Zwischenruf Ein Studentental, kein Studentenberg

Die Studentenzahl wird in den nächsten Jahren rasant von zwei auf 2,7 Millionen Studenten steigen, orakeln die Kultusminister. Wirklich? Bildungsforscher Dieter Dohmen kommt zu einem ganz anderen Schluss: Bald wird es deutlich weniger Studenten als heute geben.


Bis zu 2,7 Millionen Studenten soll es nach der Prognose der Kultusministerkonferenz (KMK) vom Oktober 2005 in wenigen Jahren an den deutschen Hochschulen geben, wenn die verkürzte Schulzeit bis zum Abitur zu doppelten Studienanfängerjahrgängen führt. Vor allem in den Jahren, in denen bevölkerungsreiche Länder wie Nordrhein-Westfalen, Bayern oder Baden-Württemberg das Abitur nach zwölf Jahren einführen, erhöht sich die Zahl der Studienberechtigten.

Erstsemester (in Berlin): Sind die Hörsäle bald voller oder leerer?
DPA

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Anfang des kommenden Jahrzehnts werden - statt wie zurzeit 380.000 - fast 450.000 junge Menschen pro Jahr die Hochschulreife erwerben. Damit dürfte zugleich die Zahl der Studienbewerber steigen. Wird es auch deutlich mehr Studienanfänger geben, wie es die Kulturminister voraussagen? Und wird das morsche Gebälk der Hochschulen unter der Last eines "Studentenberges" ächzen und krachen?

In ihrer letzten Prognose ging die KMK von einem Anstieg der Studienanfängerzahlen auf 370.000 bis gut 400.000 aus. Tatsächlich aber sank die Zahl der Erstsemester zum dritten Mal in Folge: 2006 waren es nur 344.000, was einem Anteil von rund 35 Prozent an einem Altersjahrgang entspricht.

Maßgeblich für diesen Rückgang sind verschiedene Entwicklungen: Dazu zählt die Tendenz in verschiedenen Bundesländern, Studienkapazitäten abzubauen, und zwar häufig gerade in Fächern mit hoher Nachfrage (Geistes- und Sozialwissenschaften). Gleichzeitig erhöhten viele Hochschulen die Zahl der Numerus-clausus-Fächer; in mehreren Ländern wurden und werden Studiengebühren eingeführt. Zudem suggeriert die Debatte über die "Generation Praktikum" eine verschlechterte Arbeitsmarktlage für Hochschulabsolventen.

Bachelor und Master verändern die Prognosen

Solche Entwicklungen lassen sich im Vorhinein kaum abschätzen. "Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen", lautet ein viel zitiertes Bonmot von Mark Twain. Doch die Bildungspolitik braucht Prognosen. Wer darauf verzichtet, nimmt sich jede Planungsmöglichkeit und wird von den absehbaren Entwicklungen - auch wenn sie im Detail ungenau sein mögen - überrascht.

Von Zeit zu Zeit muss man darum eine aktualisierte Schätzung der künftigen Studentenzahlen vornehmen, wie sie das Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) jüngst durchgeführt hat. Das Ergebnis widerspricht der Vorhersage der Kultusminister: Selbst wenn man von den - optimistischen - Studienanfängerzahlen der KMK ausgeht, werden die Hochschulen statt eines Studentenbergs einen Rückgang gegenüber den heutigen Zahlen erfahren.

Ein Zuwachs auf 2,4 bis 2,7 Millionen Studenten würde sich nur aus einem weitgehend unveränderten Studierverhalten mit langen Studienzeiten insbesondere an Universitäten ergeben. Wahrscheinlicher ist aber ein Rückgang auf 1,8, wenn nicht gar 1,6 Millionen Studenten in der Mitte des kommenden Jahrzehnts. Anschließend werden die Zahlen weiter sinken und 2020 bei rund 1,5 Millionen liegen.

Zwei Entwicklungen spielen eine entscheidende Rolle für dieses voraussichtlich deutliche Absinken um 20 Prozent gegenüber den heutigen Zahlen: Erstens die Einführung der zweiphasigen Studienstruktur mit Bachelor und Master, zweitens die Festlegung auf den Bachelor als Regelabschluss. Somit werden nämlich die meisten Studenten die Hochschulen nach einem etwa sechssemestrigen Studium verlassen und dann einen Arbeitsplatz suchen wollen - oder müssen, weil sie nicht weiter studieren dürfen.

