Zum Studium nach Frankreich Savoir-Vivre jenseits des Rheins

Müssen es immer England oder die USA sein? Das Nachbarland Frankreich lockt Gaststudenten mit Lebenskunst, Kultur und Wissenschaft. Das Studium ist allerdings deutlich straffer organisiert, Jobben kommt kaum in Frage.


Comment ça va? Französisch lernt man am besten vor Ort
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Comment ça va? Französisch lernt man am besten vor Ort

Viele deutsche Studenten grübeln, ob sie nicht vor allem ihre Englischkenntnisse verbessern sollten. Doch Experten sind anderer Meinung und raten zu ein, zwei Gastsemestern in Frankreich: "Auf dem Arbeitsmarkt ist man später viel interessanter, wenn man eine Sprache spricht, die nicht alle können und ein Land kennt, das nicht vielen vertraut ist", meint Achim Haag, Referatsleiter für Frankreich beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) in Bonn.

Als Weltsprache sei Englisch zwar bedeutender, meint der Hamburger BWL-Professor Karl-Werner Hansmann. "Aber Frankreich ist Deutschlands wichtigster Handelspartner, und innerhalb der Eurozone hat Frankreich großes Gewicht." Ein guter Zeitpunkt für einen Studienaufenthalt im Ausland sei nach der Zwischenprüfung, so Haag: "Da hat man schon eine fachliche Grundlage."

Etwa ein Jahr vorher sollte die Planung des Aufenthaltes beginnen. Welcher Ort in Frage kommt, lässt sich am eigenen Fachbereich oder über die Internetseiten der französischen Hochschulen ermitteln. Oft lohnt sich ein Besuch vor Ort.

Zur Auswahl stehen Universitäten, Institute, Privathochschulen, Fachhochschulen sowie die renommierten Grandes Ecoles. Haag empfiehlt, eine Wunsch-Hochschule auszugucken und sich dann nach den Aufnahmemodalitäten zu erkundigen.

Wer sein gesamtes Studium binational ausrichten möchte, sollte einen der 50 von deutschen Hochschulen angebotenen integrierten Studiengänge erwägen: Die Studieninhalte beziehen sich auf Deutschland und Frankreich, französisches Fachvokabular spielt eine große Rolle, und in der Regel werden drei Semester sowie Praktika in Frankreich verbracht. Absolventen erhalten die Diplome beider Partnerhochschulen.

Paris ist ein besonders teures Pflaster

Integrierte Studiengänge gibt es in vielen Fachrichtungen - in den Technik-Fächern ebenso wie in den Wirtschafts- und Naturwissenschaften, in Informatik, Jura, Geschichte und Philologie. Das gilt auch für Politik, europäische Medienkultur und bilinguales Lehramt. Nach einem erfolgreichen Sprachtest kann man auch das komplette Studium im Nachbarland absolvieren.

Finanzielle Unterstützung von französischen Stellen gibt es auch für deutsche Studierende erhalten. Die Lebenshaltungskosten veranschlagt der DAAD auf 1400 bis 2200 Mark monatlich - insbesondere Paris sei ein teures Pflaster.

Die Idee, sich den Frankreich-Aufenthalt durch Jobben zu finanzieren, solle man sich aus dem Kopf schlagen, warnt der DAAD. Die hohe Wochenstundenzahl und zahlreiche Prüfungen ermöglichten allenfalls kleine Nebenverdienste, zumal das französische Studienjahr keine Semesterferien kenne.

Bafög-Empfänger können ein Jahr Auslandsförderung beantragen. Sie wird nicht auf die Förderungshöchstdauer angerechnet und enthält die Inlandsförderung, Studiengebühren und Reisekosten. Der DAAD vergibt Teilstipendien von monatlich 700 Mark plus Studiengebühren und Reisekosten an Studierende sowie Vollstipendien an Graduierte.

Keine Scheu vor der Provinz

Das EU-Programm Sokrates umfasst einen monatlichen Zuschuss von 271 Mark sowie einen Platz im Studentenwohnheim. Zimmer beim französischen Studentenwerk oder bei privaten Trägern sind nicht leicht zu ergattern, aber die Mühe lohnt sich: "Ich hätte es leichter gehabt, Kontakte zu finden, wenn ich in einem Wohnheim gewohnt hätte", meint der Heidelberger Physikstudent Tobias Görlach, der als DAAD-Stipendiat ein Jahr in Grenoble verbrachte.

Um einen Wohnheimplatz sollte man sich schon ein Dreivierteljahr vor Abreise kümmern, besonders in Paris sind die billigen Unterkünfte begehrt. Paris als Studienort empfiehlt sich auf Grund des kulturellen Angebotes, kann aber auch Einsamkeit bedeuten: "Lieber eine gute Provinzuniversität, statt in Paris als anonyme Nummer rumlaufen", spitzt DAAD-Experte Haag zu.

Nach einer nicht einfachen Eingewöhnungsphase mit emotionalen Höhen und Tiefen habe sie sich schließlich im Land heimisch gefühlt, sagt Romanistikstudentin Sandra Heidrich von der Universität Bielefeld. Die Versuchung, sich mit anderen Ausländern zusammenzuschließen ist groß. "Am Anfang ist man oft einsam, und die Ausländer teilen mit einem das selbe Los", meint der Jurist Philipp Plog, der nach dem ersten Staatsexamen über ein DAAD-Jahresstipendium einen französischen Zusatz-Abschluss in Paris erwarb.

Das Studium in Frankreich sei tendenziell verschulter als in Deutschland, erläutert Achim Haag: "Das ist aber auch ein Vorteil, denn es wird solides Grundwissen vermittelt, während in Deutschland oft ohne sichere Basis herumgefaselt wird."

Philipp Plog lobt die interessanten, ohne Skript gehaltenen Vorträge seiner französischen Professoren. Neben dem fachlichen Nutzen betont der Jurist den persönlichen Gewinn: "Frankreich ist ein tolles Erlebnis - sinnlich und lebensbejahend. Das hat mir sehr gut getan."

Von Katharina Kramer, gms



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