Wohnungsnot in Uni-Städten Lasst euch kasernieren, um zu studieren

Mehr Studenten, steigende Mieten - in vielen Uni-Städten herrscht Wohnungsnot. Jetzt wollte Bauminister Ramsauer (CSU) zeigen, dass er sich kümmert, und lud Studentenwerk und Wohnungswirtschaft zum Gespräch. Eine Idee: Kasernen in Wohnheime umbauen. Doch so einfach ist das nicht.
Von Tina Friedrich
Protest gegen Wohnungsnot (Archiv): Wachsender Verzweiflung, kreative Ideen

Protest gegen Wohnungsnot (Archiv): Wachsender Verzweiflung, kreative Ideen

Foto: dapd

Es ist keine gewöhnliche Adresse, das Mark-Twain-Village in Heidelberg. Schon bald könnten Heidelberger Studenten hier wohnen. Die ehemaligen Unterkünfte der amerikanischen Soldaten sollen zu Studentenbuden werden. Zumindest übergangsweise, bis klar ist, was mit dem Militärgelände künftig geschehen soll. Doch zuerst muss der Brandschutz überprüft werden, die Schadstoffwerte und die Fluchtwege. "Wenn alles klappt," so eine Sprecherin der Stadt Heidelberg, "könnten ab dem Sommersemester 2013 Studenten einziehen."

Wohnungsnot herrscht in vielen deutschen Uni-Städten, nicht nur in Heidelberg. Mit insgesamt 2,5 Millionen Eingeschriebenen gibt es so viele Studenten in Deutschland wie nie zuvor. Doch der Wohnraum ist knapp, die Mieten steigen. Und so werden mit fortschreitender Verzweiflung die Lösungsideen kreativer: von Notfallbetten in Turnhallen über Studentenhotels mit besonders günstigen Tarifen bis zum Wohnzimmer im Schaufenster. Zuletzt sprach Bundesbauminister Peter Ramsauer (CSU) davon, obdachlose Studenten in leerstehenden Kasernen unterzubringen. Eine Idee, die funktionieren könnte - allerdings wohl eher langfristig.

Aber Ramsauer will zeigen, dass er sich kümmert. Deswegen hat er jetzt in Berlin mit Vertretern von Behörden, Studentenwerken und Wohnungsanbietern gesprochen - am sogenannten Runden Tisch. Der Minister sprach von 70.000 fehlenden Unterkünften. Die Gruppe war sich einig: Kein "Königsweg" könne beschritten werden, sondern es brauche einen "Maßnahmen-Mix". So sammelten die Teilnehmer eine Fülle von Vorschlägen. Die Umgestaltung der Kasernen war einer - neues Geld versprach Ramsauer allerdings nicht.

Wo sollen wir nur wohnen?

Seit Jahren fordert das Studentenwerk jetzt vergebens die Neuauflage eines Bund-Länder-Zuschussprogramms zum Bau von weiteren 25.000 preisgünstigen Wohnheimplätzen - ähnlich wie schon in den neunziger und auch den frühen achtziger Jahren. Diese Mini-Appartments in den Heimen kosten im Schnitt zwischen 220 und 230 Euro Miete im Monat. Sie sind besonders geeignet für Erstsemester, die durch kürzere Schulzeiten bis zum Abitur manchmal erst 17 Jahre alt sind.

Die Studentenflut kam nicht überraschend. Seit Jahren ist absehbar, dass ab 2010 extrem geburtenstarke Jahrgänge die Gymnasien verlassen. Ausgerechnet für diese jungen Menschen haben die Kultusminister noch die Schulzeit bis zum Abitur verkürzt, so dass nun in vielen Ländern gleich doppelte Jahrgänge an die Hochschulen strömen. Obendrein wurde im vergangenen Jahr auch noch die Wehrpflicht für die jungen Männer ausgesetzt.

Seit Monaten streiten Bund und Länder nun über die Mehrkosten, die im Rahmen des Hochschulpakts für zusätzliche Studienplätze, Dozenten und Honorarkräfte anfallen. Allein auf Bundesseite geht es neben den bereits fest vereinbarten knapp fünf Milliarden Euro um weitere 3,6 Milliarden Euro bis 2018. Der Bildungsetat des Bundes soll aber ab 2014 nach Planung von Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) wieder sinken, statt weiter zu steigen.

Wie Kasernen zu Studentenbuden werden können

Kurzfristig stehen die künftigen Bauherren aber vor allem vor technischen Problemen. In vielen Kasernen gibt es nur eine Hauptleitung für die Strom- oder Wasserversorgung, die entweder ein- oder ausgeschaltet sein kann. Das komplette Gelände muss also beheizt werden - oder es wird für alle kalt. Eine teure Sache, wenn nur einige wenige Häuser vermietet sind. Das Leitungssystem umzubauen ist jedoch teuer. Keine guten Voraussetzungen für den Umbau der alten Kasernen.

Jürgen Gehb ist Vorstandssprecher jener Anstalt, die die Zukunft der verlassenen Kasernen und Truppenübungsplätze verantwortet, der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima). In Berlin verspricht er am Runden Tisch Unterstützung innerhalb der Grenzen der Machbarkeit. Denn: "Nicht jede Kaserne eignet sich auch für Studentenwohnungen." Vor allem dürfe das Gelände nicht zu weit von der Uni entfernt liegen. Und es muss mit Bus oder Bahn gut angebunden sein. Hinzu kämen zahlreiche bürokratische Hürden, bevor militärisches Gelände überhaupt Wohngebiet werden darf.

Die kurzfristige Lösung heißt daher: Zwischennutzung.

Bis Gemeinden entscheiden, ob sie das ehemalige Militärgelände kaufen oder mieten möchten, und bis ein Bebauungsplan steht, können verlassene Soldatenwohnungen übergangsweise an Studenten vermietet werden.

So hat das Studentenwerk Münster in der Nähe der York-Kaserne Reihenhäuser gemietet, in denen früher britische Soldaten gewohnt haben. "In 18 von 36 dieser Häuser wohnen seit 1. November Studenten," sagt Gisbert Schmitz vom örtlichen Studentenwerk. Drei Kilometer sind es bis in die Innenstadt, die nächste Bushaltestelle ist fünf Gehminuten entfernt. Für eine WG zu dritt zahlt jeder junge Bewohner höchstens 250 Euro. Wenn das Projekt gut angenommen werde, und die Nachfrage durch die doppelten Abiturjahrgänge in Nordrhein-Westfalen im kommenden Schuljahr weiter steige, will das Studentenwerk weitere Häuser mieten.

Der letzte amerikanische Soldat in Heidelberg wird erst Ende des kommenden Jahres abziehen und erst danach kann das gesamte Militärgelände an die Immobilienanstalt übergeben werden. Wieder ein langer Prozess. Bis im Kasernenhof dauerhaft Studenten wohnen können, vergehen wohl noch einige Semester.

Mit Material von dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.