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11. August 2010, 08:58 Uhr

Wohnen mit den Alten

Wie man sich als Student die Miete spart

Von Franziska Ringleben

Mietfrei zu wohnen, davon können die meisten Studenten nur träumen. Doch einige erfüllen sich den Wunsch, indem sie für Senioren Rasen mähen, für sie einkaufen und die Fenster putzen. Ein bisschen Hilfe für ein paar Quadratmeter, so der Deal. Die Jungen sind begeistert, die Alten zieren sich.

Donnerstagmorgen, kurz vor neun. Marianne Marheineke, 33, steht vor der Hamburger Staatsbibliothek und wartet darauf, dass sich die Türen öffnen. Neben ihr unterhalten sich zwei Studenten über ihren gestrigen WG-Abend. Für Marianne bestand der aus Käsekuchenbacken für ihre Mitbewohnerin. Und weil die nicht gut zu Fuß ist, will Marianne ihr nun ein paar Bücher ausleihen - denn die Mitbewohnerin ist 83 Jahre alt.

Marianne studiert im zweiten Semester Deutsch und Medientechnik für Berufsschullehramt und nimmt am Projekt "Wohnen für Hilfe" teil, das in Hamburg vom Asta organisiert wird. Die Idee: Studenten bewohnen ein Zimmer im Haus von Senioren und bezahlen ihre Vermieter nicht mit Geld, sondern mit Hilfe im Haushalt.

Als Faustregel gilt eine Stunde Arbeit im Monat pro Quadratmeter Wohnfläche. Mariannes Zimmer ist 14 Quadratmeter groß. "Wir haben fünf Stunden Arbeit mehr vereinbart", so spart Marianne sich auch noch die Nebenkosten.

Das Interesse der Studenten ist groß, das der Senioren verhalten

Marianne kümmert sich um Haushalt und Garten der Seniorin und erledigt Einkäufe. Mariannes Vermieterin ist promovierte Sprachwissenschaftlerin und schreibt auch im hohen Alter noch eine wissenschaftliche Arbeit. Auch dabei assistiert Marianne. "Sie diktiert mir ihre Texte und ich tippe sie auf dem Computer." Bücher leihen und kopieren übernimmt sie auch immer wieder.

Marianne hatte sich bereits vor Studienbeginn auf die Suche nach einem generationsübergreifenden Wohnprojekt gemacht. Sie kommt von einem Bauernhof bei Hildesheim und ist es gewohnt, mit den Großeltern unter einem Dach zu wohnen. Sie glaubt, dass Senioren gerade in der Großstadt viel zu oft auf Rücksichtslosigkeit treffen. "Auf dem Land oder in kleinen Städten kennt jeder jeden. In der Großstadt ist das Leben sehr anonym. Alte Menschen vereinsamen, wenn sie nicht ein Projekt oder einen Verein finden, der ihnen Halt gibt."

"Wohnen für Hilfe" fand Marianne im Internet und kontaktierte Serge Nadtotschi, 32. Der BWL-Student leitet das Wohnprojekt in Hamburg. Bisher, sagt Nadtotschi, läuft es aber nur stockend. "Es ist schade, dass es nur sehr wenige Senioren gibt, die sich darauf einlassen wollen. Die Nachfrage bei Studenten hingegen ist sehr groß."

Mit Omi in der Anti-Atomkraft-WG

Nadtotschi kommt aus der Ukraine und dort sei es üblich, dass sich die Familie selbst um die Großeltern kümmere. "Man möchte etwas dafür zurückgeben, dass sie einen aufgezogen und unterstützt haben." In Deutschland aber bekämen alte Leute häufig keine Zuwendung. Daher habe er sich entschieden, einen großen Teil seiner Freizeit in das Projekt zu stecken.

