Wo gestresste Studenten entspannen können Oasen der Ruhe

Immer dieses Smartphone, das vibriert! Dieses Internet, das nie stillsteht! Diese Kommilitonen, die Kaffee trinken wollen! Gerade vor Prüfungen sehnen sich Studenten nach einem Ort ohne Ablenkung. Vier persönliche Tipps für Refugien.

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Im Bauernhaus: Zum Telefonieren einen Berg hochlaufen

 Julia Dibbert, 25, studiert Jura an der Universität Köln

Julia Dibbert, 25, studiert Jura an der Universität Köln

"Vor 35 Jahren kauften meine Eltern ein 1830 erbautes Bauernhaus in der Eifel. Es ist neben der Kirche das älteste Gebäude im Ort und grenzt an den Friedhof - von dieser Stille kann ich in Köln nur träumen.

Das Dorf, in dem unser Häuschen mit Wintergarten zu finden ist, hat nur 400 Einwohner. Der Handyempfang ist desaströs: Wenn ich telefonieren will, muss ich einen Berg hochlaufen. Das Haus ist im Laufe der Jahre zu einer Ruheoase für die ganze Familie geworden - und für mich der perfekte Ort zum Lernen. 2009 zog es mich das erste Mal zum Pauken dorthin. Ich stand kurz vor dem Abitur und musste dringend allein sein: zehn Tage nur ich und meine Bücher. Das hat so gut geklappt, dass ich dieses Lernritual aufrechterhielt.

Je länger ich studiere, desto empfindlicher werde ich. In meiner WG gibt es einfach zu viel Ablenkung. Irgendjemand sitzt immer bei uns in der Küche, und wenn mal gerade keiner da ist, klingelt garantiert der Paketbote. Ich lerne zwar mit Ohrstöpseln, dennoch schaffe ich an meinem Schreibtisch oder in der Bibliothek selten acht Stunden am Stück.

In unserem Ferienhaus geht das dagegen problemlos. Das liegt an der Einsamkeit, die mich unglaublich entspannt: Keine Mitbewohnerin fragt, ob ich noch mit in die Kneipe komme, kein Freund ruft an, um mich zu einem Kaffee zu überreden. Dort draußen verpasst man nichts, und gerade das ist das Schöne."

Im Hotel: Während der Arbeit als Nachtportier in Ruhe lernen

 Philipp Kiencke, 25, studiert Wirtschaftsinformatik in Würzburg

Philipp Kiencke, 25, studiert Wirtschaftsinformatik in Würzburg

"Ich bin ein Nachtlerner. Ich mag es zu wissen, dass fast alle anderen Menschen schlafen und mich niemand ablenken kann. Lerne ich tagsüber, habe ich das Gefühl, etwas Schöneres zu verpassen. Da gehe ich lieber mit Freunden Kaffee trinken, statt über den Büchern zu sitzen. Mein Nebenjob ist für mich darum ideal.

Seit 2012 arbeite ich ein- bis zweimal die Woche in einem Hotel als Nachtportier. Meine Schicht beginnt um 20 Uhr und endet um 6.30 Uhr. Am frühen Abend erledige ich ein paar Kleinigkeiten, ab 22 Uhr habe ich Zeit für mich, dann verirrt sich nur noch selten ein Gast an die Rezeption. Dann hole ich meine Bücher und Unterlagen heraus und vertiefe mich in meinen Stoff.

Meine größte Unterstützung neben der Ruhe, die ich genieße, ist der Kaffee-Vollautomat. Espresso, Latte macchiato, Cappuccino - das hat mich schon oft über die Nacht gerettet. Sechs Tassen pro Schicht sind keine Seltenheit. Eingeschlafen bin ich aber trotzdem schon mal über den Lehrbüchern - beim Lesen eines Textes zum Thema 'Europäische Geldpolitik'.

