Wlada in Russland Geduscht wird beim Ex-Mann

Wer verliebt ist, tut in Russland einfach alles: Hals über Kopf in eine Schmuddel-Stadt ziehen und sogar mit den Eltern des Liebsten zusammen wohnen. Doch als ein Zimmermann Wlada ganz altmodisch Avancen macht, geht der Versuch schief - und ihr Blumenkranz geht baden.


Mit jedem Kilometer werden die Bäume ein bisschen höher. Ich fahre in Richtung Süden mit dem Zug, mit dem früher all meine Urlaubsreisen mit den Großeltern begannen: von Murmansk nach Adler, fast 76 Stunden Fahrtzeit zwischen Anfang- und Endstation. Dieser Zug war der erste Ort in meinem Leben, an dem Heimweh sich mit Fernweh mischte.

Ich habe mich auf die Fahrt gefreut: Ich wusste, jeden Tag werden die Menschen ein bisschen weniger anhaben und ein bisschen strenger riechen, aber dafür weniger streng gucken, weil das Schwarze Meer naht. Meine Mama winkte immer kurz vor Abfahrt des Zuges tapfer hinter der Fensterscheibe und formte mit den Lippen Anweisungen, auf Opa und Oma zu hören.

Als Kind mochte ich Züge viel mehr als Flugzeuge. Sie waren die einzigen Orte, an denen man ungestraft im Bett lesen und krümeln durfte - und das drei Tage lang. Diesmal steige ich aber schon nach 20 Stunden aus, in Petrosawodsk - einer Stadt unweit der finnischen Grenze. Sie liegt in der Republik Karelien, am Onega-See - einem der größten Seen Europas.

Scheidung hin oder her: Wer kein warmes Wasser hat, dem wird geholfen

Es gibt nicht so viele Gründe nach Petrozawodsk zu fahren, genau deshalb will ich hin. Ich will wissen wie es in einer russischen Stadt aussieht, die weder besonders groß, noch besonders klein ist, weder besonders aufregend, noch besonders öde. Außerdem habe ich durch das Netzwerk Couchsurfing Zhenya kennen gelernt, die mich einlud.

Meine Gastgeberin holt mich am Bahngleis ab. Zhenya sieht aus wie der Frühling aus russischen Märchenbüchern. Sie hat Myriaden von Sommersprossen, sogar auf dem Scheitel. Allen Haargummis zum Trotz stehen ihre rotgoldene Haare um ihren Kopf wie ein Heiligenschein. Wenn sie lächelt, und das tut sie oft, hat sie links ein Grübchen. "Ein Single-Grübchen", sagt sie. "Zu vollem Glück fehlt gerade ein Gegenpart."

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Wlada entdeckt Russland: "Helle Jungfer, darf ich Ihren Kranz haben?"
Zhenya ist 27. Nach sieben Jahren Ehe lässt sie sich gerade von ihrem Ehemann scheiden. Auch er heißt Zhenya. Ich lerne ihn gleich kennen, weil wir zu ihm duschen gehen. Nach der Trennung wohnt Zhenya in der Wohnung ihrer Oma, in der im Sommer warmes Wasser abgestellt wird. Ich mache mir Sorgen, ob eine fremde Person in einer derart emotional aufgeladenen Umgebung duschen sollte, aber Zhenya winkt ab. "Scheidung hin oder her: Wer kein warmes Wasser hat, dem wird geholfen."

Der "große Zhenya" entpuppt sich wie die meisten bösen Ex-Freunde als ein ziemlich netter Kerl. Seine Eltern sind gerade nicht da. Vor drei Jahren zogen die Zhenyas nach Pertozawodsk, letztes Jahr kamen die Eltern nach und zogen bei ihnen ein. Für Russland ist das nicht ungewöhnlich. Die Liebe von Zhenya und Zhenya, die ohnehin schon bröckelte, ging aber daran kaputt.

