzlich verschwinden. 'Anzumerken ist allerdings.' 'Hier muss in erster Linie.'"

Die fünf besten Tipps

Verdichten

Beim Schreiben sollte man von vorneherein versuchen, sich aufs Wesentliche zu beschränken und zu überlegen, von welchen Elementen man sich verabschieden kann. Groebner schreibt: "Wenn man eine Geschichte erzählt, gilt dasselbe Prinzip wie in einem traditionellen Filmdrehbuch: Vier oder fünf zentrale handelnde Personen - maximal."

Orientieren

Groebner vergleicht die Aufgabe des wissenschaftlichen Autors mit einem Reiseleiter, der seiner Gruppe erklärt, wo man gerade unterwegs ist, der hilft, erst einmal einen Überblick über den Ort zu gewinnen: "[D]ie Topografie, die großen Verkehrsachsen, die markanten Gebäude: Willkommen. Dann geht es in eine unauffällige Vorortstraße [...], in der sich [...] eine stillgelegte Fabrik befindet."

Fußnoten füllen

Ja, es gibt sie: die Superfußnote. Sie hilft, die klare Linie des Textes beizubehalten, indem der Autor Querverweise dorthin ausgliedert und zeigt: Dieses und jenes Buch beinhaltet auch Material zu dem gerade angesprochenen Aspekt. Wenn sich die Leser dann fragen: Hat der das wirklich alles gelesen? Umso besser! Für Groebner bietet diese Superfußnote die ideale Plattform für wichtige Wissens-Exkurse in Miniaturform: "Damit kann man erstaunliche, beeindruckende und schwindelerregende Verdichtungseffekte erzielen - Streitgespräche zwischen Gelehrten, die einander nie begegnen konnten, Zeitreisen in erstaunlichen Geschwindigkeiten und mit halsbrecherischen Wendungen [...]."

Wichtiges hervorheben

Fetten, Kursivsetzen, Absätze einbauen, weiterführende Literatur in Fußnoten packen: Es sind die schlichtesten Layout- und Formatierungskniffe, die einen Text lesbarer, eine Idee begreiflicher machen. Kombiniert mit knappen statt langen Zitaten und der Faustregel, den wichtigsten Begriff gleich am Anfang eines Absatzes zu bringen. Nur bitte nicht zu viel des Guten, sonst droht "Zeichenstau", warnt Groebner: "Das Auge des Lesers springt von einem 'Achtung!'-Signal zum nächsten, ohne den Grund dafür zu erfahren und ohne je wirklich stehen bleiben zu können; die verschiedenen Formen der Hervorhebungsformen neutralisieren sich gegenseitig."

Laut vorlesen

Wem es zu peinlich sei, der könne ja sicherheitshalber die Tür zum Arbeitszimmer schließen, sagt Valentin Groebner. Wichtig ist nur, dass man's macht: Denn wer sich seine Texte selbst vorliest, so seine Erfahrung, merkt besser, was überflüssig ist, wo sich überflüssige Redundanzen eingeschlichen haben, an welcher Stelle man schneller auf den Punkt kommen muss: "[E]in gesprochener Text, am und im Ohr, dringt schneller ins Hirn des Zuhörers. Er muss deshalb rascher mitteilen, worum es gehen soll."