Wlada zurück aus Russland Heimat-Hopping

Die erste Hälfte ihres Lebens verbrachte Wlada Kolosowa, 24, in Russland, die zweite in Deutschland. Im Sommer reiste sie knapp zwei Monate durch die Heimat ihrer Eltern, um ihre Wurzeln zu erkunden. Zurück in Deutschland ist sie um eine Erkenntnis reicher: Es ist schön, von zu Hause nach Hause zu kommen.


Deutschland fängt in der Check-In-Schlange von Air Berlin an. Zwei Länder gehen hier ineinander über. Zwei Kulturen diffundieren miteinander, wie frisch zusammen geschütteter Kirsch-Bananensaft. Deutsche Sätze mischen sich zwischen russische, Reisepässe zwischen "Passporta". Ein Russe mit einem Berlin-Reiseführer in der Hand trägt die Aufschrift "Made in Germany" auf der Brust. Daneben spannt sich ein "Powered by Vodka" über einen deutschen Touristen-Bauch.

Und ich? Die Aufschrift auf meinem Pass ist Russisch. Das Adressenschild auf meinem Rucksack ist Deutsch. Unter meinem Arm klemmt Bulgakows "Master und Margarita". Später werde ich die schönsten Sätze daraus abschreiben, in einem Ragout aus kyrillischen und lateinischen Buchstaben. Meinen Kopf verwirrt es zwar nicht mehr, dass der Buchstabe "P" im Russischen ein "R" ist und das "B" ein "W". Die Finger verwirrt es immer noch. Wahrscheinlich bin auch ich eine Art Kulturdiffusion, ein Flughafen zwischen zwei Kulturen.

Noch vor zwei Monaten wäre ich über so einen Vergleich beleidigt gewesen. Ein Flughafen ist schließlich das Gegenteil von einem Zuhause. Er ist nie das Endziel, immer bloß Zwischenzustand. Nach meiner Reise sehe ich das anders. Ein Flughafen bedeutet Bewegung und verbindet zwei Orte.

Ich bin glücklich

In einem Spielfilm würde die Protagonistin aus dem Flugzeugfenster einen letzten Blick auf Russland werfen und in den Regentropfen an der Glasscheibe Gesichter erkennen, die sie auf der Reise begleiteten: Nastja aus Murmansk, Zhenja aus Petrosawodsk, Nele und Wadim aus Sotschi, der Rettungssanitäter Boris Borisowitsch, Aniri aus Odessa, Julia aus Tomsk, Nina aus Irkutsk...

Bei mir gibt es keinen Regen und auch keinen Sonnenschein, der seine Abwesenheit unterstreicht. Der Septemberhimmel ist grautrübe, und ich bekomme nicht einmal einen Fensterplatz. Vor meinen Augen habe ich nicht die Abenteuer der vergangenen Wochen, sondern das Schild mit Flugsicherheitsvorkehrungen und außerdem ein toupiertes Haarungetüm, das über den Sessel vor mir quillt wie Muffin-Teig.

Und trotzdem bin ich glücklich. Es ist dieser seltene Zustand, von dem man genau in dem Moment weiß, dass es Glück ist und nicht erst in der Retrospektive.

Habe ich gefunden, weswegen ich hierher kam?, fragte meine Freundin Anja, bevor ich zum Flughafen losfuhr. Eine Antwort hatte ich nicht. Ich wusste ja selbst nicht genau, was ich in Russland suchte. Ich bin mit einem diffusen Wunsch losgefahren, das Land meiner Kindheit und meiner Eltern besser zu verstehen. Ich hatte keinen Plan, worüber meine Kolumne handeln sollte, sondern wusste nur, dass ich nicht über Putin, Wodka und Korruption schreiben wollte. Nicht, weil sie nicht zu Russland gehören. Sondern weil es schon so viele vor mir gemacht haben.

Vom Märchenort zum realen Land

Wodka habe ich auf meiner Reise übrigens viel weniger getrunken als in Deutschland. All die Reiseführertipps, wie man Saufeinladungen ausschlägt (Wodkaallergie! Ehemaliger Alkoholismus!), habe ich nicht gebraucht. Ich musste nicht zechen, ich musste niemanden schmieren.

Von einem Märchenort wurde Russland zu einem realen Land. Meinem Land. Die Städte haben Gesichter bekommen, die Gesichter auf den Straßen Geschichten. Natürlich ist es ist unmöglich, in zwei Monaten einen Staat zu erschließen, in dem man innerländlich Roaminggebühren zahlt und der sich über neun Zeitzonen erstreckt. Russland ist ein riesiges Land voller riesiger Fehler und riesiger Herzen. Ein Leben reicht nicht, um es zu begreifen.

Dafür habe ich mich selbst besser verstanden. Der Philosoph und Kirchenvater Augustinus schrieb: Die Welt ist ein Buch; wer nicht reist, liest nur die erste Seite. Ohne die Russland-Tour hätte ich die ersten Kapitel meiner Biografie ausgelassen. Ich habe Freunde, die ebenfalls mit Mitte zwanzig überall auf der Welt nach ihren Wurzeln suchen. Vielleicht, weil das Teenager-Diktat der Gleichheit inzwischen dem Diktat des Individualismus gewichen ist. Vielleicht haben wir auch einfach gemerkt, dass Vergangenheit ein wichtiger Teil der Gegenwart ist. Dass der Ballast der anderen Kultur, des Fremdseins, kein Ballast ist, sondern ein Geschenk - um das uns viele beneiden.

