Witten/Herdecke Neue Turbulenzen an der Privatuni

Deutschlands erste Privatuni schien schon ihrer größten Sorgen ledig. Nun gibt es erheblichen Wirbel: Der Medizin-Dekan wirft das Handtuch, der Präsident verhandelt mit neuen Geldgebern. Seid umschlungen, Millionen - wird in Witten/Herdecke alles anders?

Von Britta Mersch und


Um die private Universität Witten/Herdecke war es zuletzt erstaunlich still. Noch im Frühjahr 2006 stand das gesamte Hochschulmodell auf der Kippe. Der kleinen Hochschule drohte der Exitus, nachdem der Wissenschaftsrat die Qualität der Ausbildung massiv kritisiert hatte - in der Medizin, dem Herzstück. Mit dem neuen Dekan Matthias Schrappe entwickelte die Hochschule in letzter Minute ein Konzept und konnte sich behaupten. Sogar die Finanzierung machte einen stabileren Eindruck als in den vielen wackligen Jahren zuvor.

Plötzlich aber geht es richtig rund: Von einem Tag zum anderen kündigte der Reformer Schrappe, jetzt räumt Präsident Wolfgang Glatthaar ernste Geldprobleme ein und denkt über neue Finanzierungswege nach. Es geht, wie immer, um kleine und große Spenden, Sponsoring, Stiftungslehrstühle. Aber nicht nur: Diesmal geht es auch um den Einstieg eines großen Geldgebers. An die Tür geklopft hat die Stiftung Rehabilitation Heidelberg (SRH). Der Klinik- und Bildungskonzern aus Baden-Württemberg könnte die chronisch klamme Privathochschule vor der Pleite retten. Aber das könnte auch einen inhaltlichen Richtungswechsel und einen Kulturbruch bedeuten.

Problem 1: Das Geld

Die Hochschule hat ein Finanzierungsproblem. Seit der Gründung 1982. "Kein Geld hatten wir immer schon", verkündete der Gründer und langjährige Präsident Konrad Schily nonchalant bei jeder Gelegenheit. Es war fast wie bei der "taz": Wer ständig vom Untergang bedroht ist, reagiert mit einer routiniert-lässigen Munterkeit. Die "taz" bettelte über viele Jahre regelmäßig um Rettungsabos, die Uni Witten/Herdecke gräbt große und kleine Sponsoren an.

Kann das immer so weitergehen? Kann es nicht, sagt Wolfgang Glatthaar. "Mir ist seit einem Jahr klar, dass unser Geschäftsmodell in Zukunft so nicht mehr tragfähig ist", sagt der heutige Präsident der Universität Witten/Herdecke. 36 Millionen Euro Gesamtbudget hat die Hochschule, zum größeren Teil gedeckt durch Landeszuschüsse, Forschungsförderung, Umsatzerlöse der Zahnklinik und die Beiträge der Studenten. Etwa ein Drittel muss die Hochschule einwerben, was ihr zunehmende Schwierigkeiten bereitet: "Im diesem Geschäftsjahr haben wir über 6,3 Millionen Euro von Stiftungen bekommen", sagt Glatthaar, "das war ein Riesenerfolg." Doch es reicht noch lange nicht aus, um schwarze Zahlen zu schreiben. Wie groß das Loch aktuell ist, darüber schweigt der Uni-Präsident sich aus. Es dürften einige Millionen jährlich sein.

Also müssen Geldquellen her. "Früher hat man geglaubt, dass die Uni durch ihre eigenen Tätigkeiten alle Kosten abdecken kann", so Glatthaar, "doch diese Einschätzung ist falsch. Wir können die Finanzierung nicht allein stemmen." Die Uni sei mit "mehreren Unternehmen in aussichtsreichen Gesprächen, dass sie bei uns Stiftungslehrstühle einrichten".

Und dann ist da die SRH, unter den Stiftungen kein Zwerg, sondern ein Riese. Die Holding beschäftigt rund 7400 Mitarbeiter und beherbergt 31 Unternehmen - private Hochschulen, Bildungszentren, Schulen, Krankenhäuser. Der Umsatz 2005 lag bei knapp 500 Millionen Euro Millionen, das Stiftungsvermögen bei 170 Millionen.

