Realitätscheck Australiens Corona-App ist ein Reinfall

Seit knapp einem Monat gibt es eine App, die Australier nach Kontakt mit Corona-Infizierten warnen soll. Fast sechs Millionen Menschen haben sie installiert. Die Anzahl der Fälle, in denen die App hilfreich war: 1.
Bisher mäßig erfolgreich: die Coronavirus-Tracing-App COVIDSafe der australischen Regierung

Bisher mäßig erfolgreich: die Coronavirus-Tracing-App COVIDSafe der australischen Regierung

Foto: Scott Barbour/ DPA

Wolfgang Schäuble ist ungeduldig. "Gucken Sie sich das Elend um die Entwicklung einer Corona-App an", sagte der Bundestagspräsident der "Welt am Sonntag" . "Ich bin kein Experte, aber es dauert mir ein bisschen lange. Wir hätten die Corona-Tracing-App schon am Anfang der Pandemie gebraucht - und am besten natürlich eine europäische."

Mitte Juni erst soll die deutsche App, entwickelt von SAP und T-Systems, fertig sein. Sie soll neue Infektionsketten frühzeitig unterbrechen helfen. Dazu protokolliert sie, vereinfacht ausgedrückt, Kontakte zwischen App-Nutzerinnen und -Nutzern in pseudonymer Form. Wer positiv auf das Coronavirus Sars-CoV-2 getestet wird, kann seine letzten Kontakte über die App warnen, dass sie sich nun ebenfalls testen lassen sollten - ohne dass er weiß, wer diese Kontakte waren und ohne dass die erfahren, wer da positiv getestet wurde. (Wie die Pseudonymisierung im Prinzip funktioniert, erklärt der Informatiker Henning Tillmann hier gut verständlich .)

Solche Apps gibt es mittlerweile in vielen Ländern, sie sollen die menschlichen Kontaktermittler in den Gesundheitsämtern entlasten und dafür sorgen, dass auch Kontakte gewarnt werden, an die sich die infizierte Person nicht erinnert oder die er nicht identifizieren kann. Anspruch und Wirklichkeit liegen dabei mitunter weit auseinander. Zuerst wurde das in Singapur deutlich, wo es frühzeitig eine App namens TraceTogether zur Kontaktnachverfolgung gab, für die sich die Regierung selbst lobte , und wo die Ausbreitung des Virus trotzdem nicht aufgehalten wurde - im Gegenteil. Und nun gibt es auch eine erste, ernüchternde Zahl aus Australien, wo seit dem 26. April, also knapp einem Monat, die COVIDSafe genannte App zur Verfügung steht. Diese Zahl ist die 1.

So viele, den Behörden nicht ohnehin schon bekannte Kontakte von Infizierten nämlich hat die App in Australien bisher warnen können. 1. In Worten: einen. Das berichtet jedenfalls "The Guardian" .

Niemand sollte ein technisches Allheilmittel erwarten

Das ist ein bisschen wenig für eine App, die Premierminister Scott Morrison Ende April als "Ticket" bezeichnet hatte, "um sicherzustellen, dass wir Einschränkungen lockern können".

Die Gründe für die enttäuschende Zwischenbilanz sind jene zentralen Probleme, die in Deutschland erstens für einen verzögerten Start und in der Folge für Schäubles Ungeduld sorgen. Und die zweitens die Erwartungshaltung jener, die noch auf ein technisches Allheilmittel in Form der App hoffen, auf ein realistisches Maß stutzen sollte.

  • Installationsbasis: Knapp sechs Millionen Australier haben die App freiwillig heruntergeladen und eingerichtet. Das ist ungefähr  ein Drittel aller Smartphone-Besitzer. Keine schlechte Quote. Sie entspricht ungefähr der von Instagram in Deutschland. Und doch ist das weniger, als die australische Regierung als Zielmarke ausgegeben hat und deutlich weniger als die 60 Prozent aller Smartphone-Nutzer eines Landes, die Oxford-Forscher als Mindestmaß für den erfolgreichen Einsatz einer solchen App betrachten.

  • iOS-Android-Kompatibilität: Die COVIDSafe-App basiert wie auch die geplante App für Deutschland auf Bluetooth. Doch weil Apple den Zugriff auf Bluetooth durch externe Apps seit Langem begrenzt - zum Schutz der Privatsphäre seiner Nutzerinnen und Nutzer - tauschen Android-Smartphones und iPhones die pseudonymisierten Kontakte nicht reibungslos aus. Das wäre nur zu ändern, wenn die App auf die erst vor wenigen Tagen veröffentlichte Schnittstelle zugreifen würde, die Apple und Google gemeinsam entwickeln. Sprich: Die australische App müsste komplett umgebaut werden. Was laut "Guardian" dazu führen würde, dass die Australier in der Übergangsphase zwei Apps gleichzeitig nutzen müssten. Die ursprünglichen Entwickler der für Deutschland vorgesehenen App wären auf dasselbe Problem gestoßen, die nun geplante Version wird die Apple-Google-Schnittstelle hingegen von vornherein nutzen.

  • Bluetooth-Limitierungen: Wie ein Kontakt zwischen zwei App-Nutzern definiert wird, können die App-Entwickler selbst festlegen. Dauer und Entfernung sind die wichtigsten Parameter, doch Bluetooth ist kein Präzisionswerkzeug. Dünne Wände oder Plexiglasscheiben zwischen zwei Personen, eine Begegnung an der frischen Luft oder schon die Position der Smartphones zum Beispiel in der Hose oder Jackentasche könnte zu "false positives" oder "false negatives" führen : App-Nutzer könnten über Kontakte zu Infizierten gewarnt werden, die keine risikobehafteten Kontakte waren, oder eine Warnung bleibt aus, obwohl sie angemessen gewesen wäre. Ausgiebige Tests mit verschiedenen Smartphones in verschiedenen Szenarien sind also wichtig, um die Fehlerzahl zumindest so weit es geht zu senken. Sie kosten aber auch Zeit.

Mittlerweile steckt in den deutschen Bemühungen so viel Arbeit, dass die Fertigstellung Mitte Juni zumindest auf eines hoffen lässt: mehr hilfreiche Einsätze als 1.

Hinweis: SPIEGEL-Leser weisen darauf hin, dass die Zahl der Neuansteckungen insbesondere über unbekannte Kontakte in Australien in den vergangenen vier Wochen gering ist. Nach diesen Angaben  liegt sie seit Veröffentlichung der App bei durchschnittlich unter 2 am Tag. Die App hätte also auch im technisch besten Fall nicht sehr viele unbekannte Kontakte warnen können. An der Schlussfolgerung, dass die COVIDSafe-App keineswegs von so zentraler Bedeutung ist, wie Premierminister Scott Morrison angekündigt hatte, ändert das aber nichts.