Ich bin atemlos gereist

Ich habe in den letzten Monaten so viel Post bekommen wie noch nie in meinem Leben (und werde sie, sobald ich den Rucksack ausgepackt habe, auch beantworten). So viele interessierten sich plötzlich für etwas, das ich bisher so selbstverständlich hinnahm wie meinen Ellenbogen oder sogar als so lästig empfand wie einen Blinddarm. Blini essen, den Wald nach Steinpilzen durchforsten, sich von der wurzligen Wahrsagerin am Bahnhof eine lange Reise prophezeien lassen - all das kam mir bisher nicht sehr berichtenswert vor.

Ich bin sehr atemlos gereist. Menschen, Städte, Bilder, Gerüche, Erinnerungen sind verworren wie ein Spaghettitopf. Es ist, als hätte ich einen Kurzgeschichtenband in einem Zug verschlungen: Ich musste mich immer wieder in neue Leben mit neuen Charakteren eindenken. Jetzt freue ich mich, aus den Erlebnisfetzen ein Ganzes zu machen. Nächstes Jahr erscheint ein SPIEGEL-ONLINE-Buch über meine Reise.

Auch die Ankunft in Deutschland ist nicht gerade sensationell. Meine Begrüßungshymne ist der Jingle der Mobilfunk-Hotline, die ich anrufe muss, um mein deutsches Handy zu aktivieren. Mein Empfangskomitee besteht aus jungem Mann und vier Nelken. Eine gerade Anzahl von Blumen bringt man nach russischem Brauch nur zum Grab. Noch vor zwei Monaten hätte ich mir das verkniffen - dummer Aberglaube! Heute stehe ich dazu. Wir verschenken die Blumen an Jünglinge, die auf ihre Liebste warten und fahren mit der S-Bahn nach Hause.

In meinem WG-Zimmer liegt eine fingerdicke Staubschicht. Ein kniehoher Stapel von Briefen wartet darauf, ausgeweidet zu werden. Es ist kein bisschen feierlich, kein bisschen spektakulär. Genau so soll es sein, wenn man von zu Hause nach Hause kommt.



insgesamt 36 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
decebalus911 12.10.2011
1. Gefunden
Zitat von sysopDie erste Hälfte ihres Lebens verbrachte Wlada Kolosowa, 24, in Russland, die zweite in Deutschland. Im Sommer reiste sie knapp zwei Monate durch die Heimat ihrer Eltern, um ihre Wurzeln zu erkunden. Zurück in Deutschland ist sie um eine Erkenntnis reicher: Es ist schön, von zu Hause nach Hause zu kommen. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,789996,00.html
hat Sie zumindest den russischen Stil. Auf Foto NR.1 sieht Sie auf jeden Fall wie Tamara aus Wladiwostok aus^^
neuroheaven 12.10.2011
2. ...
ein buch kommt raus.........wir überraschend...
keksen 12.10.2011
3. Warum nicht?
Zitat von neuroheavenein buch kommt raus.........wir überraschend...
Wenn es interessierte Leser gibt ist es ja nur logisch. Ich persönlich mag ihre Berichte aber für das Buch reichts glaube ich nicht.
Sapere aude 12.10.2011
4. Ich kaufe das Buch
Zitat von keksenWenn es interessierte Leser gibt ist es ja nur logisch. Ich persönlich mag ihre Berichte aber für das Buch reichts glaube ich nicht.
Ach naja. Humor (der nicht weh tut), Russland, Migrationshintergrund... damit verdient Kaminer seit fast 20 Jahren sein Geld. OK, der schreibt aus anderer Perspektive eher über Deutsche, aber irgendwie scheint es mir doch vergleichbar. Ich glaube ich werde mir das Buch kaufen. Für die Badewanne wirds reichen... ;)
SteveCrj 12.10.2011
5. Ich bin auf das Buch gespannt
Lasst sie doch das Buch erstmal schreiben! Ich fand die Reiseberichte sehr interessant und in der ehemaligen Sowjetunion gilt eben der Grundsatz, dass man zeigt was man hat. Dies gilt halt auch für Frauen und ihre Figur. Man kann es gut finden oder nicht, Wlada sieht jedenfalls auf besagtem Foto nicht "billig" aus. Wenn man Tage in Besprechungen mit Hosenanzugtragenden deutschen weiblichen Angestellten verbracht hat, dann freut man sich über ein paar Röcke. Nicht aus niederen männlichen Trieben, sondern weil man es irgendwann satt hat ständig von Frauen umgeben zu sein, die krampfhaft alles Weibliche unterdrücken, um im Beruf möglichst wie Männer zu wirken. Und bevor der Chauvialarm los geht: Ich habe eine weibliche Vorgesetzte, die Hosenanzüge hasst. Trotzdem ist sie beruflich erfolgreich und fachlich kompetent. Ersteres, um die nächsten leicht aufkommenden Gerüchte vorab zu widerlegen, übrigens dem Hörensagen nach nicht durch horizontale Leistungen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.