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10. März 2012, 00:03 Uhr

Wut auf Strauss-Kahn in Cambridge

"Wir sind alle Zimmermädchen"

Aus Cambridge berichtet

Es war ein heißer Empfang für Dominique Strauss-Kahn: Der Ex-IWF-Chef, wegen Vergewaltigungsvorwürfen höchst umstritten, durfte am Abend in einem Debattierclub der Uni Cambridge zur Euro-Krise sprechen. Studenten durchkreuzten den Comeback-Versuch mit lautstarken Protesten.

Von Dominique Strauss-Kahn ist nichts zu sehen. Als die Demonstranten am Freitagabend vor der Cambridge Union Society eintreffen, befindet sich der Gast aus Paris bereits in dem Backsteingebäude des berühmten Debattierclubs. Durch einen Seiteneingang hatte er sich hineingeschlichen, um den Beschimpfungen zu entgehen.

"DSK go away" brüllen die Demonstranten vor der Tür. Und im Chor: "Nein zu Vergewaltigung, Nein zu Sexualverbrechen". Einige tragen Schilder mit der Aufschrift "Wir sind alle Zimmermädchen".

Die Cambridge Union hat den früheren Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) eingeladen, um über die Euro-Krise und die Präsidentschaftswahl in Frankreich zu sprechen. Die Einladung sorgt seit Wochen für Aufruhr an der Traditionsuni. Viele Studenten sehen in ihm nur noch den Mann, der im vergangenen Jahr beschuldigt wurde, das Zimmermädchen Nafissatou Diallo in einer New Yorker Hotelsuite vergewaltigt zu haben.

Zwar beteuert Strauss-Kahn seine Unschuld - und die New Yorker Staatsanwaltschaft hat das strafrechtliche Verfahren eingestellt -, doch die Zweifel bleiben. 700 Studenten haben eine Petition unterzeichnet, ihn wieder auszuladen. Die Veranstalter haben dies abgelehnt - unter Berufung auf die Meinungsfreiheit.

Nun stehen sich beide Lager auf der Straße vor dem Debattierclub gegenüber. "Vergewaltigungsopfer erhalten nicht so eine Bühne", steht auf einem meterlangen Transparent auf der einen Seite. "DSK ist vielleicht ein Sexualverbrecher, aber er hat das Recht zu reden", steht auf einem einsamen Schild auf der anderen Seite.

Rund hundert Studenten protestieren. Aber noch mehr drängen in das Gebäude, um den skandalumwitterten Franzosen zu hören. Die Veranstalter hätten leicht noch mehr Tickets loswerden können. Die Sicherheitskontrolle ist strikt: Metallzäune sind um das Gebäude errichtet, Polizisten patrouillieren den Eingang. Jeder, der rein will, muss Handy, Kamera und Tasche abgeben. Es soll keine skandalösen Zwischenfälle geben.

Demonstrationen in englischen Debattierclubs haben Tradition. 2007 kam es in Oxford zu wütenden Protesten, als Holocaustleugner David Irving und Nick Griffin, Vorsitzender der rechtsradikalen British National Party, vor der Oxford Union auftraten. Mehrere Dutzend Aktivisten stürmten damals den Saal und tanzten auf der Bühne.

Gegenveranstaltung in der Jura-Fakultät

2009 warf ein deutscher Student in Cambridge bei einer Rede des chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao einen Schuh auf den Redner und nannte ihn "Diktator". Und 2011 sorgte ein Auftritt des deutschen Bestseller-Autors Thilo Sarrazin an der London School of Economics für derart scharfe Kritik in der Hochschule, dass der Gast am Ende vom Uni-Gelände verbannt wurde und in einem Hotel sprechen musste.

Überraschen konnte es daher niemanden, dass Strauss-Kahn in Cambridge ein heißer Empfang bereitet wurde. Bereits am Nachmittag hatte die Studentenvertretung zu einer Gegenveranstaltung in die Jura-Fakultät geladen. Sie hatte ihren eigenen Stargast aus New York eingeflogen: Douglas Wigdor, Anwalt des Zimmermädchens Diallo.

Während das Strafverfahren der Staatsanwaltschaft gegen Strauss-Kahn im August eingestellt wurde, läuft noch eine Zivilklage Diallos gegen ihn vor einem Gericht in der Bronx. Die erste Anhörung findet Ende des Monats statt.

