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Mütter an der Uni: Alltag mit Baby, Bachelor und Master

Foto: Fritz Habekuß

Zwischen Baby und Bologna Lasst mich durch, ich bin Mutter

Starre Stundenpläne, Anwesenheitspflicht und Prüfungsdruck machen jungen Eltern im Bachelor und Master das Studieren schwer. Damit Baby und Uni zusammenpassen, sind viele auf das Wohlwollen ihrer Dozenten angewiesen. Drei Mütter erzählen, wie sie mit Kind die Uni-Laufbahn meistern.

Olga ist stolz. Stolz, dass sie studiert. Und stolz auf Leonie, ihre vierjährige Tochter. Dafür arbeitet sie hart an sich. Ihre Tage plant sie diszipliniert von morgens bis abends und hält sich täglich bis zu vier Stunden zum Lernen frei. Olga Siewert, 26, ist im zweiten Semester für Bioingenieurwesen an der Technischen Universität Dortmund eingeschrieben. Leonie erzieht sie fast alleine, ihr Mann arbeitet unregelmäßig in Schichten. Nur selten bittet sie ihre Eltern um Hilfe.

Olga Siewert ist eine von rund 95.000 jungen Eltern, die in Deutschland studieren. Das hat das Deutsche Studentenwerk ermittelt . Frauen übernehmen dabei - wie so oft - den Großteil der Betreuung und Erziehung. Erwartet ein Paar ein Kind, fallen oft selbst modernste Beziehungen in traditionelle Rollenbilder zurück: Der Mann verdient das Geld, die Frau nimmt sich Zeit für den Nachwuchs.

Olga Siewert wünschte sich das Kind - obwohl sie wusste, dass sie später studieren wollte. "Ich musste nur warten, bis mein Mann so weit war", sagt sie. Sie ist glücklich, nimmt sich Zeit für ihre Tochter - und arbeitet noch nebenbei: als Hilfskraft in einer Küche und selbstständig als Fußpflegerin. Zeit für sich? "Einmal in der Woche gehe ich zum Ballett. Das war's."

"Ohne Kind hätte ich etwas anderes studiert"

Die 28-jährige Ines Kawgan-Kagan stand kurz vor ihren Abitur-Prüfungen als sie ihre Tochter Sophia bekam. "Bis dahin hatte ich keine Ahnung, was ich machen wollte. Plötzlich war das vorbei. Plötzlich musste ich mein Leben planen", sagt sie. Sie verlegte ihre Klausuren und bestand das Abi. Nach einer Elternzeit begann sie ein Studium in Verwaltungswirtschaft an der FH für Verwaltung und Rechtspflege Berlin. "Eine Vernunftentscheidung", sagt sie heute. "Hätte ich nicht plötzlich für meine Tochter sorgen müssen, hätte ich irgendetwas anderes studiert."

Heute, ziemlich genau neun Jahre später, hat sie ein FH-Diplom in der Tasche, ist nun Mutter von drei Kindern und macht gerade ihren Master in Soziologie an der FU Berlin. Sophia, 9, und Josua, 8, hat Ines Kawgan-Kagan alleine groß gezogen, ihr damaliger Freund arbeitete in Hamburg und kam höchstens alle zwei Wochen nach Hause. Sie arbeitete in zwei Kellnerjobs, insgesamt 18 Stunden in der Woche. "Wie ich das damals geschafft habe, weiß ich nicht mehr", sagt sie. Erst mit der Distanz von einigen Jahren sei ihr klar geworden, wie sehr sie diese Zeit körperlich und psychisch angestrengte. "Ich habe gemerkt, dass irgendetwas nicht stimmt, aber ich habe einfach nicht weiter drüber nachgedacht."

Heute hat sich ihre Situation entspannt - auch wenn sie mittlerweile im neuen Studiensystem studiert, das jungen Eltern das Studium durch Anwesenheitspflichten und einen verschulten Lehrplan eigentlich eher erschwert. Sie lässt sich an der Uni beurlauben und entgeht so den strengen Regeln nach der Bologna-Reform. So kann sie zwar Prüfungen ablegen, ist aber nicht an Anwesenheitspflichten gebunden. Das verschafft ihr etwas Spielraum, trotzdem versucht sie, so weit wie möglich auf Privilegien zu verzichten. "Ich habe mich schon schlecht gefühlt, als ich wegen meiner Schwangerschaft zwei Prüfungen verschieben musste", sagt sie.

