Senioren-Studenten "Ich mach das zum Spaß"

Im Hörsaal ist sie Kommilitonin Oma: Nötig hat Monika Stadtmüller mit bald 70 Jahren ein Studium nicht mehr. Trotzdem studiert die Seniorin an der Uni Hannover Politik und im Nebenfach Geschichte. Die größten Vorteile: dabei sein, lernen, Kontakte knüpfen.

TMN

Monika Stadtmüller ist Vorsitzende des Seniorenbeirats von Hannover, und seit vier Jahren ist die fast 70-Jährige obendrein Studentin der Kulturwissenschaften: An der Leibniz-Universität studiert sie Politik, mit dem Schwerpunkt europäische Gesundheitspolitik, und im Nebenfach Geschichte.

"Ich brauche das Studium nicht mehr zum Leben, ich mache das zum Spaß", erklärt Stadtmüller. Es sei spannend, sich mit etwas zu beschäftigen, für das man früher keine Zeit gehabt habe. Für Stadtmüller ist es das dritte Studium in ihrer akademischen Laufbahn und das erste Zertifikatsstudium für Senioren.

Das Fachwissen helfe ihr bei der Arbeit im Seniorenbeirat, außerdem sammelt Stadtmüller wertvolle Kontakte zu anderen Alten und lernt, was ihren Seniorenkommilitonen wichtig ist. Sie ist eine von derzeit 55.000 Seniorenstudenten in Deutschland. Das Zertifikatsstudium ist für Menschen ab 50 Jahre eine Möglichkeit, ohne Abitur an die Universität zu gehen. Elf Universitäten bieten es an, Tendenz steigend. "Es ist ein Mittelding aus Gasthörer- und Vollzeitstudium", erklärt Jochen Schneider vom Akademischen Verein der Senioren Deutschlands (AVDS).

Während Senioren in einem Gasthörerstudium jedes Semester neu beginnen, bauen die Veranstaltungen des Zertifikatsstudiums aufeinander auf. Studenten müssen Prüfungen schreiben oder Vorträge halten und am Ende eine abgespeckte Bachelorarbeit schreiben. Der Nutzen ist ideell: "Man kann es in ehrenamtlichen, nebenberuflichen oder politischen Bereichen gebrauchen." Aufbau und Kosten sind verschieden, Stadtmüllers akademische Seniorenausbildung dauert mindestens fünf Semester, pro Semester fallen 120 Euro Gebühren an.

Studium als Kontaktanbahnung: Dabei sein, Leute treffen

Auch das Berliner Ausbildungsmodell für nachberufliche Aktivitäten (Bana) an der TU Berlin bietet Menschen ab 45 Jahren die Möglichkeit, sich ohne Abitur Fachwissen an der Universität anzueignen. "Es geht dabei um die generelle Förderung von bürgerschaftlichem Engagement", erklärt Elke Beyer, Leiterin des Seniorenstudiengangs. Die meisten Studenten seien bereits in Vereinen und Projekten aktiv und möchten ihr Wissen vertiefen. Das Studium dauert vier Semester und kostet im Semester 60 Euro Studiengebühren. Entwickelt wurde das Modell in Berlin bereits im Jahr 1985.

Früher hätten vor allem Frauen ein Studium begonnen, wenn die Kinder aus dem Haus waren. Mittlerweile ist der Anteil von Männern und Frauen in Berlin unter den 45 Erstsemestern gleich, die Altersspanne reicht von 45 bis 80 Jahren. Die Seniorenstudenten wollen sich vor allem einbringen, sagt Beyer. Im Berliner Studium müssen sich die Studenten zwischen drei Schwerpunkten entscheiden: Stadt, Umwelt sowie Gesundheit und Ernährung. Darüber hinaus können sie aber auch Veranstaltungen aus dem gesamten Studienangebot wählen.

Mit dem Bana-Zertifikat in der Tasche engagieren sich die Senioren oft in Bürgerforen oder in lokalen Projekten. Ein Projekt befasst sich beispielsweise mit der Wasserqualität der Spree. Andere Senioren wollen das Fahrradfahren in der Stadt verbessern.

