Projekt Pepp-PT Die Anti-Corona-Technik hat noch Tücken

Die deutsche "Anti-Corona-App" zum Erkennen von Infektionsketten wird später kommen als ursprünglich angekündigt. In den Tests der zugrunde liegenden Technik Pepp-PT fehlte ein entscheidender Faktor: iPhones.
Tests der Pepp-PT-Technik durch die Bundeswehr

Tests der Pepp-PT-Technik durch die Bundeswehr

Foto:

Ismael Akbar/ Bundeswehr

Am Mittwoch erhielten die Macher hinter der europäischen Corona-Tech-Initiative Pepp-PT eine Art offiziellen Ritterschlag: Die Regierungschefs von Bund und Ländern beschlossen neben dem Lockerungs-Stichtag Anfang Mai auch, dass es flankierend den Versuch einer technologischen Seuchenbekämpfung geben solle. Sie entschieden sich nicht für eine der vielen existierenden Apps, die in Singapur, Südkorea oder Österreich eingesetzt werden. Sondern sie unterstützen die Basistechnologie des "Pan-European Privacy-Preserving Proximity Tracing", kurz Pepp-PT. Tracing funktioniert anders als klassisches Tracking ohne Standortdaten: verfolgt werden nur Kontakte, nicht aber, wo die stattfinden.

Auf Grundlage dieses Softwaregerüsts, das die Privatsphäre der Nutzer laut dem Versprechen der Macher schützt, sollen dereinst unterschiedliche nationale Apps entstehen, oder sogar mehrere Apps im selben Land. Man kann sich das vorstellen wie die gemeinsamen Fahrgestell-Plattformen von Autokonzernen, auf denen dann unterschiedliche Modelle gebaut werden können. Um Wildwuchs und Trittbrettfahrer zu verhindern, soll allerdings jede der neuen Pepp-PT-Apps vom Gründungskonsortium zertifiziert werden.

In Deutschland arbeitet unter anderem das Robert Koch-Institut (RKI) an einer solchen Corona-App. Sie soll in der Zeit nach dem Shutdown dabei helfen, neue Infektionsherde schneller als bislang zu erkennen und Infektionsketten möglichst früh zu unterbrechen.

Anders als Apps in Südkorea oder China sollen Smartphone-Anwendungen auf Basis von Pepp-PT, die mit dem Datenfunk Bluetooth Low Energy (BLE) arbeiten, mit den vergleichsweise strengen europäischen Datenschutzregeln vereinbar sein. Zudem sollen die Bürger freiwillig entscheiden können, ob sie die App herunterladen - und nicht dazu gezwungen werden.

Die deutsche App kommt frühestens Ende April

Testabläufe des Pepp-PT-Projekts

Testabläufe des Pepp-PT-Projekts

Zu den Machern zählen über 130 Wissenschaftler, neben dem RKI ist dabei auch das Fraunhofer-Institut für Nachrichtentechnik (Heinrich-Hertz-Institut, HHI) vertreten. "Mehr als 40 Regierungen haben sich bei uns gemeldet und angekündigt mitzumachen", sagte der Projektsprecher Chris Boos dem SPIEGEL, in sieben Ländern wie Frankreich, Spanien, Italien, der Schweiz und zuletzt auch Österreich gebe es bereits die entsprechenden Regierungsbeschlüsse. "Viele wollen nicht nur aufspringen, sondern aktiv mitarbeiten", so Boos. Diese internationale Zusammenarbeit und die Möglichkeit des "Roaming" über Grenzen hinweg sei wichtig für den nächsten Schritt nach den innerdeutschen Lockerungen: "Die paneuropäische Kollaboration kann eine wichtige Rolle bei der Öffnung der Ländergrenzen spielen."

Ursprünglich hatten die Initiatoren eine erste deutsche Version der App bis Mitte April angekündigt. Das war zu optimistisch – nun soll sie offenbar frühestens Ende des Monats veröffentlicht werden. Das liege an der aufwendigen Einbettung weiterer Akteure wie etwa den Testlabors, sagt Boos, und dem Anspruch, die Daten und die Privatsphäre aller Nutzer zu jedem Zeitpunkt zu schützen. Offenbar sorgen auch die Prüfungen in Sachen Sicherheit und Datenschutz für weitere Verzögerungen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagte im ARD-Morgenmagazin, die App werde "mit Hochdruck" entwickelt: "Aber die Wahrheit ist auch: Damit's wirklich gut ist, braucht es halt eher noch drei bis vier Wochen als noch zwei Wochen."

