Rat vom WG-Psychologen Er dreht durch, weil wir sein verschimmeltes Gemüse wegwerfen

Als Katrin die gammeligen Lebensmittel ihres Mitbewohners entsorgt, macht der einen Aufstand. Am Ende nötigt er ihr sogar eine Entschuldigung ab. Jetzt will Katrin wissen: Was kann ich tun, damit ich nicht immer untergebuttert werde?

Ab in die Tonne. Oder einfach den Schimmel abkratzen?
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Ab in die Tonne. Oder einfach den Schimmel abkratzen?


WG-Krach war für Ludger Büter lange Alltag. Der Psychologe schlichtete im Auftrag des Kölner Studentenwerks Konflikte in Wohngemeinschaften. Auf dieser Seite lindert er den WG-Kummer. Schreibt uns, was euch in den Wohnwahnsinn treibt (wg-kummer@spiegel.de).

Katrin schreibt:

Hallo Herr Büter,

in unserem Gemeinschaftsfach im Kühlschrank habe ich vor Kurzem verschimmeltes Gemüse entdeckt. Wir haben es rausgestellt und schließlich weggeworfen. Als mein Mitbewohner sein Gemüse am nächsten Tag im Müll entdeckte, regte er sich furchtbar auf. Wer denn einfach so sein Zeug entsorge? Warum man ihn nicht frage? Am Ende wollte er uns erklären, dass man den Schimmel abkratzen kann. Eine vollkommen absurde Diskussion, die nur zu beenden war, indem ich klein beigegeben und mich ausdrücklich entschuldigt habe.

Der Gemüse-Vorfall war nur die Spitze, und es ist nicht das erste Mal, dass er mich dumm dastehen lässt. Mein Mitbewohner hat völlig andere Vorstellungen von Hygiene als ich und der Rest der WG. Wenn er sein Geschirr wäscht, kleben hinterher noch Essensreste daran. Er hinterlässt die Toilette, ohne abzuspülen. Auch die Klobrille ist nicht sauber.

Meine beiden anderen Mitbewohner bekommen das zwar auch mit. Aber weil sie seltener zu Hause sind, bin ich immer diejenige, die es ansprechen muss. Er erfindet dann jedes Mal absurde Ausreden, behauptet zum Beispiel, die Klospülung funktioniere nicht oder offensichtlich dreckiges Geschirr sei gar nicht dreckig. Mir ist es peinlich, ewig alles erklären zu müssen.

Inzwischen bleibe ich immer in meinem Zimmer, weil ich ihm gar nicht mehr begegnen möchte. Ich würde ihm gern sagen, dass er ausziehen soll. Aber so einfach ist das nicht, wir sind alle gleichberechtigte Mieter und die anderen leiden noch nicht so sehr wie ich. Ich selber möchte nicht ausziehen, weil ich mich mit den anderen beiden super verstehe.

Was kann ich tun, damit er nicht jedes Mal ignoriert, was ich ihm sage?

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Ratgeber fürs Zusammenwohnen: Was nun, Herr WG-Psychologe?

WG-Psychologe Ludger Büter antwortet:

Liebe Katrin!

Ihr Mitbewohner lebt offensichtlich seine eigenen Vorstellungen von WG-Leben. Bedauerlicherweise gaben Sie bislang zu viele Signale Ihrer Hilflosigkeit. Vor allem seine Unsauberkeit im Badbereich stößt Sie ab. Die tief empfundene Peinlichkeit über die Anlässe veranlasst Sie zu einer Zurückhaltung, die sein Verhalten nicht verdient. Er dagegen praktiziert seine Rücksichtslosigkeit ungehemmt und empört sich auch noch.

Verschimmeltes Gemüse gehört selbstverständlich nicht in den Kühlschrank. Obwohl Sie es mit gutem Grund entsorgten, ließen Sie sich ein Schuldeingeständnis abnötigen. Das ist kaum wieder gutzumachen. Wie sonst hätten Sie ihn in seinem rechthaberischen Dominanzanspruch nachhaltiger bestärken können? Ihr Abtauchen in der eigenen WG ist mehr als verständlich, verstärkt aber nur sein Verhalten und seine Überzeugung, den Standard zu setzen und Sie bei Bedarf leicht einschüchtern zu können.