Stadtmüller schätzt, dass außer ihr nicht allzu viele Kommilitonen mit Blick auf ein Ehrenamt die Vorlesungen besuchen. Oft wollten die Senioren nachholen, wozu sie früher keine Chance hatten. Und es gibt auch einige, die einfach nur dabei sein und Leute treffen wollen - was ja auch bei Studenten unter 30 hin und wieder vorkommen soll.

cht/seh/Annabell Brockhues, dpa

insgesamt 114 Beiträge
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spotmakesmyday 18.01.2014
1. Find ich prinzipiell toll!!
Allerdings erinnert man sich auch an die Seniorenstudenten, die in sowieso schon überfüllten Hörsälen alles besetzen (gerade in Geisteswissenschaften sitzen viele Seniorenstudenten, die früher was "anständiges lernen" sollten und jetzt das studieren, was ihnen Spaß macht) und Platz/Ressourcen manchmal auch unnötig denen wegnehmen, die mit ihrem Studium noch mal ne Weile ihren Lebensunterhalt mit verdienen müssen... von dem her sollten manche Seniorenstudenten dann schon Rücksicht nehmen.
maxehaxe 18.01.2014
2. Studiengebühren?
Verbessert mich, wenn ich falsch liege, aber im Artikel ist von 120 ? Semestergebühr die Rede... Also - wenn ich meiner Mitbewohnerin Glauben schenken kann - ohnehin schon weniger, als "normale" Studenten entrichten müssen (wobei offen bleibt, ob auch hier ein Semesterticket enthalten ist). Von den 500 ? Studiengebühren pro Semester, die zur Zeit (noch) drauf kommen, ist aber keine Rede. Heißt das brutal gesagt, dass Senioren für weniger Geld Studienplätze belegen und diese den jüngeren Studenten, die ihr Leben darauf aufbauen wollen bzw. müssen, die Plätze einfach so wegnehmen können?
outwiper 18.01.2014
3. schön wie senioren
für gerademal 120?/semester reguläre plätze belegen. spätestens ab dem rentenalter sollte ein extrastudium das kosten was es verursacht. und das dürften ein paar tausender im semester sein. unglaublich dass rentner hier auf kosten der allgemeinheit die bewältigung ihrer langeweile subventioniert bekommen. ich hatte auch so nen opa im architekturstudium, der mit seiner ganzen lebensweisheit ständig sinnfrei den studienbetrieb aufgehalten hat
Creedo! 18.01.2014
4. hmmm ...
Zitat von sysopTMNIm Hörsaal ist sie Kommilitonin Oma: Nötig hat Monika Stadtmüller mit bald 70 Jahren ein Studium nicht mehr. Trotzdem studiert die Seniorin an der Uni Hannover Politik und im Nebenfach Geschichte. Der größte Vorteil: dabei sein, lernen, Kontakte knüpfen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/zertifikatsstudiengaenge-bereiten-senioren-auf-ehrenamt-vor-a-943249.html
Ist doch mal wieder typische Misepeterei: Senioren nehmen Studenten für lau die Plätze weg. Ist doch egal wann jemand das kostenlose Bildungssystem nutzt. Die Seniorenstudenten haben bereits ihr Leben lang gearbeitet und vielen Studenten ihr Studium bezahlt. Dann sollten die Senioren die Institution auch selbst nützen können. Klar, die Gesellschaft hat keinen direkten Nutzen aus Akademiker-Senioren. Aber nach dem Nutzen fragt sonts ja auch keiner. Ein Akademiker, der eine deutsche Uni nutzt, muss sich ja auch nicht freikaufen, wenn er ins Ausland geht. Da ist die Investition auch futsch. Wie schauts dann mit Studienabbrechern? Die müssen für die ungenutzte Studienzeit auch keine Entschädigungsleistung zahlen. Und was ist mit all denen, die zwar einen Studienabschluss haben, aber den für ihre Arbeit gar nicht benötigen? Da wäre z.B. die akademische Mutter, Dipl. Ings., die Hauptberuflich Gewerkschaftler sind oder Aussteiger. Bei denen akzeptiert man das Studium auf Verdacht auch. Wenn man nur auf die Kosten und Plätze schaut, dann müßte jeder Student einen Studiumsvertrag unterschreiben, der ihn zum zügigen und erfolgreichen Abschluss verpflichtet mit der Maßgabe, später wenigstens 10 Jahre in Deutschland im studierten Berufsfeld zu arbeiten. Andernfalls sind die Studienkosten zu erstatten. Da würden die Studenten wohl erst recht jammern.
lew111 18.01.2014
5. Frechheit
Da ich selbst nicht weit vom Seniorenstatus bin erlaube ich mir zu sagen das es eine Frechheit ist wenn Senioren nochmal studieren. Auch wenn Sie sonst keine Ressourcen in Anspruch nehmen (was sie doch tun) so stehlen sie den Professoren und wissenschaftliche Mitarbeitern die Zeit, die diese für jüngere Studenten aufwenden könnten. Wer im Alter lernen will kann dieses im Selbststudium tun (das sollte man gelernt haben), Intressensgruppen gründen oder z.B. im Internet Kontakte knüpfen. Meiner Meinung nach sollte es in Deutschland verboten sein mit über 40 noch ein Studium anzufangen.
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