Du liebst, also tust du alles

Dabei begann ihre Geschichte wie eine, die man gern seinen Kindern erzählen würde: Als die kleine Zhenya den großen Zhenya trifft, ist sie 18. Sie wohnt in Petrozawodsk, er in Norilsk, über sechs Flugstunden entfernt. Sie lernen sich auf einem Geburtstag in Murmansk kennen. Großer Zhenya hat ein Grübchen rechts, kleine Zhenya links. Beide studieren auf Lehramt. Beide mögen die russische Band "Spleen". Zwei Jahre später heiraten sie. Kleine Zhenya zieht nach Norlisk, "ins Land der purpurnen Flüsse und grünen Wolken". Die amerikanische Umweltschutzorganisation Blacksmith Institute zählte die Siedlung am Polarkreis in Sibirien schon zu den zehn am meisten verschmutzten Städten der Welt.

"Mit dem Liebsten ist es auch im Zelt schön", zitiert Zhenya ein russisches Sprichwort. "Zumindest für die erste Zeit", sagt sie. Und: "Manchmal wünsche ich mir, dass es ein Gesetz gäbe, das Zwanzigjährigen verbietet zu heiraten."

Dabei fasziniert mich diese Entschlossenheit: Du liebst - also heiratest du. Du liebst - also ziehst du nach Norilsk. Du liebst - also versuchst du alles an dieser Person zu lieben. Sogar die dazugehörige Familie, die bei dir einzieht. Bestimmt ist es unvernünftig, bestimmt geht das nicht gut. Aber wenn ich Zhenya erzählen höre, denke ich: Lieber die erste Verliebtheit überstürzen, als nichts in dieser Welt wichtig zu nehmen außer sich selbst.

Die russische Art zu flirten

Am nächsten Morgen geht Zhenyas Schicht an der Hotelrezeption los. Ich fahre auf die Insel Kischi im Onega-See. Ein Freilichtmuseum, in dem Besucher Holzkirchen angucken und sehen können, wie Menschen früher dort lebten. In den Häusern aus dicken Holzstämmen mit riesigen Öfen fühle ich mich heimisch - ich kenne sie aus dem Dorf meiner Uroma und aus Märchen im Fernsehen. Wenn mich bloß nicht alle auf Englisch ansprechen würden!

Das Museumspersonal trägt traditionelle Gewänder, stickt, webt, bäckt und häkelt. Meine einzige russische Handarbeitsdisziplin ist Blumenkranzflechten. Darin bin ich geübt - Kränze kann man auf Festivals super gegen Bier eintauschen.

Ich bin fast mit einer Kreation aus Ähren und Wiesenblumen fertig, als mich ein Zimmermann anspricht, der Schindeln für die Kirchenkuppeln schnitzt. "Helle Jungfer, darf ich Ihren Kranz an mich nehmen?" Gratis? Natürlich nicht! Ich habe eine Stunde daran gearbeitet!

Erst später erfahre ich, dass man früher so geflirtet hat: Verschenkt eine Frau ihren Kranz, so verspricht sie sich. Schmeißt sie den Kranz in den See, kann sie herausfinden, ob sie in diesem Jahr noch heiratet. Meiner geht unter wie ein Stein. Soll heißen: wird nichts. Die Reiseführerin lacht: "Wenn Du alle so abservierst, wundert mich das wenig."



