Zwist um Atteste Kieler Studenten jetzt weniger gläsern

Die Uni Kiel lenkt ein: Wer sich für eine Prüfung krank meldet, muss keine intimen Gesundheitsdetails mehr verraten. Der Prüfungskandidat muss den Arzt nicht länger von der Schweigepflicht entbinden. Der Asta feiert das als Sieg - doch an vielen Unis ist Nachbohren weiter alltäglich.

Von


Studenten, die an der Christian-Albrecht-Universität in Kiel wegen einer Erkrankung eine Prüfung versäumen, müssen ab sofort nicht mehr ihr komplettes Krankheitsbild vor dem Prüfungsausschuss ausbreiten und damit ihr Fehlen rechtfertigen.

Bettlägerig: Was dem Prüfling fehlt, ist in Kiel fortan nicht mehr Sache der Uni
DPA

Bettlägerig: Was dem Prüfling fehlt, ist in Kiel fortan nicht mehr Sache der Uni

Mit einem neuen Attestvordruck verabschiedet sich die Uni davon, vom behandelnden Arzt des Studenten die Symptomen der Krankheit zu erfragen, wenn dieser aus gesundheitlichen Gründen an einer Prüfung nicht teilnehmen kann.

Bisher hatte die Universität verlangt, dass die Studenten mit ihrer Unterschrift auf dem Formblatt die Schweigepflicht ihres Arztes aufheben. Wörtlich hieß es bis vor einer Woche auf dem Formblatt, weil der Student bei der Klärung mitwirken müsse, sei es notwendig, "erforderlichenfalls den behandelnden Arzt von der Schweigepflicht zu entbinden". Außerdem musste der Arzt Symptome, Art und Dauer der Leistungsminderung aufs Papier schreiben.

Wer sich weigerte, dem drohte die Uni mit dem Durchfallen in der entsprechenden Prüfung. Dieser Passus wurde nun in einem geänderten Formblatt entfernt.

Dutzende Hochschulen verlangen Krankheitsdetails

An der Uni Kiel war Ende April der Zwist zwischen Studentenvertretern und Uni-Leitung über das damals geltende Krankschreibungsformular eskaliert. Während die Uni darauf beharrte, sich mit studentischen Vertretern einig geworden zu sein, sollte laut einem studentischen Mitglied im Zentralen Studienausschusses zum damaligen Zeitpunkt "die Entbindung von der Schweigepflicht noch beibehalten werden".

Für den Kieler Asta ist das neue Formular, das die Uni vor einer Woche präsentierte, im Streit um die ärztliche Schweigepflicht ein kleiner Sieg - doch weiterhin bestehen an Dutzenden Hochschulen Prüfungsordnungen, die ein ebenso detailliertes Attest verlangen, wie es in Kiel üblich war.

Zu den Hochschulen, die Symptome abfragen und teilweise die Schweigepflicht des Arztes aushebeln, zählen etwa Fachbereiche an den Universitäten in Münster, Hannover, Kostanz und Ulm sowie an der Fachhochschule Koblenz. Ähnlich handhaben es beispielsweise die Fachhochschule Bingen, die Universität Freiburg und die TU Dortmund.

Aus vielen weiteren Leserzuschriften an SPIEGEL ONLINE geht hervor, dass in ganz Deutschland das Abfragen von Krankheitsbildern bei Prüflingen eher die Regel als die Ausnahme ist. Im Zusammenhang mit dem Kieler Fall hatte der schleswig-holsteinische Datenschutzbeauftragte Thilo Weichert diesen Eingriff in die Intimsphäre der Studenten als gesetzeskonform, aber "datenschutzpolitisch problematisch" bezeichnet.