Die Gespräche zwischen SRH und der Hochschule laufen. Laut Glatthaar ist es möglich, dass die Stiftung "Teile des Defizites" übernimmt: "Wir verhandeln im Moment, ob die SRH als Gesellschafter einsteigt", sagt Glatthaar, "wie hoch die Gesellschaftsanteile sein können, darüber haben wir noch nicht gesprochen."

Problem 2: Die Kündigung des Reformers

Letzte Woche reichte Schrappe, Medizin-Dekan und wissenschaftlicher Geschäftsführer der Universität, seine Kündigung ein und informierte die Uni per E-Mail. "Für uns kam das völlig überraschend", sagt Glatthaar, "wir sind alle sehr betroffen. Es ist ein Schlag für die Hochschule, dass er nicht mehr da ist."

Für die Studenten ebenfalls - unter ihnen war Schrappe sehr beliebt. Er kam an die Hochschule, als sie gerade durch ein Gutachten des Wissenschaftsrates, dem einflussreichsten Beratungsgremium der deutschen Wissenschaft, geschwächt wurde. Mitte 2005 erhielt die medizinische Fakultät der Hochschule das vernichtende Urteil, die Humanmedizin, Prunkstück der Uni, weise "erhebliche strukturelle Schwächen auf". Eine "auch nur annähernde Gleichwertigkeit mit anderen universitätsmedizinischen Einrichtungen" sei nicht gegeben. Im Klartext: Die Mediziner in Witten forschen zu wenig, haben eine minderwertige Lehre und eine zu geringe Zahl von Professoren. Ein Jahr Zeit bekam die Hochschule, um die Medizin nachzubessern.

Die Kritik des Wissenschaftsrates traf die Hochschule mitten ins Herz. Sie war eigens gegründet worden, um neue Impulse in der Medizinerausbildung zu etablieren. Lange galt das praxisorientierte Wittener Modell als musterhaft und sorgte europaweit für Aufsehen. Doch dann forderte der Wissenschaftsrat, einige Jahre zuvor noch voll des Lobes, eine grundlegende Neukonzeption des Studiengangs – und drohte mit der Schließung.

Das hätte für die Hochschule das Aus bedeutet. Als neuer Dekan erarbeitete Schrappe einen ganz neuen Forschungsansatz, um das Feld der Versorgungsforschung zu etablieren. Im Juli 2006 konnte Witten/Herdecke dann aufatmen: Der Wissenschaftsrat gab dem Studiengang grünes Licht, die wichtigste Säule der Hochschule blieb erhalten. Aber nun ist der Reformer von Bord.

Problem 3: Droht ein Kulturbruch?

An der Hochschule schwelen erhebliche Konflikte über den künftigen Kurs. Im November 2006 verabschiedete sich Gründer Konrad Schily aus dem Direktorium; er hatte Glatthaar immer wieder kritisiert. Mit Matthias Schrappe hat sich jetzt wohl ein weiterer Kritiker Glatthaars verabschiedet. Über die genauen Gründe seiner Kündigung will sich Schrappe nicht näher äußern und spricht .lediglich von "ernsthafte Differenzen"; er glaube nicht daran, "seine Linie weiter fortsetzen zu können."

Ob die Stiftung SRH lediglich als Sponsor auftreten, sich an der Uni einkaufen oder gar mit der Privatuni fusionieren soll - die einen wissen es nicht, die anderen wollen sich dazu nicht äußern. Die Nachricht sorgte für Aufregung, Studenten raunten Begriffe wie "feindliche Übernahme". Manche sehen die Philosophie der Hochschule gefährdet: "Wir haben befürchtet, dass die Stiftung unsere Werte verändern will", sagt Wirtschaftsstudent Malte Herzhoff. Dazu gehören vor allem Chancengleichheit für alle und die Freiheit der Lehre, die sich an humanistischen Grundsätzen orientiert.

In der Privatuni herrscht bisher eine Kultur extremer Diskussionsfreudigkeit - zu den Vorstellungen von effizientem Management des potentiellen Investors SRH muss das nicht passen. Aber die Uni-Leitung scheint bereit zu sein, in der Finanzierungsfrage einen völlig neuen Weg einzuschlagen, um das dauerhafte Überleben der Hochschile zu garantieren. Damit scheinen sich auch die Studenten langsam anzufreunden: "Die Überlegungen des Präsidenten sind nachvollziehbar", fasst Student Malte Herzhoff die Stimmung unter den Studenten zusammen.

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