Selbstgebaute App Die Welt fragt, Ethan antwortet

Ein Amerikaner programmiert eine private Chat-App für seine Freunde. Andere Nutzer laden sie herunter. Jetzt kann jeder mit Ethan reden und ihm Fragen stellen. Er antwortet auf fast alles.

Ursprünglich hatte Ethan Gliechtenstein anderes im Sinn, als die Fragen der Menschheit zu beantworten. Er wollte nur in Ruhe mit seinen Freunden chatten, abseits von Facebook, WhatsApp oder sonst einem Dienst. Deshalb programmierte er eine kleine App, über die seine Freunde ihn erreichen konnten. Er nannte sie schlicht Ethan, nach sich selbst. Wenn jemand ihn erreichen wollte, konnte er sich die App installieren und loslegen. Das war der Plan.

Ethan wollte die App eigentlich nur über die Entwicklerumgebung von TestFlight  veröffentlichen, doch das war in der Benutzung für seine Freunde zu kompliziert, so beschreibt er es. Also stellte er das Programm öffentlich zur Verfügung. Prompt luden sich auch andere Menschen die iOS-App herunter - und plötzlich bekam Ethan Nachrichten von Fremden.

Ethan antwortete ihnen. "Wenn dir jemand eine Nachricht schickt, ist es doch normal, ihm zu antworten. Als die ersten Nachrichten kamen, musste ich den Leuten einfach antworten, sonst wären sie sauer geworden", schreibt er SPIEGEL ONLINE in einer E-Mail.

Was soll ich anziehen? Welchen Film soll ich gucken?

Ethan beschloss also, mit den Menschen da draußen zu reden. Wer eine Frage hat, kann sie ihm auf Englisch stellen. Er antwortet darauf, wenn auch oft zeitverzögert. Denn die Menschen haben viele Fragen.

Was soll ich heute Abend essen? Welchen Rock soll ich heute tragen? Was mache ich mit einem Arbeitskollegen, der mich ärgert? Welchen Film kannst du mir heute empfehlen?

Ethan antwortet meistens spontan. Manchmal fragen ihn Leute nach seiner Einschätzung zur politischen Lage in Israel; andere bitten ihn, die Relativitätstheorie per Kurznachricht zu erklären. "Ich glaube, solche Fragen können auch weniger intelligente Typen wie Siri oder Google beantworten", schreibt er, "ich beantworte lieber Fragen auf höherer Ebene, wie zum Beispiel 'Soll ich meinem Schwarm beichten, dass ich verliebt bin?' oder 'Welches T-Shirt sieht besser aus?'."

Richtig verboten ist nur eine Frage

Am liebsten antwortet er auf Multiple-Choice-Fragen. Aber nicht auf jede. Immer wieder, berichtet er, schickten ihm junge Mädchen Fotos von sich und fragten: "Welche von uns beiden findest du süßer?". Das bringt Ethan in Bedrängnis, er mag nicht antworten. "Ich möchte wirklich niemanden verletzen", schreibt er: "Meistens sind sie beide süß und ich schreibe ihnen, dass sie beide süß sind - aber das wollen sie als Antwort nicht akzeptieren." Auch Fragen wie "Bin ich hässlich?" könnten unbeantwortet bleiben.

Richtig verboten ist allerdings nur eine einzige Frage: "Wer bist du?" Ethan möchte nicht viel von sich verraten, uns schreibt er nur so viel, um sich selbst zu beschreiben: Er lebe in New York und trinke am liebsten Mineralwasser mit Himbeer-Limetten-Geschmack. Er verrät, dass er seinen Lieblingskaffee bei einer großen amerikanischen Kette kauft und dass er einmal für drei Wochen für eine Diät auf Kohlenhydrate verzichtet hat. So etwas eben. Sein Alter oder seinen Beruf gibt er nicht an. Ethan bleibt im Hintergrund und pariert von dort aus die vielen Anfragen, die stetig auf seinem Handy eintrudeln. Seine Geschichte lässt sich also nicht komplett überprüfen.

"Es erscheint wie eine unendlicher Strom an Nachrichten", berichtet er von seinem Alltag. "Am Anfang bin ich wirklich wach geblieben und habe 48 Stunden lang nur Antworten geschrieben, mit nur drei Stunden Schlaf zwischendurch." Jetzt arbeite er stundenweise einige Fragen ab. Diejenigen, die sich außerhalb dieser Zeiten melden, bekommen eine Abwesenheitsnachricht innerhalb der App.

Ob sein Service irgendwann einmal Geld kosten wird, weiß Ethan noch nicht: Momentan gehe es ihm noch darum, die Menschen zu erheitern und nicht ums Geldverdienen. Nach dem Überraschungserfolg experimentiert er aber schon ein wenig herum: Über seine Webseite  können die Nutzer ihm zum Beispiel mitteilen, ob sie an einer eigenen Version der Ethan-App interessiert wären. Wie diese aussehen könnte, ist unklar. Aber man weiß ja, wen man fragen kann.

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