Mein Chef erkundigt sich regelmäßig, ob ich während meiner Schicht gut für die Uni arbeiten konnte. Für ihn ist das total in Ordnung - alle anderen Nachtportiers sind auch Studenten, die ebenfalls die Zeit zum Lernen nutzen. Mit meinem Job habe ich das große Los gezogen: Ich werde bezahlt - und kann mich während der Arbeitszeit auf die Uni vorbereiten. Meine halbe Bachelorarbeit ist im Hotel entstanden und auch diverse Hausarbeiten."

Im Zug: Auf einem Fensterplatz zwischen Köln und Hamburg

 Jennifer Stockhausen, 20, studiert Soziale Arbeit in Köln
Marina Weigl

Jennifer Stockhausen, 20, studiert Soziale Arbeit in Köln

"Mein Freund lebt in Hamburg. Mehrere Male im Monat fahre ich übers Wochenende zu ihm - und das bereits seit sechs Jahren. Den Zug als Lernort habe ich dementsprechend schon zu Schulzeiten entdeckt, als ich für meine Abschlussklausuren pauken musste.

Die Fahrt dauert viereinhalb Stunden - pro Strecke. Freitagmorgen hin, Sonntagmittag zurück. Auch wenn der Zug richtig voll wird, kann ich alles um mich herum ausblenden. Einmal war ich so sehr in meine Karteikarten vertieft, dass ich nicht einmal den Zugbegleiter wahrnahm, der neben mir stand, um mein Ticket zu kontrollieren. Er musste mich antippen, um mich aus dem Lerntunnel zu holen.

Eine Voraussetzung gibt es allerdings: Ich muss am Fenster sitzen, denn ein Sitznachbar, der ständig aufstehen muss, um zum Beispiel auf Toilette zu gehen, würde mich in meiner Konzentration stören. Außerdem liebe ich es, während des Lernens ab und zu nach draußen zu schauen.

Zu Hause in meinem Zimmer lerne ich sehr schlecht. Ich lasse mich leicht ablenken: Schreibtisch aufräumen, Papiere ordnen, im Internet surfen - alles spannender als meine Bücher. In der Bibliothek geht es mir genauso. Ständig kommt jemand rein, den man kennt, und ich lasse mich zu einer Kaffeepause überreden.

Was ich mache, wenn mein Freund eines Tages zu mir nach Köln ziehen sollte? Ich habe ein Nordrhein-Westfalen-Ticket, damit kann ich durch das ganze Bundesland fahren. Vielleicht werde ich dann zum Lernen einfach mal ein bisschen durch die Gegend reisen."

Im Kloster: Morgens Gartenarbeit, nachmittags schreiben

 Stefan Rosenbaum, 34, promoviert in Theologie an der Uni Münster

Stefan Rosenbaum, 34, promoviert in Theologie an der Uni Münster

"Als ich einmal Ruhe suchte, stieß ich im Internet auf ein sehr verlockendes Angebot: zwei Wochen bei den Benediktinerinnen in Dinklage in Niedersachsen leben. Am Vormittag getreu dem Motto 'ora et labora' im Garten mithelfen, am Nachmittag sich der Lernarbeit widmen. Ich reiste gemeinsam mit meiner damaligen Freundin und 20 Büchern an.

Da wir uns wirklich auf unsere Arbeit konzentrieren wollten, hatten meine Ex und ich uns für zwei getrennte Zimmer entschieden. Wir wohnten im Gästehaus, das etwa 50 Meter vom eigentlichen Kloster entfernt lag. Ein Bett, ein Schrank, ein Schreibtisch - viel gab es in unserer Kemenate nicht, das hätte ablenken können.

Hilfreich war für mich auch, dass ich morgens und abends am Gebet teilnehmen konnte - das gab meinem Tag eine feste Struktur und half mir, mich dazwischen ganz auf meine Dissertation zu besinnen. Tatsächlich muss ich sagen, dass das Kapitel, an dem ich im Kloster gearbeitet habe, besonders gut gelungen ist. Dass ich nur am Nachmittag Zeit hatte zum Lesen und Schreiben, hat also nicht geschadet - ich bin sowieso nicht der Typ, der acht bis zehn Stunden am Stück arbeiten oder lernen kann.

