Zurückgeblieben in Ilmenau Wo seid ihr alle?

Ilmenau ist schon im Semester keine Metropole und schlummert im Sommer tief. "Studieren, wo andere Urlaub machen", wirbt die Uni. Nur ein harter Kern bleibt - und tröstet sich: Der Tag ist eh kürzer, weil man in den Semesterferien länger schläft.

Von Christian Werner


Juliane Röder ist jung und braucht das Geld: Die 23-Jährige studiert an der Technischen Universität Ilmenau und hat dort über die Semesterferien einen Assistenten-Job angenommen. Bafög bekommt sie nicht und finanziert ihr Studium mit einem Kredit. Für den Job muss Juliane 25 Stunden im Monat verfügbar sein, auf Abruf. Alle Mitbewerber um die Stelle seien sofort abgesprungen, als es hieß, man müsse in den Ferien arbeiten - für sie kein Problem. Oder doch? Die Studentin rollt mit den Augen und fragt: "Wer bleibt schon freiwillig hier?"

Ilmenau kuschelt sich 40 Kilometer südlich von Erfurt an den Thüringer Wald. Es ist wie Göttingen eine klassische Uni-Stadt, nur viel kleiner: 30.000 Menschen leben dort. An der TU gibt es 6700 Studenten, mit rund tausend Beschäftigten ist sie größter Arbeitgeber der Region. Die Hälfte der Studenten kommt aus Thüringen und kehrt wegen der kurzen Distanzen immer wieder im Hotel Mama ein. An den Wochenenden ist die Uni leer, während der Semesterferien hält sie auch an den Werktagen Dornröschenschlaf.

"Wenn ich über den Campus laufe, bin ich allein", sagt Juliane Röder und zeigt auf die leere Mensa-Terrasse. Außerhalb des Uni-Geländes sei schon was los. Doch viele Geschäfte gebe es in Ilmenau nicht, und ohne Studentenrabatt sei ihr das Kino zu teuer - "da wird man süchtig nach DVDs". Sie sei eben die Großstadt gewohnt. An den Wochenenden fährt Juliane manchmal heim nach Cottbus: mit dem Zug je sechs Stunden hin und zurück.

Die Studentenclubs werden renoviert

Christian Lehmann sagt, in Ilmenau sei es "ruhiger als sonst". Dass seine Freunde unterwegs sind, stört den Studenten und Windsurfer nicht: "Der Tag ist eh kürzer, weil man in den Semesterferien länger schläft." Seine Gelassenheit hat einen Grund: In ein paar Tagen packt der 21-Jährige sein Brett in den Bus - und ab an den Strand, "adios Ilmenau".

Über die Hälfte der Studenten verlässt Ilmenau im Sommer, schätzt TU-Prorektor Klaus Augsburg - "ob das 60 oder 80 Prozent sind, wissen wir nicht". Er nennt ein "heftiges Indiz für die Ferienzeit": freie Parkplätze am Campus. Professoren und Mitarbeiter seien die meiste Zeit vor Ort, sagt Augsburg. Einer von ihnen ist Jens Wolling. Der TU-Professor will ein Haus bauen, die Semesterpause kommt ihm gelegen. Die Einführung von Trimestern fände er schlimm. "Die Zeit für liegen gebliebene Publikationen, Abschlussarbeiten und zur Reflexion wäre dann noch kürzer."

Das Ilmenauer Campusleben läuft in den Sommerferien auf Sparflamme: kürzere Öffnungszeiten im Copy-Shop, in der Bibliothek, im Studentencafé. Die vier Studentenclubs nutzen die Pause traditionell für Renovierungsarbeiten. In die Bibliothek kommt zeitweise nur ein Viertel der üblichen Nutzer.

"Studieren, wo andere Urlaub machen"

Das beste Messinstrument für den Studenten-Schwund ist die Mensa: Statt 2500 Essen täglich werden in den Ferien nur 1000 gekocht, abends gibt es nichts mehr auf die Gabel. Und von den 2000 Studenten im Campus-Wohnheim "reist mehr als die Hälfte ab", sagt Karsten Watterott vom Studentenwerk Thüringen.

Dabei gibt es in der Region jede Menge Natur. "Studieren, wo andere Urlaub machen", wirbt die Uni. Vom Campus aus hat man einen Panoramablick über die Stadt und den Thüringer Wald. "Eigentlich müssten wir von den Studenten Kurtaxe verlangen", scherzt Thomas Jäcklein von der Stadtverwaltung. Doch wer im Sommer bleibt, hat meist keine Zeit für Urlaub.

So muss Imke Rühle, 23, drei Hausarbeiten schreiben, eine Projektarbeit vorbereiten und für eine mündliche Prüfung lernen. Nach dem ganzen Semesterstress wollte sie eine Freundin in Griechenland besuchen. Doch wegen der Studienaufgaben platzte der Trip. Nun liegt eine Postkarte mit Meerblick neben Büchern, Heftern und Laptop: "Weil du nicht kommen kannst, kommt das Meer zu dir", steht darauf. Die Studentin ist betrübt. "Hier ist gerade nichts los, meine Mitbewohner sind fast alle im Urlaub und mein Freund ist im Praktikum", sagt sie. Nur ein Kurzurlaub bei den Eltern sei drin gewesen.

Die Urlaub-bei-Mutti-Möglichkeit entfällt für viele der rund 700 ausländischen Studenten. Vor allem, wenn ihr Heimatland auf einem anderen Kontinent liegt. Wanchun Fan, 26, beschloss, in Ilmenau zu bleiben, obwohl die meisten ihrer chinesischen Freunde nach Hause geflogen sind. Sie muss an ihrer Studienjahresarbeit feilen. Dass die Uni Dornröschenschlaf hält, gefällt ihr: "Es ist viel angenehmer, wenn alles so ruhig und locker ist."



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