Finanzminister sollten nicht zu früh frohlocken

Wie viele Studenten nach dem Bachelor gehen müssen, ist derzeit noch nicht wirklich absehbar. Diskutiert werden in Politik und Hochschulen Größenordnungen zwischen 20 und 50 Prozent, die zum Masterstudium zugelassen werden. Den FiBS-Berechnungen liegt eine Übergangsquote von 50 Prozent zugrunde - eine eher optimistische Annahme, die zu recht hohen Studentenzahlen führt. Die Folge dieser Politik ist aber eine deutliche Verkürzung der durchschnittlichen Studiendauer von derzeit 6,5 auf unter fünf Jahre.

Prognose-Vergleich: Das FiBS berechnet die künftigen Studentenzahlen weit niedriger als die KMK
SPIEGEL ONLINE

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Eine solche Veränderung der Qualifikationsstruktur junger Akademiker hat auch beträchtliche Auswirkungen auf Unternehmen und ihre Personalentwicklungsstrategien. Der Fachkräftemangel wird in den kommenden Jahren noch größer werden, als es die bisherigen Prognosen erwarten lassen. Denn sie berücksichtigen die Folgen der Umstellung des Studiensystems bisher noch nicht. Viele insbesondere kleinere Firmen werden extreme Schwierigkeiten haben, ihre ausscheidenden Mitarbeiter zu ersetzen, weil sie mit den Bedingungen großer, international operierender Unternehmen nicht mithalten können. Und für alle ergibt sich wachsender "Nachqualifizierungsbedarf": Personalentwicklung wird also von einem Kostenfaktor zu einem zentralen strategischen Instrument.

Nun könnten sich die Finanzminister freuen und glauben, neue Argumente für niedrigere Hochschulausgaben gefunden zu haben. Aber: Nur die Studentenzahl dürfte sinken - nicht die Belastung der Hochschulen. Heute erscheint die Annahme realistisch, dass lediglich die Hälfte aller zwei Millionen Studenten als sogenannte "Vollzeitäquivalente" an den Hochschulen ist. Mithin teilen sich faktisch zwei Studenten einen Vollzeit-Studienplatz. Dieses Verhältnis wird sich deutlich verändern: Die Betreuungsintensität je Student - im Bachelor- und Masterstudium besonders hoch - muss deutlich verbessert werden.

Her mit den jungen Fachkräften

Zudem muss auch die Lehre aufgewertet werden. Die Lehr-Initiative des KMK-Präsidenten Jürgen Zöllner geht in die richtige Richtung, sollte aber durch eine allgemeine Anpassung der Hochschulfinanzierung durch lehrbezogene Zuweisungen ergänzt werden. Denn während immer neue Anreize zur Stärkung der Forschung gesetzt werden, verkümmert an den Hochschulen zugleich die Lehre.

Trend zum Numerus clausus: Wie Länder und Unis die Studieninteressenten draußen halten
Institut der deutschen Wirtschaft Köln

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Ein weiterer notwendiger Schritt ist die Erhöhung der Studienberechtigtenzahlen. Dazu müssen die Länder den Abiturientenanteil steigern, aber auch Studieninteressenten mit einem qualifizierten Berufsabschluss automatisch den Weg in das gesamte Hochschulsystem öffnen. Andere Länder haben auch deshalb einen höheren Studienanfängeranteil, weil die Durchlässigkeit zu den Hochschulen dort größer ist. Deutschland dagegen schafft immer wieder neue Sackgassen. Vor allem die Universitäten sollten ihre Überheblichkeit gegenüber Menschen mit einer Berufsausbildung ablegen. Sie ist meist nicht gerechtfertigt.

Scheitert Deutschland daran, den Akademiker-Anteil beträchtlich zu erhöhen, dann verschärft sich nicht nur das Fachkräfteproblem der deutschen Wirtschaft, insbesondere in den Ingenieur- und Naturwissenschaften. Vielmehr riskieren wir damit zugleich unsere wirtschaftliche und innovative Wettbewerbsfähigkeit - die nämlich lebt derzeit noch von den international sehr gut ausgebildeten älteren Erwerbstätigen. Die über 50-Jährigen scheiden aber nach und nach aus dem Erwerbsleben aus oder werden entlassen.

Der Nachwuchs fehlt bisher. International gesehen ist eine Studienanfängerquote von 35 Prozent ein sehr geringer Wert, der von fast allen Industrieländern deutlich überboten wird. Der OECD-Durchschnitt liegt bei über 50 Prozent.



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