Sascha Lobo

Angriffe auf Annalena Baerbock Die Hysterie der Konservativen

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Hinter den Angriffen auf die Grünen und ihre Kanzlerkandidatin steckt auf konservativer Seite vor allem eines: Angst. Das war zu erwarten – doch die Grünen wirken überrascht und laufen in eine Falle.
Kanzlerkandidatin Baerbock beim Parteitag: Offensichtlich nicht gut genug auf die Anwürfe vorbereitet

Kanzlerkandidatin Baerbock beim Parteitag: Offensichtlich nicht gut genug auf die Anwürfe vorbereitet

Foto: Felix Zahn / imago images / photothek

Der öffentliche Umgang mit den Grünen und speziell mit Annalena Baerbock von konservativer Seite, von Politik, Medien und Netzöffentlichkeit, verdient eine nähere Analyse – ebenso wie die grüne Reaktion darauf. Es beginnt vielleicht etwas überraschend mit der Frage, warum die CDU von Helmut Kohl im 20. Jahrhundert so umfangreiche schwarze Kassen anlegte.

Diese Frage lässt sich auf mehrere Arten beantworten. Die vielleicht interessanteste ist die angstgetriebene: Maßgebliche Teile der CDU waren überzeugt, dass ein Sieg der SPD das Ende der Bundesrepublik darstellen würde. Dass die Sozialdemokraten das Land quasi den Russen übergeben würden. Und dagegen musste man sich mit buchstäblich allen Mitteln wappnen – eben auch illegalen Geldmitteln. Die eigene, selbst verstärkte Angst diente der CDU als Begründung für den Bruch allgemeingültiger Regeln.

Angst gehört neben einigen anderen Regungen mit zur DNA des Konservatismus. Das lässt sich sogar wissenschaftlich nachvollziehen, wie der bekannte Psychologe John Bargh sagt . Nicht nur, dass die Amygdala, das Angstzentrum des Gehirns, bei Konservativen im Schnitt messbar größer ist. Eine Studie der Universität von Kalifornien zeigte auch folgenden Zusammenhang: Je ängstlicher Vierjährige sich verhielten, desto konservativer waren sie 20 Jahre später. Es gibt in den USA einen bösen Witz, der dazu passt: Ein Linker ist ein Konservativer, der noch nicht überfallen wurde. John Bargh unternahm sogar eine Art Gegenexperiment. Er verschob die Einstellungen konservativer Menschen messbar nach links – einfach, indem er sie bat, sich vorzustellen, sie seien körperlich unverwundbar. Das reicht aus, um »Konservative in Linke zu verwandeln«, wie Bargh in der »Washington Post« schreibt.

Man sollte diese Aspekte des Konservatismus trotz dieser eindrücklichen Experimente keinesfalls pathologisieren, schließlich ist Angst oft lebensrettend und als nachweislich evolutionär verankertes Gefühl ohnehin legitim. Aber schwierig wird es dort, wo der angstgetriebene Konservatismus so tut, als sei er die einzig wahre politische Vernunft. Denn dann entsteht leicht die Situation, die sich im Moment im deutschen Wahlkampf beobachten lässt: konservative Hysterie. Sie ist natürlich nicht bei allen Konservativen zu sehen, ebenso wie selbstredend nicht alle Konservative angstgesteuert sind. Trotzdem handelt es sich um ein in vielerlei Gestalt wiederkehrendes Muster.

Eine aberwitzige Angst vor den Grünen

Am sichtbarsten ist die konservative Hysterie in der aberwitzigen Angst vor den Grünen. Die Grünen im Jahr 2021, mit maßgeblichen politischen Personen wie Winfried Kretschmann, Annalena Baerbock oder Cem Özdemir, sind ungefähr so revolutionär wie Vollkornbrot. Und trotzdem wird nicht nur von der rechtsradikalen AfD, sondern bis in konservative und liberal-konservative Kreise hinein von einer »Planwirtschaft« gesprochen, die die Grünen angeblich anstreben .

Die Union schürt schrill die Angst vor der vorgeschlagenen Benzinpreissteigerung der Grünen – und verschweigt, dass sie in ihrer Politik dieselbe Steigerung nur kurze Zeit später anstrebt. Der Unternehmer und Investor Georg Kofler spendet 750.000 Euro an die FDP – und zwar »aus Angst vor den Grünen«, wie das Handelsblatt schreibt , seine eigenen Worte dazu lauten: »Der sozialistische Wolf kommt hier im grünen Schafspelz daher.« Eine Partei eines »antiquierten, planwirtschaftlichen Sozialismus« zu beschuldigen, deren Spitzenkandidatin zugleich die Favoritin der meisten wirtschaftlichen Führungskräfte  wie auch von Ex-Siemens-CEO  Joe Kaeser ist – das ist geradezu die Definition von konservativer Hysterie. Der Boulevard und die sozialen Medien schüren diese Stimmung, die in der Bevölkerung durchaus resonanzfähig ist.

Es ist gar nicht so sehr die Frage, wie echt die Angst vor den Grünen ist, ob sie eher eine Pose, eine Art Schauspiel fürs Publikum oder tatsächliche Sorge ist – sondern wie die Grünen auf die konservative Hysterie reagieren. Die Antwort: nicht gut. Vorsichtig gesprochen.

