Wegweisende App Google Maps, die unterschätzte Macht

Mit 99 Handys wollte ein Berliner Künstler zeigen, wie viel Macht Google Maps über seine Nutzer hat - oder umgekehrt? Anlass ist der 15. Geburtstag der Anwendung, die längst viel mehr ist als ein Kartendienst.
Künstler Simon Weckert und sein "Google-Maps-Hack"

Künstler Simon Weckert und sein "Google-Maps-Hack"

Foto: Simon Weckert

Dass dieser Google-Dienst "Maps" heißt, ist eine der größten Untertreibungen, die je aus dem Silicon Valley kamen. Der "Kartendienst" von Google ist längst so viel mehr, dass er einen Ehrfurcht gebietenderen Namen verdient hätte.

Was vor knapp 15 Jahren, am 8. Februar 2005, als Desktop-Anwendung in den USA veröffentlicht wurde, ist heute ein Echtzeit-Navigationssystem, ein Routenplaner, eine Suchmaschine, ein Reiseführer, mehr oder weniger ein soziales Netzwerk, eine Bild- und Satellitenfoto-Datenbank, ein Recherchewerkzeug  und nicht zuletzt ein mit allen Mitteln umkämpftes Branchenbuch  für eine Milliarde Menschen weltweit.

Darüber hinaus ist Maps auch elementarer Teil der Infrastruktur für selbstfahrende Autos, für Lieferdienste, für Augmented-Reality-Anwendungen und für allerhand andere standortdatenbasierte Dienste.

Google Maps hat verändert, was wir unter dem Begriff "Landkarte" verstehen. Es ist "Googles Index der physischen Welt", wie "The Atlantic" schon 2012 schrieb .

Umwege wegen eines nicht existenten Staus

Wie mächtig dieser Index ist, wollte nun - rechtzeitig zum 15. Geburtstag - der in Berlin lebende Künstler Simon Weckert zeigen. "Mich interessiert, wie wir uns unserer Technologie anpassen", sagt er im Gespräch mit dem SPIEGEL. Deshalb lieh Weckert sich 99 Android-Smartphones  "aus verschiedenen Quellen" und legte sie mit aktiviertem GPS in einen Handwagen. Den zog er langsam über einige Berliner Straßen, unter anderem an Googles neuem Büro vorbei, und ließ sich dabei filmen.

Manchmal blieb Weckert für einen Moment stehen, manche Straßen ging er mehrfach entlang. Er wollte Stop-and-go-Verkehr simulieren, bis Maps die entsprechenden Straßen rot einfärbt, was für starkes Verkehrsaufkommen steht. Letztlich wollte er Autofahrer dazu bewegen, alternative Routen zu wählen, weil Google einen nicht existenten Stau anzeigt.

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Ob das geklappt hat, kann niemand mit Gewissheit sagen. Im Video von Weckert ist zwar zu sehen, wie sich auf Google Maps die Straßen rot einfärben. Aber ob das eine Reaktion allein auf die 99 Handys ist, kann oder will Weckert nicht beweisen, auch wenn es anhand von Zeitstempeln in den Kamera-Aufnahmen und der Maps-App möglich wäre.

Der 30-Jährige will auch nicht sagen, wann die Aktion stattgefunden hat - nur dass es eine Weile her ist. Und selbst wenn er den Kartendienst überlistet hat, weiß niemand, wie viele Autofahrer deswegen einen Umweg genommen haben.

Google prüft nach Angaben einer Sprecherin noch, ob 99 Geräte in einem Handwagen einen solchen Effekt haben können.

So lange heißt es vonseiten des Unternehmens: "Verkehrsinformationen stammen aus verschiedenen Quellen, darunter aggregierte und anonymisierte Daten von Personen, die Standortdienste aktiviert haben, und Beiträge von der Google-Maps-Community. Verkehrsdaten werden kontinuierlich aktualisiert und wir veröffentlichen Ergebnisse nur, wenn wir ein hohes Maß an Vertrauen in ihre Richtigkeit haben."

Wie viel Macht hat Maps?

Aber Weckerts Botschaft vom blinden Vertrauen in Google Maps ist jetzt in der Welt. Sein Tweet  über die Aktion verbreitete sich tausendfach, und zahlreiche Medien und Blogs berichteten über die Aktion, so wie sie im Video zu sehen ist.

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In jedem Fall hat Weckert einen Punkt: 15 Jahre nach dem Start kann man sich schon fragen, wie viel Macht Google Maps über das eigene Verhalten hat.

  • Bucht man noch ein Urlaubshotel, ohne vorher die Lage und das Satellitenbild überprüft zu haben, um jede denkbare Überraschung auszuschließen?

  • Geht man in ein Restaurant, das von anderen Maps-Nutzern im Schnitt nur drei von fünf Sternen bekommt?

  • Glaubt man, wenn ein Gebäude nicht dort steht, wo Google Maps es verortet, an einen Fehler der Landkarte - oder zumindest kurz an einen der Landschaft?

Wer nie ratlos auf sein Smartphone und dann auf die Straße geschaut und gedacht hat "Hier müsste doch jetzt mein Hotel sein", der werfe den ersten Falkplan.