Coronakontrollen am Flughafen Airlines wollen eigene Impfnachweis-Apps anwenden

90 Prozent weniger Flugreisende, gleicher Aufwand am Schalter: Gesundheitskontrollen dauern den Airlines zu lange. Eigene Impf-Apps sollen Check-ins beschleunigen – und perspektivisch den Reisepass ersetzen.
IATA Travel Pass

IATA Travel Pass

Foto: IATA

Vor den meisten Flugreisen genügt es nicht mehr, Ticket und Reisepass am Schalter vorzulegen. Reisende müssen an einigen Flughäfen mittlerweile auch einen negativen Coronatest oder einen Impfnachweis parat haben. Entweder weil die Länder eine Testpflicht festgelegt haben oder weil die Fluggesellschaften nur Geimpfte an Bord lassen. Doch die Kontrolle von Papierpässen dauert den Unternehmen zu lange – sie setzen auf selbst entwickelte Impfnachweis-Apps.

Der Weltverband der Fluggesellschaften (IATA) testet derzeit den »Travel Pass«  zusammen mit mehr als 20 Airlines. Die Smartphone-App soll auf Flugreisen den gelben Impfpass ersetzen, der in Deutschland und vielen anderen Ländern als offizieller Nachweis gilt, aber bei Fluggesellschaften für Unmut sorgt. Solche Papierdokumente sind laut IATA  »nicht sicher, anfällig für Missbrauch, langsam, unhandlich und nicht anpassbar«.

Derzeit seien etwa zehn Prozent der Flugreisenden im Vergleich zu Zeiten vor der Coronakrise unterwegs. Dennoch werde an vielen Schaltern die gleiche Anzahl an Personal benötigt, um die Impfdokumente zu überprüfen und Fieber zu messen, heißt es bei der IATA.

Reisepass per Selfie abgleichen

Der »Travel Pass« speichert laut Entwicklern  alle Daten auf dem Telefon der Nutzer, es gebe keine zentrale Datenbank. App-Nutzerinnen und -Nutzer machen ein Selfie und scannen ihren Reisepass zum Abgleich der biometrischen Daten – die App erstellt damit sozusagen einen biometrisch verifizierten Identitätsnachweis. Sobald man dann einen zertifizierten QR-Code als Nachweis für eine Impfung oder einen negativen Test einscannt, gleicht die App die Personalien ab und gibt grünes Licht für den Flug: »Ok to travel«. Beim Check-in muss nur dieser Hinweis vorgezeigt werden, zunächst müssen Reisende aber sicherheitshalber auch ihren Reisepass dabei haben. Künftig soll die App ihn ersetzen können, doch die Technik dazu steht noch ganz am Anfang.

IATA Travel Pass

IATA Travel Pass

Foto: IATA

Informatikprofessor Martin Leucker von der Universität zu Lübeck sagt im Gespräch mit dem SPIEGEL, dass die Technologie plausibel aussehe, weil keine zentralen Datenbanken verwendet werden und alles auf dem Smartphone gespeichert werde. Doch der Sicherheitsexperte kritisiert, dass die App nicht quelloffen ist. »Vertrauenswürdige Apps sollten immer Open Source sein.« Dann könne sich die interessierte Öffentlichkeit anschauen, ob alles passt.

Die Eile der Airlines kann Leucker aber nachvollziehen: Bis es einheitliche Schnittstellen gebe, dauere es Jahre. »Aber die Linien wollen natürlich jetzt eine Lösung finden.«

Verlust von 100 Milliarden Euro im Krisenjahr

Die Fluggesellschaften stehen enorm unter Druck. Die Branche hat im vergangenen Jahr nach Schätzungen der IATA  etwa 118,5 Milliarden US-Dollar (etwa 100 Milliarden Euro) Verlust gemacht. Statt 4,5 Milliarden Menschen waren nur 1,8 Milliarden mit dem Flugzeug unterwegs. Der Verband spricht von einer »zerstörerischen und unerbittlichen« Krise.

Laut Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) ist es dringend erforderlich, dass technische Lösungen gefunden werden. »Denn wir müssen möglichst schnell zu einer Regelung kommen, dass geimpfte und genesene Passagiere von Quarantänepflichten entbunden werden«, teilte ein Sprecher dem SPIEGEL mit.

Der »IATA Travel Pass« ist nicht die einzige App auf der Zielgeraden. Die Anwendung konkurriert unter anderem mit dem digitalen Impfpass der Bundesregierung. Da die App das grüne Zertifikat der EU berücksichtigt, soll die Anwendung auch an Flughäfen als Impfnachweis gelten. Der Start ist für Mitte Mai bis Ende Juni geplant.

Auch das Weltwirtschaftsforum beteiligt sich an einer Impfpass-App, dem »CommonPass«.  Die Anwendung speichert wie die Konkurrenten die Impf- und Testdaten der Nutzerinnen und Nutzer auf dem Telefon. Die App steht zwar schon zum Download bereit, befindet sich aber noch in der Testphase und funktioniert nur mit Einladungscode.

Warten auf das grüne EU-Zertifikat

Es gebe eine ganze Reihe von Systemen, die diskutiert oder erprobt werden, sagt der BDL-Sprecher. Eine Entscheidung für eine Software ist noch nicht gefallen. »Welche dieser Systeme am Ende in den Regelbetrieb gehen, ist derzeit nicht absehbar.«

Auch die Lufthansa hat sich noch nicht entschieden. Das Unternehmen testet den »IATA Travel Pass« ab der kommenden Woche auf der Swiss-Air-Strecke von Zürich nach London. Es gebe aber mehrere Systeme und man habe keine bevorzugte Präferenz, sagt eine Sprecherin der Airline. »Wir bereiten uns und unsere Prozesse bereits jetzt auf gelockerte Reiserestriktionen vor.« Die EU sollte nun »so schnell wie möglich grünes Licht geben« und die Mitgliedstaaten mit der Umsetzung des europäischen Standards mit einheitlichen und integrierten Systemen beginnen. »Ein Flickenteppich an länderspezifischen Regeln schwächt die EU im Vergleich zu anderen Regionen.«

Das sieht auch Martin Leucker so. Der IT-Forscher hätte die App aber lieber im Auftrag der Regierung gesehen. »Die Corona-App hat gezeigt, dass der Staat die Entwicklung einer sicheren, sinnvollen App anstoßen kann«, sagt der Forscher. Man brauche »öffentlich koordinierte Ansätze, die systematische digitale Lösungen in Post-Covid-Zeiten erlauben, keine Insellösungen«.

Der offizielle Start der iOS-Version der »IATA Travel App« soll noch in den kommenden Tagen erfolgen,  auf Android-Geräten wird es wohl Ende April. Die Behörden in Singapur scheinen bereits überzeugt zu sein von der App. Von Mai an dürfen Flugpassagiere mit dem »IATA Travel Pass« nachweisen, dass sie vor der Abreise  mit einem PCR-Test negativ auf Covid-19 getestet wurden.