Mitinitiator Boos erklärt, mit dem späteren Start folge man auch den Empfehlungen von beteiligten Gesundheitspsychologen. Sie sprächen sich dafür aus, die App möglichst nahe am Lockerungstermin zu veröffentlichen, da dies die zu erwartende Nutzungsbereitschaft bei den Anwendern erhöhe. Von deren Unterstützung und Kooperation hängt der freiwillige Ansatz ab. Laut beteiligten Epidemiologen müssten rund 60 Prozent der Bürger die App downloaden und dafür wiederum mindestens 60 Prozent sie korrekt und konsequent anwenden, um die Seuchenverbreitung effektiv eindämmen zu helfen. 

So funktioniert das Corona-Tracking

Seit der ersten Vorstellung des Konzepts werden mehrere mögliche Schwachpunkte der Pepp-PT-Lösung kritisiert: Viele bezweifeln, dass eine App wirksam sein wird, die auf Freiwilligkeit beruht. Erste Untersuchungen zur Bereitschaft der Bürger, sich eine solche Anwendung herunterzuladen, führten zu unterschiedlichen Ergebnissen. In einer Umfrage des Bayerischen Rundfunks gaben nur 56 Prozent der Befragten an, dies tun zu wollen. Manche Politiker denken schon über Anreizsysteme nach, um die Bürger zu motivieren - etwa Steuergutschriften. Aus der Union gibt es Stimmen, die sich auch eine Nutzungspflicht vorstellen können. Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) verwies hingegen darauf, die App werde nur die notwendige Akzeptanz in der Bevölkerung finden, wenn es bei der geplanten freiwilligen Nutzung bleibe.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Andere fürchten, dass die "Freiwilligkeit" ausgehöhlt werden könnte – durch sozialen Druck der Mitmenschen oder Entscheidungen von Unternehmen: Wie freiwillig wäre eine App beispielsweise noch, wenn nur noch Menschen mit aktivierter Corona-App den öffentlichen Nahverkehr nutzen dürften? Oder Arbeitgeber sie als Zutrittsbedingung für den Arbeitsplatz verlangten? Die Installation wäre dann bestenfalls "scheinfreiwillig", sagen Kritiker.

Ebenfalls umstritten ist die Frage, wie zuverlässig die Abstandsmessung mit Bluetooth funktioniert. Schließlich könnte es vorkommen, dass ein Handy sogar durch eine dünne Wand eine Nähe zu einem Handy in der Nachbarwohnung misst, wie es teils auch bei fremden Lautsprecherboxen vorkommt. In einem solchen Szenario würde der Nutzer als infektionsgefährdet gelten können, obwohl ihn doch eine Wand von einem Angesteckten getrennt hat. Zudem ist Bluetooth nicht gleich Bluetooth – die Stärke des Funksignals variiert bei unterschiedlichen Endgeräten.

Die Pepp-PT Macher haben die Bundeswehr für Messungen gewonnen, um "Wirksamkeit und Fehlerquote des Systems zu bestimmen", wie es in einem internen Vermerk des Verteidigungsministeriums heißt. In der Berliner Julius-Leber-Kaserne absolvieren 48 Soldaten gerade entsprechende Messreihen. Fünf Testläufe seien bereits absolviert, acht weitere geplant, heißt es in dem Papier, zudem plane das Fraunhofer-Institut eine Prüfung "an mobilen Orten wie U-Bahnen".

Nach Ansicht von Boos sind die bisherigen Tests ermutigend verlaufen. Die Trefferquoten lagen demnach im Mittel zwischen 70 und 80 Prozent. "Wir sind sicher, das ist genau genug", sagte er in einer Videoschalte am Freitag. Allerdings sind die Bedingungen in der Kaserne bislang nicht besonders realistisch - bislang wurde mit 28 Smartphones von Samsung (A40) sowie 20 weiteren Android-Smartphone-Typen verschiedener Hersteller getestet, nicht aber mit iPhones. Die hier absehbaren Kompatibilitätsprobleme werden möglicherweise erst lösbar sein, wenn Google und Apple ihr gemeinsames Projekt an den Start gebracht haben - und wenn Pepp-PT-Apps darauf aufsetzen.

Streit über Datenspeicherung

Aktuell sorgt zudem ein Streit unter IT-Sicherheitsfachleuten für Unruhe rund um das Projekt: Sollen die anfallenden Daten dezentral gespeichert werden oder auf einem zentralen Server? Derzeit setzt das Pepp-PT-Konsortium eher auf eine zentrale Lösung, das müsse aber nicht immer so bleiben. Es gebe viele unterschiedliche Ansätze, auf denen Apps aufgebaut werden können, sagt Boos. Die Macher von Pepp-PT stünden diesen offen gegenüber.