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Meinen Schreibplan allerdings konnte ich am Ende dennoch nicht einhalten. Das hatte allerdings nichts mit der himmlischen Ruhe zu tun. Schuld war vielmehr mein Hunger. Die Portionen, die in der Klosterküche serviert wurden, konnten eine große Person wie mich, die gern isst, nicht sättigen. So kam ich langsamer voran, als ich dachte. Ein voller Bauch studiert zwar nicht gern - ein leerer aber auch nicht."

Studienabbruch - ja oder nein? So entscheiden Sie richtig
  • Getty Images
    Mehr als jeder vierte Bachelorstudent schmeißt sein Studium hin - häufig aus den falschen Gründen. Wann aber sollte man dabeibleiben? Wann ist es Zeit abzubrechen? Tipps für die richtige Entscheidung.



insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
tobbyrobby 03.08.2015
1. Oh wie toll ...
... endlich stellen wir fest wie sehr wir zu Robotern mutieren. Ständig in Bewegung und fremd gesteuert. Freiheit ade.
Newspeak 03.08.2015
2. ...
Das Problem ist meiner Meinung nach, daß wir alle, nicht nur Studenten fürs Lernen, solche Ruheräume bräuchten. Es ist aber gar nicht erwünscht, allein und konzentriert zu arbeiten, das widerspricht ja der ständigen Erreichbarkeit und dem Teamarbeitsgedanken und überhaupt allem, was die moderne Wirtschaftswelt für so wichtig erachtet. Man kann das sehr schön an der "Produktion" von Fachartikeln sehen (da habe ich ein wenig Einblick, es gilt aber wahrscheinlich für viele andere Bereiche auch). Da wird größtenteils "husch-husch" gearbeitet, irgendwas zusammengepfuscht, was die formalen Ansprüche erfüllt und gut ist. Es ist ein Grauen sowas lesen zu müssen, aber anscheinend stört sich daran kaum jemand (wahrscheinlich, weil sie keiner liest). Was für einen Unterschied machen dagegen Arbeiten von vor 50 oder auch nur 30 Jahren. Oder von Individualisten, die sich nicht verbiegen lassen. Man merkt, daß es diesen Leuten noch um Wissenschaft ging, nicht um Publikationslisten. Den meisten Leuten heutzutage scheint es aber um gar nichts mehr zu gehen, jedenfalls nichts Sinnvolles. Und wofür? Nur damit der Gewinn, von dem nur Wenige etwas haben, am wenigsten aber die, die ihn erarbeiten, noch weiter zu steigern.
Max Einer 03.08.2015
3. Ähemm,
"Da wir uns wirklich auf unsere Arbeit konzentrieren wollten, hatten meine Ex und ich uns für zwei getrennte Zimmer entschieden." Soll das bedeuten, wenn Ihre Freundin und Sie es anders gewollt hätten, hätten Sie auch ein Doppelzimmer bekommen? Bei den Benediktinerinnen? O tempora, o mores!
pedites 03.08.2015
4. Studentenstress?
Lächerlich. Der Stres geht erst nach dem Studium los. Und wer unfähig ist, sein Mobiltelefon oder seinen Rechner auszuschalten um abzuschalten, hat ernstere Probleme.
sponner_hoch2 03.08.2015
5.
Großartig gelernt habe ich Gott sei Danke nie müssen (na gut, das mit dem "nicht müssen" ist vielleicht auch eine Ausrede für das auf Faulheit basierende "nicht wollen"). Wie auch immer, die Zugvariante kann ich da auch nur empfehlen. Für das Korrekturlesen der eigenen Diplomarbeit habe ich mich, dank Uni-NRW-Ticket, in den RE1 gehauen und bin ein paar mal zwischen Paderborn und Köln hin und her gependelt. Für das konzenrierte Lesen des Textes, den ich ja sei 4 Monaten kannte (und man dann schnell über ein Stelle drüber springt etc.) war das die Ablenkungs-Ausblendungs- und Zwang-zum-Lesen-Strategie schelcht hin. Ich muß aber zugeben, einmal in Köln bin ich ausgestiegen und habe Pause am Rheinufer gemacht - war aber purer Sonnenschein an dem Apriltag :-).
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