Facebook-Spitzenmanager über Facebook Nicht wie Nikotin, eher wie Zucker

Macht Social Media süchtig? Und ist das Netzwerk für die Wahl von Donald Trump verantwortlich? Ein Text von Andrew Bosworth erregt Aufsehen. Der Facebook-Manager äußert sich darin auch zur nächsten US-Wahl.
Facebook-Manager Andrew Bosworth: schon seit 2006 im Unternehmen

Facebook-Manager Andrew Bosworth: schon seit 2006 im Unternehmen

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GLENN CHAPMAN/ AFP

"War Facebook also dafür verantwortlich, dass Donald Trump gewählt wurde? Ich denke, die Antwortet lautet 'ja'." Mit Sätzen wie diesem hat Andrew Bosworth innerhalb Facebooks und auch in der Tech-Branche noch einmal ordentlich Staub aufgewirbelt, bevor er in die Wüste reist.

Bosworth feierte gerade in Marrakesch seinen 38. Geburtstag, nun will er einige Tage in der Sahara verbringen. So steht es auf der Facebook-Seite des Managers, der bei dem Netzwerk den Bereich Augmented und Virtual Reality betreut. Bosworth äußerte sich zuletzt aber nicht nur zu virtuellen Welten, sondern auch zum politischen Geschehen in der Realwelt.

Zum Jahreswechsel hat Bosworth einen Text geschrieben, der sich um mehrere große Facebook-Themen der vergangenen Jahre dreht - vom Einfluss des Netzwerks auf die US-Wahl 2016 über den Cambridge-Analytica-Skandal bis hin zu Vorwürfen, Social Media mache abhängig. Die knapp 15.000 Zeichen, betitelt mit "Gedanken für 2020", waren offiziell nur für Facebook-Mitarbeiter gedacht, als interner Debattenanstoß. Am Dienstag ist der Text aber auch bei der "New York Times"  gelandet - und nun auch auf Bosworths eigener Facebook-Seite .

Was Bosworth seinen Facebook-Kollegen schreibt, ist bemerkenswert. Einerseits, weil der Manager seit 2006 im Unternehmen ist und damit zu den dienstältesten Firmenvertretern zählt. Was er sagt, wird wahrgenommen. Anderseits, weil Bosworth seine Positionen erstaunlich klar vertritt, fast frei von Manager-Sprech - und das, obwohl er mit seinen Ansichten in der Vergangenheit schon aneckte, vor allem im Fall eines Memos von 2016 .

"Wahrscheinlich wie Zucker"

Für Außenstehende am interessantesten ist wohl, wie Bosworth auf Facebooks Bedeutung für die Gesellschaft blickt. In seinem Text erwähnt der Manager, dass soziale Medien mitunter mit Nikotin verglichen würden: "Ich finde das sehr beleidigend", schreibt Bosworth, "nicht für mich, aber für Suchtkranke." Er hält einen anderen Vergleich für passender: "Während Facebook vielleicht kein Nikotin ist, ist es wahrscheinlich wie Zucker, denke ich." Zucker sei "köstlich" und habe für die meisten Menschen einen besonderen Platz in ihrem Leben. "Aber wie bei allen Dingen kommt es auf das richtige Maß an."

Letztlich gehe es um die Verantwortung jedes Menschen für sich selbst, meint Bosworth. "Wenn ich Zucker essen und einen frühen Tod sterben will, ist das ein Standpunkt. Mein Großvater hatte eine solche Haltung zum Speck und ich bewunderte ihn dafür. Und Social Media ist wahrscheinlich viel weniger tödlich als Speck."

Andere Teile von Bosworths Ausführungen drehen sich um die US-Wahl 2016, während der Bosworth noch nicht für digitale Realitäten, sondern für Facebooks Anzeigengeschäft zuständig war - also für einen jener Bereiche, die nach der Wahl besonders in die Schlagzeilen gerieten. Die viel thematisierten Versuche Russlands, über Social Media Einfluss auf amerikanische Wähler zu nehmen, hält Bosworth allerdings für überschätzt. Ähnlich äußert er sich zu den Fähigkeiten der umstrittenen Analysefirma Cambridge Analytica. Beides sind Positionen, die Bosworth mit Medienschelte, aber auch mit Kritik an Facebooks Umgang mit Medien garniert.

"Es lohnt sich, jeden daran zu erinnern, dass die russische Einmischung echt war, aber dass sie meist nicht durch Werbung geschah", schreibt Bosworth beispielsweise (mehr zu diesem Thema hier). 100.000 Dollar investiert in Facebook-Anzeigen könnten "ein mächtiges Werkzeug" sein, "aber sie können dir keine amerikanische Wahl kaufen". Das gelte besonders dann, wenn die Präsidentschaftskandidaten selbst auf jener Plattform ein Vielfaches an Geld ausgeben würden und auch noch auf weiteren Plattformen aktiv seien.

Mit Blick auf die Wahl 2020 hält Bosworth "ausländische Einmischung" nicht für ein großes Problem, er sieht große Fortschritte in Facebooks Umgang damit. Ähnliches gelte für den Umgang mit "Fake News", die nicht in staatlichem Auftrag, sondern aus finanzieller Motivation heraus verfasst wurden.