Besonders ausländische Studenten bewerben sich in Hamburg auf Plätze bei "Wohnen für Hilfe". Durch das Zusammenleben mit Senioren wollen sie sich schneller in das deutsche Alltagsleben integrieren und ihre Sprachkenntnisse verbessern. Ein weiterer Grund für die WG mit Omi: Die Mieten in der Hansestadt sind hoch, die Wohnungsnot der Studenten groß. Allein an der Uni Hamburg studieren über 38.000 Studenten - in der ganzen Stadt gibt es allerdings nur 3723 Wohnheimplätze. Und die Mietpreise sind in der Hansestadt mit am höchsten (siehe Tabelle).

Marianne begeistert an ihrer WG aber nicht nur, dass sie so Geld spart. Sie ist politisch engagiert und ihre Vermieterin eine alte Protestlerin, die schon früher an Demos der Anti-Atomkarft-Bewegung teilgenommen hat. Oft diskutieren die beiden ausgiebig und sie haben gemeinsam an der Menschenkette gegen Atomkraft zwischen Krümmel und Brunsbüttel teilgenommen. "Es war ein schönes Gefühl, als wir Hand in Hand standen, um zusammen etwas zu erreichen", sagt Marianne.

"Wohnen für Hilfe" wurde in Deutschland erstmals 1992 in Darmstadt umgesetzt. Inzwischen gibt es viele ähnliche Projekte, so auch in Münster: Seit Oktober 2009 wohnen Gisela Gebhardt, 73, und Jurastudentin Evelina Hopf, 22, unter einem Dach. Evelina steckt ihren blonden Lockenkopf durch den Türspalt und ruft: "Hallo, ich bin wieder da." Immer, wenn Evelina mittags nach Hause kommt, guckt sie erst nach Frau Gebhardt, fragt wie es ihr geht und erzählt von ihrem Tag.

Vertrauen in sich selbst ist gut, Frau Gebhardt ist besser

"Es fühlt sich an, als ob ich wieder eine Tochter hätte", sagt Frau Gebhardt schmunzelnd. Sie musste ihre drei Kinder nach dem frühen Tod ihres Mannes allein aufziehen. Die Souterrainwohnung, in der eine ihrer Töchter zu Studienzeiten gewohnt hatte, war frei und da kam die Zeitungsannonce von "Wohnen für Hilfe" gerade recht. "Ich habe mir gedacht, es wäre doch sehr schön, mit einem Studenten hier zusammen zu wohnen."

Evelina hatte ein Freiwilliges Soziales Jahr in Mexiko verbracht und dort unter anderem in einem Waisenhaus gearbeitet. Als sie danach nach Kiel kam, hörte sie einen Radiobeitrag über das außergewöhnliche Wohnprojekt. "Ich fand die Idee super, in der neuen Stadt gleich eine Bezugsperson zu haben." Außerdem funktioniert Gisela Gebhardt für sie als eine Art wohlwollende Aufpasserin. "Ich würde wohl eher mal eine Vorlesung sausen lassen, wenn ich alleine wohnte", sagt Evelina. "So weiß ich, Frau Gebhardt sieht das und dann meldet sich das schlechte Gewissen."

In den Monaten bei Frau Gebhardt hat sie so einiges gelernt, sogar "Fensterputzen - streifenfrei". Ärger gab es zwischen den beiden noch nie. Vermieterin Gebhardt hat dafür eine einfache Erklärung: "Wir haben uns versprochen, dass wir immer alles sagen, was uns nicht gefällt. Bis jetzt haben wir zum Glück noch keine großen Sachen besprechen müssen."

So gut wie in dieser WG läuft es allerdings nicht immer. "Wie in jeder normalen Wohngemeinschaft können nach einiger Zeit Unterschiede im Lebensstil zwischen Studenten und Senioren deutlich werden", sagt Serge Nadtotschi vom Asta Hamburg. Neben dem zweimonatigen Probewohnen haben daher beide Parteien die Möglichkeit, das Wohnverhältnis jederzeit zu kündigen. "Die vielen positiven Rückmeldungen zeigen uns jedoch, dass generationsübergreifende Wohnpartnerschaften für Studenten und Senioren eine gute Alternative sind."

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