Diallos Anwalt nutzte die Gelegenheit, vor der angereisten internationalen Presse zu erklären, warum er Strauss-Kahn für schuldig hält. Es gebe einen "Berg an Beweisen", den der New Yorker Staatsanwalt leider aus politischen Gründen ignoriert habe. Strauss-Kahn habe bisher noch nie seine Sicht jener sieben Minuten im Hotelzimmer geschildert, in denen er mit der wildfremden Diallo Sex hatte. Er habe nur von seinem "moralischen Versagen" gesprochen. Leider würden ihm in Cambridge keine kritischen Fragen gestellt. Stattdessen lasse sich der Debattierclub für Strauss-Kahns PR-Kampagne einspannen.

Der Ansturm zu dieser Gegenveranstaltung war so gewaltig, dass sie in einen größeren Hörsaal verlegt werden musste. Ein Dutzend Kameraleute, viele aus Frankreich, filmten den Auftritt Wigdors.

"Die Einladung Strauss-Kahns ist eine Beleidigung aller Opfer von Sexualverbrechen", sagte Wigdor. Er verlas auch ein Statement von Tristane Banon, der französischen Journalistin, die Strauss-Kahn ebenfalls sexuelle Belästigung vorwirft. Sie zeigte sich darin erstaunt, dass dem 62-Jährigen in Cambridge eine so prestigeträchtige Bühne gegeben werde. Wigdor erhielt donnernden Applaus.

"Die wollten ihn bloß wegen der Publicity"

Nicht alle Anwesenden hielten die Einladung des früheren IWF-Chefs für falsch. Die 22-jährige Jura-Studentin Victoria Herman verwies darauf, dass Universitäten Orte der Debatte sein sollen. "Wenn Strauss-Kahn nicht gekommen wäre, hätte diese Diskussion hier nicht stattgefunden."

Andere fanden den Verweis auf die Meinungsfreiheit fadenscheinig. Wenn es tatsächlich darum gehe, müsse man Strauss-Kahn mit den Vorwürfen auch konfrontieren dürfen, sagte Studentenvertreterin Ruth Graham. Aber Clubmitglieder, die die Petition zur Ausladung Strauss-Kahns unterzeichnet hatten, hätten keine Tickets bekommen.

Einige warfen den Veranstaltern auch Sensationsgier vor. In diesem Semester waren bereits die durch ihre Oberweite bekannt gewordene Boulevard-Queen Katie Price und Skandal-Talker Jerry Springer in der Cambridge Union Society zu Gast. Die Einladungsliste zeige, dass es der Society vor allem um Schlagzeilen und möglichst kontroverse Redner gehe, sagt Ellie Bradshaw, eine 19-jährige Germanistikstudentin. "Es gibt wahrscheinlich bessere Redner, um über die Wirtschaft zu reden. Sie wollten Strauss-Kahn bloß wegen der Publicity".

Die Cambridge Union Society verteidigt sich damit, dass die Einladung an den damaligen IWF-Chef bereits vor der Festnahme in New York herrausgegangen sei. Der Skandal habe damit nichts zu tun. Mehrere Teilnehmer sagten, sie wollten hören, was Strauss-Kahn zu seinem Fachgebiet zu sagen habe und nicht über seine persönlichen Probleme sprechen.

Im Saal ging der Abend für Strauss-Kahn tatsächlich ohne blamablen Zwischenfall über die Bühne. Zwar waren die Proteste von draußen auch drinnen deutlich zu hören, aber eine längere Debatte über die Vergewaltigungsvorwürfe blieb ihm erspart. Zwei Fragen zu dem Thema seien aber doch gestellt worden, berichtete Teilnehmer Patrick Wollner anschließend. Auf die Frage, was er über die Proteste denke, habe Strauss-Kahn entgegnet, die Demonstranten hätten das gleiche Recht auf Meinungsfreiheit wie er selbst.

Dann wurde Strauss-Kahn noch gefragt, ob er eine Ahnung habe, woher die blauen Flecken stammten, die an Diallos Körper gefunden worden waren. Daraufhin sagte er, da die Anklage in New York gegen ihn fallengelassen worden sei, wolle er dies nicht mehr im Detail beantworten.

Zufrieden sein kann er mit diesem Abend dennoch nicht. Denn in Erinnerung bleiben werden nicht seine Aussagen zur Euro-Krise. Sondern die Proteste gegen den vermeintlichen Vergewaltiger, der am Ende des Abends noch einen wenig rühmlichen Abgang hinlegt: Er wird in einem Polizeiwagen vor Demonstranten und Medien in Sicherheit gebracht.

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