Lästern über Cambridge Analytica

Dass es zwischen früheren Jahren und 2020 große Unterschiede gebe, betont Bosworth mehrfach. So würden etwa Falschinformationen in politischen Anzeigen heute als großes Problem gesehen, während sich 2016 kaum jemand daran gestört habe. Und Facebooks Entscheidung von 2012, bestimmten Entwicklern Zugriff auf Nutzerdaten zu gewähren - die letztlich den Datenskandal des Konzerns um Cambridge Analytica möglich machte -, sei damals sogar sehr positiv aufgenommen worden, erinnert sich der Manager: "Im Kontext von 2020 mag sich das verrückt anhören."

Über die Datenanalysefirma Cambridge Analytica, zu der gerade viele interne Dokumente ins Netz gestellt werden , regt sich Bosworth offenbar bis heute auf. "Berühmt wurde sie durch ihr psychografisches Targeting", schreibt er. "Dies war nichts als Schlangenöl und wir wussten das." Anzeigen von Cambridge Analytica seien nicht besser gelaufen als die anderer Marketing-Partner, in vielen Fällen sogar schlechter. Man sei davon ausgegangen, dass die Firma mangels Erfolg wieder vom Markt verschwinde.

Auf dem Radar von Facebook sei Cambridge Analytica erst wieder aufgetaucht, als die Firma die Lorbeeren für Trumps Wahlsieg hätte einstreichen wollen, indem sie "Bullshit-Behauptungen zu ihrer eigenen Wichtigkeit" gemacht habe, behauptet Bosworth. Von Journalisten habe Facebook auch erst später erfahren, dass Cambridge Analytica eine Datenbank mit Angaben zu Facebook-Nutzern besaß, die eigentlich hätte gelöscht werden sollen.

"Praktisch gesehen ist Cambridge Analytica ein absolutes Nicht-Ereignis", fasst Bosworth seine Sicht der Dinge zusammen. "Die Werkzeuge, die sie benutzten, funktionierten nicht, und der Umfang, in dem sie sie benutzten, war nicht von Bedeutung. Jede Behauptung, die sie über sich selbst aufgestellt haben, ist Müll."

"Die beste digitale Werbekampagne, die ich je gesehen habe"

Zu sich selbst stellt Andrew Bosworth klar, dass er kein Fan von Donald Trump sei. Er habe "das Maximum" an Hillary Clinton gespendet, dessen Konkurrentin bei der US-Wahl 2016. Trotzdem meint Bosworth rückblickend: "War Facebook also dafür verantwortlich, dass Donald Trump gewählt wurde? Ich denke, die Antwortet lautet 'ja', aber nicht aus den Gründen, an die jeder denkt."

Trump sei nicht wegen Russland oder Desinformation oder Cambridge Analytica gewählt worden, meint der Manager: "Er wurde gewählt, weil er die beste digitale Werbekampagne hatte, die ich je gesehen habe, von allen Anzeigenkunden. Punkt." Bosworth bezieht sich dabei auf die Arbeit von Trumps Team um Digitalberater Brad Parscale.

Zur nächsten US-Wahl schreibt der Manager, er halte es für möglich, dass es noch einmal zum "selben Ergebnis" komme, also zu einer Wiederwahl Trumps. Er selbst verspüre zwar das Bedürfnis, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um dies zu vermeiden. Zugleich aber wisse er, dass dies falsch sei. "So verlockend es auch ist, die uns zur Verfügung stehenden Werkzeuge zu nutzen, um das Ergebnis zu verändern: Ich bin überzeugt, dass wir das nie tun dürfen - sonst werden wir zu dem, was wir fürchten", schreibt Bosworth, angereichert um eine "Herr der Ringe"-Analogie .

Ausnahmesituationen existierten natürlich, so Bosworth, etwa wenn es um Dinge wie das Anstiften zur Gewalt geht. Dazu aber schreibt er: "Wenn wir keine hasserfüllten Politiker wollen, dürfen wir sie nicht wählen." Und: "Wenn wir einschränken, zu welchen Informationen Menschen Zugang haben und was sie sagen können, dann haben wir überhaupt keine Demokratie."

Er selbst ist erst einmal offline

Auf, innerhalb und außerhalb von Facebook sorgen Bosworths Aussagen nun für Diskussionen. Dabei dürften viele der vermeintlich mutigen Äußerungen des Managers in Facebooks Sinne sein. So wird etwa der Cambridge-Analytica-Skandal so dargestellt, als sei er vor allem ein Medienhype gewesen. Dabei war es auch Facebooks lange Zeit allzu sorgloser Umgang mit Nutzerdaten, der dem Konzern im Zuge des Skandals um die Ohren flog.

Und bei seiner 2016er-Erzählung - Trumps Kampagne habe die vorhandenen Mittel einfach am besten genutzt - stellt Bosworth Facebooks Anzeigensystem als einflussreich, aber zugleich für die Demokratie unbedenklich dar, vermutlich ganz im Sinne Mark Zuckerbergs.

Zustimmung, aber auch Kritik erhält Bosworth aus verschiedenen politischen Lagern, denn in seinem Text finden sich auch noch kleine Seitenhiebe wie "Meine Mitliberalen sind ein bisschen zu, na ja, liberal, wenn es darum geht, Menschen als Nazis zu bezeichnen."

Andrew Bosworth selbst, so behauptet er es zumindest, wird von dieser Aufregung nur von Zeit zu Zeit etwas mitbekommen. Nach eigenen Angaben hat er auf seiner Reise nur "zeitweillig Zugang zum Internet".