Der Asta Kiel schrieb zu dem neuen Formular, es sei "ganz im Sinne der Studenten". Der Arzt muss nun lediglich bestätigen, dass prüfungsrelevante Krankheitssymptome vorliegen - welche genau, das bleibt in Kiel fortan wieder eine vertrauliche Information zwischen Arzt und Patient.

insgesamt 149 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Willie, 20.05.2009
1.
Zitat von sysopDie Uni Kiel misstraut ihren Studenten und will's ganz genau wissen: Zwickt es nur im Knie, oder ist der Prüfling bettlägrig? Eine normales Attest reicht nicht - wer eine Prüfung versäumt, soll die Schweigepflicht seines Arztes aufheben. Sind Unis generell zu neugierig?
Die kennen halt Studenten und die Schwaechen mancher und wollen denen nur gut.
ralphofffm 20.05.2009
2. Schweigepflicht aufheben?
Sind die mit dem Klammerbeutel gepudert? Der das verbrochen hat sollte mal ein Zangsseminar in Datenschutz und Persönlichkeitsrechten nehmen. Oder was hatte der für Job vorher? Unter den Talaren steckt der Muff von 40 Stasijahren ?
hjm, 20.05.2009
3.
Zitat von sysopDie Uni Kiel misstraut ihren Studenten und will's ganz genau wissen: Zwickt es nur im Knie, oder ist der Prüfling bettlägrig? Eine normales Attest reicht nicht - wer eine Prüfung versäumt, soll die Schweigepflicht seines Arztes aufheben. Sind Unis generell zu neugierig?
Und ich sag meinen "Eltern" immer und immer wieder:Bitte schreiben Sie _nicht_ auf die Entschuldingungen ihrer Kinder, was für eine Krankheit sie hatten, denn _das_ _geht_ _mich_ (den Klassenlehrer) _nichts_ _an_! Aber wie ich sehe, bereiten die ihren Nachwuchs nur auf die Welt da draußen bei Lidl, Schlecker, Telekom, Bahn und natürlich auf die Universität vor. Ich sollte mir endlich abgewöhnen, in alten Zeiten zu leben. Die Mauer ist gefallen und irgendwer muss die Stasi ja ersetzen.
matula, 20.05.2009
4. wozu Rechte?
wozu gibt es eine Schweigepflicht? Wozu gibt es das Recht auf Datenschutz bzw. informationelle Selbstbestimmung? Das BGH Urteil von 96`kann sich ja nur darauf beziehen, dass im begründeten Verdachtsfall nachgefragt werden darf, nicht aber, dass alle Studenten die Hosen runterlassen müssen! Gleiches muss dann ja zwangsläufig auch für Schüler gelten... Wenn jeder der ein begehrtes Gut (und da zähle ich mal Berufsausbildung/Studienabschluss dazu) zukünftig verlangen kann, dass der Nachfrager sich per Unterschrift bereit erklärt, auf seine elementaren Rechte zu verzichten, dann kann man diese Rechte auch direkt abschaffen! Ich würde vorschlagen, dass die UNIS zukünftig direkt die Daten aus den Krankenkassendatenbanken abfragen können! Natürlich werden die Daten dann nicht weiterverwendet - groooßes Indianerhrenwort! Wenn die Vorkommnisse der letzten Monate etwas gelehrt haben, dann ist es folgendes: Sind Daten einmal erhoben und gespeichert, werden diese immer im Nachhinein für etwas verwendet - mit Sicherheit! (Wenn der Job an der Uni abgelehnt wird, werden die ja nicht so doof sein und zugeben, dass das mit bekannten Diagnose zusammenhängt.) Angenommen das wäre jetzt rechtens: Wer beurteilt denn anschließend, ob eine Diagnose "ausreicht" oder ob trotz Krankheit Prüfungstauglichkeit besteht????? Was ist mit psychischen Erkrankungen? Was ist mit Schmerzen? Alle diese Fälle werden doch potenziell zu Simulanten abgestempelt, weil die Kommisiion überhaupt nicht beurteilen kann, wann eine Diagnose zur Prüfungsuntauglichkeit führt.
Micron 20.05.2009
5. unglaublich...
Beim Lesen der Überschrift dachte ich erst an einen Witz, die Stasi wurde doch schon abgeschafft... Es hat keinen Arbeitgeber und auch keine Uni-Behörde auch nur im geringsten zu interessieren woran man erkrankt ist. Ein ärztliches Attest bestätigt, dass man krank ist, fertig. Ein Arzt kann schliesslich keine Atteste ausstellen wie er will, es gibt doch sicher irgend n Gesetz, dass er nur existente Krankheiten bescheinigen darf.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.