Zuletzt hatten sie allerdings Passagen über den schon weit gediehenen dezentralen Ansatz (DP3T) aus ihren Veröffentlichungen genommen. Diesen scheinbar stillschweigenden Abschied von einem dezentralen Modell kritisieren einige Beteiligte scharf: "Wir können nicht einschätzen, was Pepp-PT entwickelt", kritisiert zum Beispiel Kenneth Paterson, ein Kryptografie-Experte an der ETH Zürich die mangelnde Transparenz: "Diese Gruppe ist abgeschottet und ihr System kann von externen Experten nicht überprüft werden. Es gibt kein Dokument mit den genauen Spezifikationen. Wir dürfen auch den Programmcode nicht untersuchen." Auf Twitter sprechen manche Beobachter von einem "Rückschritt". Am Freitagvormittag eskalierte der Streit - via Twitter  verkündete Pepp-PT-Mitinitiator Marcel Salathé von der EPFL in Lausanne seinen Ausstieg aus dem Projekt, er werde nun alle seine Energie in den dezentralen Ansatz stecken. 

Sein bisheriger Mitstreiter Boos bedauerte den Schritt und mahnte, das "große Vorhaben der Pandemiebekämpfung" wieder in den Vordergrund zu rücken. Es handele sich um eine Fachdebatte, beide Modelle garantierten die Privatsphäre, und es gebe für beide Argumente. "Wir müssen aufpassen, dass wir die Öffentlichkeit nicht verunsichern und sollten unser gemeinsames Ziel nicht aus den Augen verlieren." 

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Doch angenommen, die neuen Corona-Apps würden von weiten Teilen der Bevölkerung installiert und liefen trotz aller Bluetooth-Schwächen einigermaßen zuverlässig: Würden die Handys einen frustrierenden Run auf die ohnehin überlasteten Testlabore auslösen, wenn Nutzer zwar eine Infektionswarnung bekommen, dann aber doch vergeblich warten, bis sie durch einen Test Klarheit bekommen?

Die Testkapazitäten in Deutschland würden stetig ausgebaut, so Boos, zum anderen sei "hier Kreativität gefragt". "Wir sind im Kontakt mit vielen Start-ups, die sich mit dem Epidemie-Management befassen, und die für all diese Fragen elegante Lösungen entwickeln können". Pepp-PT selbst solle lediglich das funktionierende Infektions-Tracing ermöglichen, nicht mehr und nicht weniger.

Allerdings könnte das RKI dem Infektionstracking-Projekt selbst im Wege stehen. Denn vor zehn Tagen stellte das Institut seine Datenspende-App vor, die jedoch überhaupt nichts zu tun hat mit Pepp-PT. Die Datenspende-App fordert Nutzer dazu auf, Gesundheitsdaten wie Ruhepuls und Schlafqualität von ihren Fitnesstrackern zur Analyse zur Verfügung zu stellen. Die pseudonymisierten Fitnessdaten sollen die Nutzer dabei nicht vor möglichen Infektionsrisiken warnen, sondern Forschern ermöglichen, zum Beispiel am erhöhten Ruhepuls in einem Landkreis zu erkennen, dass dort eine Infektionswelle rollt. 

Datenschützer und Computerexperten kritisierten die App heftig, weil ihr Code nicht offengelegt und unabhängig überprüfbar ist. "Die Datenspende-App des RKI ist leider ein Schnellschuss", kritisiert etwa Hannes Federrath, 51, Präsident der Gesellschaft für Informatik: "Es geht hier um hochsensible Daten wie Ruhepuls und Schlafqualität, hier ist höchste Vorsicht geboten. Um Vertrauen zu schaffen, muss der Programmiercode open source sein, also öffentlich einsehbar."

Federrath befürchtet, dass die Öffentlichkeit den neuen Infektionstracking-Apps mit Misstrauen begegnen, weil sie die beiden Apps in einen Topf werfe. "Diese beiden Apps haben nichts miteinander zu tun. Aber durch das Vorpreschen mit der schlecht durchdachten Datenspende-App könnte das RKI eine Menge Vertrauen verspielt haben."

Chris Boos teilt diese Bedenken: "Klar, das Timing bei der Datenspende-App war vielleicht nicht ganz ideal", sagt er. Und dennoch macht ihm die Datenspende-App auch Hoffnung: Nach wenigen Tagen wurde sie bereits 400.000 Mal heruntergeladen - 40 Mal mehr, als die Macher ursprünglich erwartet hatten. "Diese Datenspende-App bringt mir als Nutzer direkt ja gar nichts, ich bekomme keine individuelle Warnung, sondern helfe nur ganz altruistisch beim Erstellen von Statistiken", sagt Boos. "Unsere Apps dagegen bringen den Nutzern einen echten, praktischen Mehrwert: eine persönliche Warnung vor möglichen Infektionen. Ich glaube daher, dass sehr, sehr viele Menschen bei uns mitmachen werden."