Hype um App Sarahah Suche Komplimente, riskiere Shitstorm

App Sarahah

App Sarahah

Foto: Sarahah.com

Endlich erfahren, was andere über einen denken: Die App Sarahah verspricht ungefilterte, anonyme Antworten und erobert die Charts. Doch die Erfahrung zeigt, dass es auf solchen Plattformen selten nur nett zugeht.

Für diese App braucht man starke Nerven. Wer sich bei Sarahah für Android  oder iOS  anmeldet, der stellt sich der - angeblich - ehrlichen Meinung seiner Freunde, Kollegen und aller anderen Nutzer im Netz. Ob freundliches Lob oder boshafte Beleidigung: Wer hinter den Botschaften steckt, erfährt man nicht.

Man ist der Meinung schutzlos ausgeliefert und kann sich nicht einmal wehren. Denn alle Nachrichten werden anonym verschickt und eine Antwortfunktion gibt es nicht.

Doch offenbar ist die App genau das, was einige Nutzer wollen. Seit dem Start im Februar ist Sarahah in mehr als 30 Ländern wie den USA, Großbritannien und Frankreich auf Platz eins in den Download-Charts gelandet, berichtet die BBC .

Allein im Google Play Store ist die App schon mehr als fünf Millionen Mal heruntergeladen worden. Laut ihrem Erfinder Zain al-Abidin Tawfiq aus Saudi-Arabien sind mit dem Programm bislang rund 300 Millionen Botschaften verschickt worden.

Kein Anmelden nötig

Vielleicht liegt das auch daran, dass man nicht einmal angemeldet sein muss, um etwas schreiben zu können. Nur für das Empfangen der Botschaften muss man die App installieren.

Über den Browser kann jeder einem Sarahah-Nutzer eine Nachricht schreiben, solange er die passende Webadresse kennt. Die setzt sich zusammen aus dem Nutzernamen und der Sarahah-URL, also beispielsweise nutzer.sarahah.com. Auf der Seite öffnet sich dann sofort ein Textfeld, das dazu auffordert, eine "konstruktive Nachricht" zu hinterlassen: Komplimente und konstruktive Kritik, für so etwas ist Sarahah offiziell gedacht.

Sarahah-Nachrichtenfeld

Sarahah-Nachrichtenfeld

Foto: Sarahah.com

Was der Anwender aber schließlich eingibt, kann niemand kontrollieren. Ein Lob und freundliche Worte können dort genauso verschickt werden wie Beleidigungen, Hassbotschaften und wüste Beschimpfungen. Das alles muss der Nutzer über sich ergehen lassen, während sich der Absender im Schutz der Anonymität versteckt.

"Eine böse und grausame Mobbing-Plattform"

Auf den Hinweis eines Nutzers, dass die App nichts weiter sei als eine "böse und grausame Mobbing-Plattform", antwortet Zain al-Abidin Tawfiq bei Twitter : "Sarahah ist ein Tool zur Selbstentwicklung, das es Menschen ermöglicht, konstruktives Feedback zu erhalten."

Allerdings sind sich offenbar auch die drei Entwickler im Sarahah-Team der Gefahr bewusst, dass die App missbraucht werden kann. Neben einem Gefällt-mir-Knopf und einem Teilen-Button kann man eine Nachricht auch den Entwicklern melden und den Absender blockieren.

Das funktioniert wohl über die IP-Adresse. Denn sobald man geblockt ist, kann man dem Nutzer keine Botschaften mehr schicken, auch nicht über den Browser. Davon bekommt der Sender nichts mit, die Nachricht wird verschickt, kommt aber niemals an.

Häufig gibt es auch Hass

Auch wenn die Entwickler von Komplimenten und konstruktivem Feedback sprechen: Die Erfahrung zeigt, dass die Nachrichten auf anonymen Plattformen oft aus dem Ruder laufen. Bei Tellonym etwa mussten sich einige Nutzerinnen obszöne Beleidigungen gefallen lassen und wurden unter anderem aufgefordert, Nacktbilder zu versenden. Und der Frage-Antwort-Website Ask.fm wird sogar vorgeworfen, dass mehrere Teenager Suizid begingen, nachdem sie dort von anonymen Nutzern beleidigt worden waren.

Dass tatsächlich oder vorgeblich anonyme Chat-Apps von einigen Nutzern missbraucht werden, ist kaum verwunderlich. Schließlich muss man sich nicht in der Anonymität verstecken, um jemandem ein nettes Kompliment zu machen oder konstruktiv Kritik zu äußern. Praktischer sind die Apps daher im Zweifel für Dinge, die man niemandem ins Gesicht sagen würde.


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