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18. Januar 2014, 07:27 Uhr

Senioren-Studenten

"Ich mach das zum Spaß"

Im Hörsaal ist sie Kommilitonin Oma: Nötig hat Monika Stadtmüller mit bald 70 Jahren ein Studium nicht mehr. Trotzdem studiert die Seniorin an der Uni Hannover Politik und im Nebenfach Geschichte. Die größten Vorteile: dabei sein, lernen, Kontakte knüpfen.

Monika Stadtmüller ist Vorsitzende des Seniorenbeirats von Hannover, und seit vier Jahren ist die fast 70-Jährige obendrein Studentin der Kulturwissenschaften: An der Leibniz-Universität studiert sie Politik, mit dem Schwerpunkt europäische Gesundheitspolitik, und im Nebenfach Geschichte.

"Ich brauche das Studium nicht mehr zum Leben, ich mache das zum Spaß", erklärt Stadtmüller. Es sei spannend, sich mit etwas zu beschäftigen, für das man früher keine Zeit gehabt habe. Für Stadtmüller ist es das dritte Studium in ihrer akademischen Laufbahn und das erste Zertifikatsstudium für Senioren.

Das Fachwissen helfe ihr bei der Arbeit im Seniorenbeirat, außerdem sammelt Stadtmüller wertvolle Kontakte zu anderen Alten und lernt, was ihren Seniorenkommilitonen wichtig ist. Sie ist eine von derzeit 55.000 Seniorenstudenten in Deutschland. Das Zertifikatsstudium ist für Menschen ab 50 Jahre eine Möglichkeit, ohne Abitur an die Universität zu gehen. Elf Universitäten bieten es an, Tendenz steigend. "Es ist ein Mittelding aus Gasthörer- und Vollzeitstudium", erklärt Jochen Schneider vom Akademischen Verein der Senioren Deutschlands (AVDS).

Während Senioren in einem Gasthörerstudium jedes Semester neu beginnen, bauen die Veranstaltungen des Zertifikatsstudiums aufeinander auf. Studenten müssen Prüfungen schreiben oder Vorträge halten und am Ende eine abgespeckte Bachelorarbeit schreiben. Der Nutzen ist ideell: "Man kann es in ehrenamtlichen, nebenberuflichen oder politischen Bereichen gebrauchen." Aufbau und Kosten sind verschieden, Stadtmüllers akademische Seniorenausbildung dauert mindestens fünf Semester, pro Semester fallen 120 Euro Gebühren an.

Studium als Kontaktanbahnung: Dabei sein, Leute treffen

Auch das Berliner Ausbildungsmodell für nachberufliche Aktivitäten (Bana) an der TU Berlin bietet Menschen ab 45 Jahren die Möglichkeit, sich ohne Abitur Fachwissen an der Universität anzueignen. "Es geht dabei um die generelle Förderung von bürgerschaftlichem Engagement", erklärt Elke Beyer, Leiterin des Seniorenstudiengangs. Die meisten Studenten seien bereits in Vereinen und Projekten aktiv und möchten ihr Wissen vertiefen. Das Studium dauert vier Semester und kostet im Semester 60 Euro Studiengebühren. Entwickelt wurde das Modell in Berlin bereits im Jahr 1985.

Früher hätten vor allem Frauen ein Studium begonnen, wenn die Kinder aus dem Haus waren. Mittlerweile ist der Anteil von Männern und Frauen in Berlin unter den 45 Erstsemestern gleich, die Altersspanne reicht von 45 bis 80 Jahren. Die Seniorenstudenten wollen sich vor allem einbringen, sagt Beyer. Im Berliner Studium müssen sich die Studenten zwischen drei Schwerpunkten entscheiden: Stadt, Umwelt sowie Gesundheit und Ernährung. Darüber hinaus können sie aber auch Veranstaltungen aus dem gesamten Studienangebot wählen.

Mit dem Bana-Zertifikat in der Tasche engagieren sich die Senioren oft in Bürgerforen oder in lokalen Projekten. Ein Projekt befasst sich beispielsweise mit der Wasserqualität der Spree. Andere Senioren wollen das Fahrradfahren in der Stadt verbessern.

Stadtmüller schätzt, dass außer ihr nicht allzu viele Kommilitonen mit Blick auf ein Ehrenamt die Vorlesungen besuchen. Oft wollten die Senioren nachholen, wozu sie früher keine Chance hatten. Und es gibt auch einige, die einfach nur dabei sein und Leute treffen wollen - was ja auch bei Studenten unter 30 hin und wieder vorkommen soll.

cht/seh/Annabell Brockhues, dpa

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