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Sapere aude 04.08.2011
1.
Gefällige Geschichte, wie immer erfrischend geschrieben und gut zu lesen. Hübsche Sommerreportage in der nachrichtenfreien Zeit. Zu dem jungen Nichtmehr- Ehepaar sei übrigens gesagt das die russische Scheidungsrate bei 65% liegt...
loreskoko 04.08.2011
2. Kleinigkeit
Eine kleine Korrektur. Das russische Sprichwort, auf das der Text verweist, heißt wörtlich übersetzt: Mit der Person, die man liebt, ist sogar ein Zelt ein Palast. Das soll auf das Phänomen anspielen, das Verliebten wenig genügt zum Glücklichsein und man in jeder Kleinigkeit Großes sieht. Die Übersetzung im Text "Mit dem Liebsten ist es sogar im Zelt schön" ist leider unzureichend und vermittelt nicht die Botschaft, die der eigentliche Spruch mit sich trägt.
jannosen 04.08.2011
3. Billige Reize
wlada ist wirklich eine bemerkenswerte dame. ihre schreibe ist frisch, ihre beobachtungen unkonventionell, sie ist jung und aufgeschlossen. über ihr vergessenes heimatland zu schreiben ist in der form einer intimen reisereportage mutig, das sympathische understatement punktet bei mir. dass die letzten beiden teile der serie ein wenig schwächer wurden, stört mich nur im promille bereich, die qualität ist immer noch mehr als überzeugend. ja, das ist doch eine passende konstellation, die sich spiegel online da rangeschafft hat. überzeugt außer mir auch noch andere leser. allerdings scheint die redaktion wladas textueller ausstrahlung nicht genug zuzutrauen. als kleinen anschubser setzen sie wladas hübsches gesicht neben den artikel. ok, ist legitim, man will der dame ja ein gesicht geben. das sieht man dann zwar noch mal auf der artikelseite links in der kolumne, aber schwamm drüber. was mich dann doch ein großes bißchen mehr ärgert, sind diese überschriften, die man mit der jungen dame auf diesen bildern in verbindung bringt. "junge frau, darf ich an ihnen saugen?" – bitte, liebe damen und herren vor den monitoren, ein praktikum bei der bild-zeitung heißt doch nicht, dass ihr genauso titeln müsst! aber gut, der artikel gefiel über 1000 mal bei facebook, ein achtungserfolg. als beim zweiten titel dann doch der gute geschmack auch im titel mitspielen durfte, beruhigte ich mich erstmal. zwar gefiel der artikel der community nicht mehr ganz so gut, knapp 10x seltener der klick auf den daumen, aber ich blieb gespannt. auf den dritten teil. und den habt ihr ordentlich verbockt. ich möchte nicht noch ein junges mädchen, in das ich und meine sehr geehrten mitleser aufgrund ihres aussehens und zweideutigen überschriften irgendwelche fantasien hineinprojizieren können. ich möchte einfach nur einen spannenden reisebericht einer guten journalistin. wlada hat das zeug dafür, ihr könnt ihr die nötige plattform dafür bieten. also, verzichtet doch bitte auf die erzwungenen altherrenfantasien und zeigt der autorin ein wenig respekt. billige reize haben alle beteiligten wirklich nicht nötig.
Sonnenblumenfeld 04.08.2011
4. prima zusammengefaßt
@jannosen, die Kritik ist bestens zusammengefaßt. Beim nächsten Artikel erwarte ich Wlada da schon im Bikini, mindestens. Da hat die Serie so nicht verdient. Man kann die schmucke Journalistin gern mal herzeigen, aber hier wird eindeutig übertrieben, völlig unnötigerweise.
wladv 04.08.2011
5. Eine kleine Korrektur der Korrektur
Zitat von loreskokoEine kleine Korrektur. Das russische Sprichwort, auf das der Text verweist, heißt wörtlich übersetzt: Mit der Person, die man liebt, ist sogar ein Zelt ein Palast. Das soll auf das Phänomen anspielen, das Verliebten wenig genügt zum Glücklichsein und man in jeder Kleinigkeit Großes sieht. Die Übersetzung im Text "Mit dem Liebsten ist es sogar im Zelt schön" ist leider unzureichend und vermittelt nicht die Botschaft, die der eigentliche Spruch mit sich trägt.
Eine Kleinigkeit: wenn man wörtlich das Sprichwort "С милым рай в шалаше" übersetzt, ist Zelt kein Palast, sonder ein Paradies ;)
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