Peinlichkeit sollte es für Sie nun nicht mehr geben. Konfrontieren Sie ihn mit dem Schmutz, den er hinterlässt, und auch mit Ihrer Aufforderung, den Schmutz zu beseitigen, sooft Ihr Mitbewohner Ihnen dazu Anlass gibt. Seien Sie dabei jedoch nicht kleinlich. Die übrigen Mitbewohner sollten Sie durch klare Stellungnahme unterstützen, sonst wird er Sie gegeneinander ausspielen. Halten die übrigen Mitbewohner Ihre Ansprüche für übertrieben, haben Sie verloren. Nur Selbstbehauptung und Zusammenhalt können die Situation bereinigen.

  • Silja Götz
    Wohngemeinschaften sind toll, das einzig Lästige sind die Mitbewohner. Sie leeren dein Nutella-Glas, haben lauten Sex und noch lautere Musikanlagen. Oder weint dein Zimmernachbar dauernd und wirkt depressiv? Schreist du alle nur noch an? Bei WG-Kummer hilft Erziehungswissenschaftlerin Sabine Stiehler. Schick deine Fragen, Sorgen, Probleme an wg-kummer@unispiegel.de. Mit einer Einsendung erklärst du dich mit einer anonymen Veröffentlichung auf SPIEGEL ONLINE und sämtlichen anderen Medien der SPIEGEL-Gruppe einverstanden.
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WG-Typen: Willst du mit mir wohn'?
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nochfragen? 30.08.2015
1. Oder...
...Domain "mein-mitbewohner-das-ferkel.de" anmelden, Fotos machen, online stellen *g*
notbehelf 30.08.2015
2. Verständnis
Ich habe schon Verständnis für den Mitbewohner. Nachdem einem suggeriert wird, es sei ok Gemüse aus der Mülltonne zu essen bzw. anderen zu essen zu geben, sind die Grenzen fluessend.
cobaea 30.08.2015
3.
naja, ihn zu konfrontieren, dürfte ja kaum ausreichen. Das hat Katrin ja schon versucht. Erfolg Null. Die Frage ist doch: Sehen die beiden anderen Bewohner den Dreck auch und er stört sie nicht - oder ist das meiste schon weggeräumt/geputzt, bevor sie es sehen? Wenn die anderen der Dreck nicht stört und es ihnen nichts ausmacht, ein unsauberes Bad zu benutzen etc., dann bleibt nur abtauchen oder umziehen. Bei einem Stand von 3:1 wird sich nichts ändern. Sehen die beiden Anderen aber das meiste nicht, könnte dem abgeholfen werden: fotografieren und - mit Datum und Uhrzeitangabe - an eine Pinwand im Flur (oder einem anderen Gemeinschaftsraum) hängen. Mag nicht schön sein, führt aber den Mitbewohnern mal vor Augen, worum es eigentlich geht. Vielleicht kann man sie dann mal zu einer Stellungnahme bewegen. Katrin kann man zudem nur raten, nicht immer den Kopf einzuziehen, weil sie den Verlust der WG-Harmonie fürchtet. Die existiert doch sowieso nicht mehr - und wenn sie immer zurückzuckt, gibt es für den Dreckfinken ja keinen Grund, etwas zu ändern - er hat ja immer Oberwasser.
kazong1974 30.08.2015
4.
Da fehlt am Schluss doch der entscheidende Geheimtipp vom WG Psychologen: Ausziehen und sich was Neues suchen...
harleyfahn 30.08.2015
5. Die grausamste Form
menschlichen Zusammenlebens ist und bleibt eine WG. Der potentielle finanzielle Vorteil wird durch das permanente Auseinandersetzen mit den Befindlichkeiten anderer mehr als negativ ausgeglichen.
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