Zwei Monate im Hostel Und täglich grüßt der fremde Schweißfuß

Ausritte in Weltpolitik und Brasiliens Karneval, Küchenkämpfe über klebrigen Nudeln: Martin Herzer hatte sich seine Praktikumszeit in Washington anders vorgestellt. Notgedrungen lebt er nun acht Wochen im Hostel, hat jeden Tag andere Füße im Gesicht - und entdeckt eine neue Form von Dreistigkeit.

Lazar Backovic

Jeden Morgen streckt man mir ein neues Paar meist nackte Füße ins Gesicht: mal sauber und mal ungewaschen, krumme und gerade Zehen, die Fußnägel kurz oder länger nicht geschnitten. Ich wohne derzeit für zwei Monate in einem Hostel in der amerikanischen Hauptstadt Washington. Die Betten in meinem Zimmer sind so angeordnet, dass mein Bettnachbar mich allmorgendlich mit den Fußsohlen grüßt.

Eigentlich war für mein zweimonatiges Praktikum beim Nachrichtensender al-Dschasira alles bestens geplant und das Zimmer zur Zwischenmiete in günstiger Lage fest reserviert. Aber dann schickte mir mein Vermieter in spe spontan eine Absage - zwei Tage vor meiner Ankunft. Jetzt wohne ich in einer besseren Kammer, vollgestopft mit einem Dutzend Koffer und Taschen und einer klapprigen Kommode. Zusammen sind wir sechs Menschen in drei Stockbetten.

Ich wollte nur kurzzeitig im Hostel absteigen - das war der Plan. Doch dann machte mir der Besitzer ein Angebot, das man in Washington nicht ausschlagen kann: 450 Dollar Monatsmiete, wenn ich für die vollen acht Wochen bliebe. Günstiger geht es in der Stadt kaum. Mein Hostel liegt nordöstlich vom Zentrum, 20 Gehminuten vom Weißen Haus und von meinem Arbeitsplatz entfernt. In dieser Lage würde ich für ein kleines WG-Zimmer locker tausend Dollar zahlen.

Immer neue Fußpaare, immer neue Gesichter

Der Blick auf wechselnde Füße beim Aufstehen macht klar, wie es beim Hostel-Daueraufenthalt zugeht. Der Vorteil: Zu jedem neuen Fußpaar gehört, am anderen Ende, auch ein neues Gesicht. Die internationalen Besucher in meinem Zimmer bringen Geschichten aus der ganzen Welt mit. Der Nachteil: Das Leben im Hostel zwingt zu gewissen Abstrichen, was Komfort und Privatsphäre angeht.

Zum Beispiel lagert meine Kleidung statt im Schrank im Koffer unterm Bett. Das wiederum dient mir wegen Platzmangel nicht nur als Schlafstätte, sondern auch als Schreibtisch und Ablage. Die Zimmertür schließt nicht, dafür liegen immer neue Haare im Waschbecken des Gemeinschaftsbads. Ich teile es mit rund 15 wechselnden Personen.

Zu den ersten Mitbewohnern in meinem Zimmer gehörten Thiago und Eduardo, angehende brasilianische Zahnärzte auf Rundreise in den USA. Die beiden nötigten mich abends, eine bauchige Flasche Wein mit ihnen zu leeren - und schwärmten dabei ausdauernd vom brasilianischen Karneval. "Ehrlich, da kannst du an einem Tag 15 verschiedene Mädchen küssen", beteuerte Thiago in gebrochenem Englisch und mit geröteten Wangen.

Heftig ist auch das nächtliche Schnarchen mancher Zimmergenossen. Deshalb liege ich jetzt abends immer früh im Bett und konzentriere mich aufs schnelle Einschlafen. Ich muss in Tiefschlaf versinken, bevor der nächtliche Lärm beginnt. Während die meisten südamerikanischen Hostel-Gäste in Washington vor allem das Nachtleben erkunden, gehen viele Asiaten die Sache anders an. Vor allem Chinesen sehen einen Trip in die US-Hauptstadt als Studienreise. Und die meisten verwickeln mich in politische Diskussionen.