"Viele ducken sich, obwohl sie es nicht müssten"

Studierende Eltern sind im Gespräch mit Dozenten meist auf Kulanz und Verständnis angewiesen. Festgeschriebene Sonderrechte, auf die sie sich berufen können, gibt es nicht überall. Genauso wenig wie Professoren, die ein Kind als Grund für das Aufschieben einer Prüfung akzeptieren. Eine löbliche Ausnahme ist die Uni in Gießen: In ihrer Prüfungsordnung steht, dass Studentinnen ihre Prüfung verlegen können, wenn sie in ihrer Mutterschutzzeit liegt.

Im Durchschnitt sind Studenten mit Kind deutlich älter als ihre Kommilitonen, hat das Deutsche Studentenwerk ermittelt. Über dem Schnitt liegt auch Eva. Sie ist 33 und studiert an der FU Berlin Psychologie auf Bachelor und geht mit ihrer Mutterschaft offen um. Anders als manch andere Mutter: "Viele ducken sich, obwohl sie es nicht müssten", sagt sie.

Die Psychologiestudentin hat eine Ausbildung an einer Schauspielschule absolviert und zwei Jahre frei gearbeitet. Dann wurde sie schwanger. Zuerst versuchte sie, trotz Baby selbstständig zu bleiben. Doch die Belastung durch unregelmäßige Probezeiten und Auftritte am Abend war zu groß.

Heute studiert sie im sechsten Semester, im vergangenen Oktober bekam sie ihre zweite Tochter Luise. Noch zwei Wochen vor der Geburt schrieb sie Prüfungen, vier Wochen danach ging sie wieder in Seminare. Luise nimmt sie auch heute noch mit in die Uni. Wenn ihre Tochter stört, verlassen die beiden den Raum, ansonsten stillt sie auch im Hörsaal. "Meine Kommilitonen sind total tolerant", erzählt sie. Sie kennt aber auch andere Geschichten: Eine Mutter musste ein Blockseminar am Wochenende verlassen, weil ein Mitstudent sich gestört fühlte.

Nur wer zu seiner Lage steht, verbessert seine Situation

Eva hat etwa ein Vorrecht bei der Seminarwahl - wie die meisten Eltern sucht sie sich ihre Seminare nicht nach Interesse, sondern nach den Öffnungszeiten der Kita aus. Manchmal spürt sie eine gewisse Skepsis gegenüber diesem Sonderstatus. Dass Studenten mit Kind von ihren Kommilitonen oft nicht als "Gruppe mit einer charakteristischen Problemlage" wahrgenommen werden, stellte auch das Deutsche Studentenwerk fest. Wer keine Kinder hat, vollzieht seltener nach, dass für eine alleinerziehende Mutter ein Seminar problematisch ist, das erst um 20 Uhr endet, weil die Kita um 16.30 Uhr zumacht.

Immerhin haben Unis inzwischen erkannt, dass es gut fürs Image ist, familienfreundlich zu sein. Viele versuchen, Kind und Studium gleichzeitig möglich zu machen, mal mit mehr, mal mit weniger Enthusiasmus.

Im Programm "Audit - Familiengerechte Hochschule" sind deutschlandweit 117 Hochschulen vertreten. Die Hertie-Stiftung vergibt das anerkannte Label und macht Vorschläge, wie Hochschulen an ihrer Familienfreundlichkeit arbeiten können. Eltern sollen beispielsweise leichter an wichtige Informationen kommen, Führungskräfte besser über Probleme informiert und die Kinderbetreuung verbessert werden. Mehr als 90 konkrete Ziele stehen etwa bei der TU Dortmund auf dem Programm. Doch das Ganze sei ein langer Prozess: "Da müssen noch viele Gespräche geführt werden", sagt Jeanette Kratz, die an der Uni für das Audit-Familienprogramm verantwortlich ist.

Das Wichtigste sei aber, offen und selbstbewusst mit der Mutterschaft umzugehen, sagten die Mütter Olga, Ines und Eva übereinstimmend. Olga Siewert hat sich einen Ratschlag ihrer Mutter zum Lebensmotto gemacht: "Nur dem Sprechenden kann geholfen werden."