Umgang mit Nutzerdaten Apple wirbt vor EU-Datenschützern für Anti-Tracking-Funktion

Auf einer europäischen Datenschutzkonferenz hat Apple-Vorstand Craig Federighi sein Unternehmen als Bewahrer von Privatsphäre und Datenschutz dargestellt – und für eine umstrittene Neuerung im App Store geworben.
Craig Federighi, Apple-Vorstand für den Bereich Software (2018): Selbstverständnis als ehrenvoller Ritter

Craig Federighi, Apple-Vorstand für den Bereich Software (2018): Selbstverständnis als ehrenvoller Ritter

Foto: JOSH EDELSON/ AFP

Wenn ein hochrangiger Apple-Manager auf einer Datenschutzkonferenz auftritt, ist es nicht schwer, sich vorzustellen, worum es gehen wird: Apples Selbstverständnis als ehrenvoller Ritter, der für Datenschutz und Privatsphäre kämpft. Da enttäuschte auch Craig Federighi nicht, mit der Rede, die er am Dienstagmorgen auf der zehnten European Data Protection and Privacy Conference  hielt, einer Art Jahrestreffen europäischer Datenschützer.

Die Privatsphäre seiner Nutzer sei Apple schon immer enorm wichtig gewesen, sagte Federighi vor den virtuell versammelten Teilnehmern. Schon in den Neunzigerjahren sei Apple von dem Thema regelrecht besessen gewesen, während »die meisten Techfirmen nicht darüber sprachen«. Heute gehöre beispielsweise Datenminimalismus zu den Grundprinzipien der Firma, also die Regel, so wenige Daten über ihre Nutzer zu sammeln wie möglich.

Direkt im Anschluss bezeichnete Federighi Firmen, deren Geschäftsmodell darauf basiert, Nutzerdaten zu sammeln und zu vermarkten, als »datenindustriellen Komplex, in dem schattenhafte Akteure daran arbeiten, die intimsten Bereiche Ihres Lebens zu infiltrieren und alles auszunutzen, was sie finden können – sei es, um Ihnen etwas zu verkaufen, Ihre Ansichten zu radikalisieren oder Schlimmeres«.

Apples Anti-App-Tracking war das eigentliche Thema

Welche Firmen er damit meint, sagte der Manager nicht, aber es ist nicht schwer, sich vorzustellen, wer nach Apples Ansicht zu diesem »datenindustriellen Komplex« gehören könnte: Facebook. Seit Jahren herrscht zwischen den beiden Firmen ein Hickhack darum, wie mit Nutzerdaten umgegangen werden sollte. Apple, das kein Anzeigengeschäft betreibt und deshalb auch kein Geld mit personalisierter Werbung verdient, auf der einen Seite, Facebook – und viele andere – deren Geschäftsmodell darauf basiert, mit möglichst genau personalisierter Werbung Umsatz zu machen, auf der anderen. Im Sommer hatte es an dieser Front erneut geknallt.

Im Juni hatte Apple auf seiner Entwicklerkonferenz WWDC eine neue Funktion namens App Tracking Transparency vorgestellt. Sie soll Apple-Nutzern die Möglichkeit geben, für jede App auszuwählen, ob diese ihre gesammelten Nutzerdaten an andere Apps oder Webseiten weitergeben darf. Als Entscheidungsgrundlage dafür müssen App-Anbieter in Apples App Store künftig nach einen vorgegebenen Raster Angaben dazu machen, welche Daten sie erheben und wozu sie diese verwenden.

Apple hofft auf die Anpassungsfähigkeit der Werbebranche

Kurz nach dieser Ankündigung hatte sich Facebook gegen das Projekt in Stellung gebracht. Die Einnahmen von Verlagshäusern und App-Entwicklern würden wegen der neuen Datenschutzfunktionen von iOS 14 teils massiv zurückgehen, warnte Facebook Ende August, kurz vor der erwarteten Veröffentlichung des Updates. Insbesondere kleinere Entwickler und Verlagshäuser würden darunter zu leiden haben.

Dieses Argument will der Apple-Manager nicht gelten lassen. »Wir sehen nicht, dass kleine Firmen davon überproportional betroffen sein werden«, sagte Federighi dem SPIEGEL. Ähnliches »Gejammer und Geschrei« habe es auch gegeben, als Apple vor drei Jahren die Intelligent Tracking Prevention, einen Webseiten überspannenden Trackingschutz, im Safari-Browser eingeführt hat. Auch damals sei das Ende der Werbebranche prognostiziert worden. Tatsächlich aber seien die Umsätze seither gestiegen. »Wir erwarten, dass dasselbe noch einmal geschehen wird«, erklärte Federighi.

Rücksicht auf App-Anbieter

Doch ganz so schnell wie geplant kommt die Anti-App-Tracking-Funktion nicht. Statt sie, wie im Juni angekündigt, im September mit iOS 14 einzuführen, hat Apple den Start auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Nach der Ankündigung der neuen Funktion habe man festgestellt, dass die Möglichkeit, einer App das Tracking zu verbieten, für manche Entwickler so grundlegende Änderungen an ihrer Software und der dahinter liegenden Computersysteme erforderte, dass man ihnen mehr Zeit für die nötigen Änderungen geben musste.

Die Verzögerung sorgte bei einer Reihe von Bürgerrechts- und Menschenrechtsorganisationen für Unmut. In einem offenen Brief, der unter anderem von Amnesty International, die Electronic Frontier Foundation und Human Rights Watch unterzeichnet ist, wurde Apple vorgeworfen, vor Facebook eingeknickt zu sein. Der Anfang Oktober verschickte Brief schloss mit der Aufforderung, »die angekündigten Anti-Tracking-Funktionen ohne weitere Verzögerung vollständig in iOS 14 zu implementieren.«

Im Gespräch mit dem SPIEGEL sagte Craig Federighi nun immerhin, Nutzerinnen und Nutzer würden »nicht mehr lange« auf die neue Funktion warten müssen. Anfang kommenden Jahres soll es losgehen, genauer wollte Federighi sich nicht festlegen. Man habe sich aber intern eine Deadline gesetzt und sei zuversichtlich, die auch halten zu können. »Wir sind nicht im Modus ›Abwarten und Tee trinken‹.«

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