Amerikanische Küche? "Disgüsting"

"Kein Zweifel, unser Land braucht politische Reformen", sagt Hang. Aber im Reich der Mitte gehe das eben nicht so schnell: "China kann man gut mit einem Flugzeugträger vergleichen: Selbst kleine Kursänderungen kosten viel Energie und gehen nicht von jetzt auf gleich." Darum wünsche er sich von Seiten des Westens mehr Geduld mit seinem Heimatland.

Chinesen und Südkoreaner stellen die größte Gruppe meiner Mitbewohner, noch vor Schotten, Deutschen, Spaniern und Polen. Dazu mischen sich gelegentlich Argentinier, Mexikaner und Vietnamesen.

Das bislang exotischste Herkunftsland hat Rajesh: In Nepal studierte er Forstwirtschaft, seine Noten waren so gut, dass er ein Master-Stipendium an der Elite-Universität Yale bekam. Gerade hat Rajesh das Studium abgeschlossen und einen Job bei der Weltbank angetreten. Bis er in seine Wohnung in Washington zieht, wohnt er ein paar Tage in meinem Zimmer. "Verrückt", sagt er, "in dem Dorf, wo ich aufgewachsen bin, gab es nicht mal elektrischen Strom".

Da in jedem Zimmer so viele Betten wie möglich klemmen, ist man nie allein. Überall wuselt es. Johlende Unterhaltungen, aufgedrehte Musik, irgendwer spielt Gitarre. Bettnachbarn brüllen in den verschiedensten Sprachen ihre Laptops an, denn die Skype-Verbindung ist chronisch schlecht. Allerorten liegt und hängt Zeugs: Nasse Handtücher tropfen von Bettrahmen, zerknüllte Stadtpläne liegen auf dem Boden, Schals baumeln an Türen. Abends suche ich minutenlang nach einem Platz für meinen Mantel.

Unbekümmert fremde Milch ins Müsli kippen

Vor allem die Nordeuropäer haben Probleme mit mangelnder Ordnung und Sauberkeit im Hostel: "Benutze Taschentücher liegen unter meinem Bett", jammert Linn aus Schweden. "Und der Duschkopf im Bad tropft nicht, das Wasser läuft einfach permanent." Als ich ihr erkläre, dass ich hier für acht Wochen wohne, klopft sie mir mitleidig auf die Schulter.

Der Höhepunkt des Hostel-Chaos ist der Abend in der Gemeinschaftsküche: Am Herd entflammt der Kampf um noch funktionstüchtige Kochplatten und klebrige Töpfe und Pfannen. Flüche in drei oder vier verschieden Sprachen fliegen durch den Raum. Fast sämtliche Hostel-Gäste rühren Nudeln mit Tomatensoße zusammen - nur ein Franzose schnippelt drei verschiedene Gemüse und reibt ein Stück Fleisch mit Gewürzen ein. Dazu empört er sich näselnd über amerikanische Ess- und Kochkultur: für ihn einfach "disgüsting".

Beim Essen erklärt mir ein Südkoreaner wortreich, welche Sehenswürdigkeiten er heute in Washington abgeklappert hat. Vermutlich redet er Englisch, es könnte aber ebenso gut Suaheli sein. Ich lächle freundlich und nicke ihm eifrig zu. Zwei ältere Damen aus Texas haben zu viele Spaghetti gekocht und laden daher alle Leute in der Küche zum Mitessen ein.

Teilen ist überhaupt das zentrale Element des Langzeitlebens im Hostel. In der ersten Zeit nach meiner Ankunft wunderte ich mich über meinen hohen Verbrauch an Milch oder Shampoo. Dann ging mir ein Licht auf: Andere Hostel-Bewohner stibitzten heimlich von meinen Vorräten. Ziemlich unverschämt fand ich das - doch mittlerweile kippe auch ich mir morgens gern mal die Milch fremder Leute ins Müsli. Wer dauerhostelt, der teilt nicht nur Küche, Bad, Zimmer und Shampoo. Er teilt sein ganzes Leben - inklusive schlechter Angewohnheiten.

Mal sehen, welches Paar Füße mir morgen zum Aufstehen winken.

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