Die Reaktionen der Grünen auf die konservative Hysterie ist bemerkenswert lasch und erscheint zugleich verletzlich auf eine Weise, die politisch toxisch ist. Schwäche verzeiht das Wahlvolk selten, auch nicht bei Leuten, die eine weniger auftrumpfende, bollerige Politik machen wollen als Konservative. Dabei sollte sich der Wahlkampf der Grünen eigentlich von selbst erzählen, die Korruptionsskandale der Union, die desaströse Bildungspolitik der GroKo, die bitteren Digitalisierungsmängel, die weltweite Klimakatastrophe zum Zusehen.

Stattdessen wird über den Schlamm gejammert, mit dem die Grünen beworfen würden. Das mag faktisch irgendwie korrekt sein, aber konservativer Wahlkampf hatte vor Merkel selten mit aufrechter, eleganter und emotional tragfähiger Debattenkommunikation zu tun. Nichts, was derzeit von konservativer (oder Boulevard-) Seite auf die Grünen und Baerbock herunterprasselt, ist überraschend oder noch nie dagewesen. Das macht den geworfenen Schlamm nicht besser. Aber das macht es unklüger, offensichtlich nicht darauf vorbereitet gewesen zu sein. Der Umgang mit den Plagiatsvorwürfen gegen die grüne Kanzlerkandidatin ist exemplarisch.

Manche Angriffe sind unfair, aber nur wenige komplett ausgedacht

Der folgende Satz  stand 2019 im Magazin »Internationale Politik«:

»Das Konzept des Klimawandels als ›Bedrohungsmultiplikator‹«, der Rohstoff- und Gesellschaftskonflikte in Entwicklungsländern verschärfen kann, ist seither zu einem Eckpfeiler in der Strategie des Pentagons geworden.«

Dieser Satz steht 2021 im Buch von Annalena Baerbock:

»Die Betrachtung des Klimawandels als ›Bedrohungsmultiplikator‹, der Rohstoff- und Gesellschaftskonflikte verschärfen kann, ist seither zu einem Eckpfeiler in der Strategie des Pentagons geworden.«

Es gibt einige weitere, vollkommen eindeutige Ähnlichkeiten bis Gleichheiten. Natürlich ist ein Sachbuch keine Doktorarbeit, aber in der Kommunikation, zum Beispiel auf Twitter, tun nicht wenige Grüne und ihre Sympathisanten, als seien die Plagiatsvorwürfe komplett ausgedacht und an den Haaren herbeigezogen. Es handele sich »um allgemein zugängliche Fakten « und »den Versuch des Rufmords« von einem »bösartig« agierenden Blogger, wie ein Sprecher Baerbocks sagte.

Das ist aber gar kein Widerspruch: Natürlich kann der Blogger in größter, konservativ hysterischer Ablehnung gegen Baerbock handeln – und trotzdem das Buch kopierte Stellen enthalten. Das gilt für die meisten zurückliegenden Attacken auf die Grünen und ihre Spitzenkandidatin. Ohne Frage waren darunter unfaire Angriffe, vollkommen offensichtlich spielten Doppelstandards und Frauenfeindlichkeit mit hinein, aber nur wenige waren komplett grundlos oder ausgedacht.

Vielmehr ist ein Kennzeichen der konservativen Hysterie seit jeher, dass sie selbst kleine Fehler und Ungeschicktheiten ihrer Gegner aufbläst und so gnadenlos wie überzogen ausschlachtet. Zusammen mit der vorschnellen juristischen Keule der Grünen ergibt sich das Bild einer Partei, die von der erwartbaren konservativen Hysterie komplett überrascht worden ist und deshalb mit wenig diesbezüglicher Vorbereitung einigermaßen unglücklich agiert. Auch die nicht hysterischen Konservativen (die in der klaren Mehrheit sind), können sich entweder genüsslich zurücklehnen oder mit eleganten Stichen die längst schmerzenden Stellen der Grünen traktieren.

Sollte Laschet Kanzler werden, dann nicht durch die Stärke der Konservativen

Die Grünen laufen damit in die klassische moralische Linksfalle: Während auf konservativer Seite die Tendenz der Selbstgerechtigkeit bewirken kann, dass man sich selten einer Schuld bewusst ist und noch in absurden Situationen leugnet, überhaupt Fehler gemacht zu haben oder Fake-Entschuldigungen von sich gibt, werden Linke deutlich schneller von ihrem schlechten Gewissen geplagt und verhalten sich dann noch ungeschickter. Das liegt daran, dass linke Politik Moralpolitik ist und konservative Politik Abwehr- und Bewahrungspolitik.

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In der Folge sind linke Öffentlichkeiten viel weniger bereit, Fehler der ihren zu verzeihen, während konservative Öffentlichkeiten sich selbst nach substanziellen Schlägen schnell wieder auf einen gemeinsamen Gegner einigen können: die Progressiven und ihr nerviges Weltverbesserungsgetöse. Wenn die Grünen nicht schnell zu einem unbeirrbaren, metallenen Selbstbewusstsein zurückfinden, dann bräuchte es schon eine vernichtende Hitzewelle im August und September und möglichst wenig Querschläger-Kommunikation à la »Veggie-Day« oder »Eigenheimverbot«, damit für sie noch eine realistische Machtchance besteht. Wenn Armin Laschet Kanzler werden sollte, dann wird er es nicht durch die Stärke der Konservativen, sondern durch die Schwäche der Progressiven.

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