Offizielle Autobahn-App Die Nicht-Navigations-App des Bundes

Die Autobahn GmbH des Bundes hat eine neue App vorgestellt. Sie soll die Digitalisierung des Verkehrswesens verkörpern. Das schafft sie eindrucksvoll. Und das ist kein Kompliment.
»Nicht nach Navi fahren!«, warnt ein Verkehrsschild. Wer die neue Autobahn-App um Rat fragen will, müsste rechts ranfahren

»Nicht nach Navi fahren!«, warnt ein Verkehrsschild. Wer die neue Autobahn-App um Rat fragen will, müsste rechts ranfahren

Foto: Nicolas Armer/ dpa

Als einen »Meilenstein« hat die staatliche Autobahngesellschaft ihre Autobahn-App am Dienstag vorgestellt. »Mit der neuen App werden wir der Vision einer nutzerfreundlichen, digitalen Autobahn gerecht«, sagt Stephan Krenz, Vorsitzender der Geschäftsführung der Autobahn GmbH des Bundes. Die ersten Nutzerinnen und Nutzer, die die App ausprobiert haben, denken jedoch offenbar anders: Das Programm sei »absolut sinnbefreit«, eine »Verschwendung von Steuergeldern« und biete »keinen Mehrwert«, lauten die Kommentare  in Googles App-Store. Gesamtwertung: 2,4 von 5 Sternen.

Die Unzufriedenheit lässt sich einfach erklären: Während mittlerweile praktisch jedes Smartphone eine komfortable Karten-App mitsamt Navigationsfunktion vorinstalliert hat, kann die offizielle App der Autobahnbetreibergesellschaft nicht mal in dieser Basisdisziplin mithalten. Wie auf der Pressekonferenz in Köln betont wurde, handelt es sich bei der Neuentwicklung keineswegs um eine Navigations-App, sondern um eine Routen-App.

Das heißt: Man kann sich vor Fahrtantritt eine Liste der Baustellen und Staus auf einer Strecke anschauen. Wer aber hofft, auf der Strecke selbst von der App an Staus vorbeigeführt oder wenigstens mit aktuellen Informationen versorgt zu werden, wird enttäuscht. Dafür gibt es normale Navigations-Apps von Google, von Apple, von TomTom und anderen Unternehmen, denen die staatliche Gesellschaft natürlich keine Konkurrenz machen will. Diese Lektion hat der Staat nach dem Konflikt um die Wetter-Apps inzwischen gelernt.

Screenshot aus der neuen Autobahn-App: Ortsnamen sind selten, dazu werden die Autobahnkennungen verdeckt

Screenshot aus der neuen Autobahn-App: Ortsnamen sind selten, dazu werden die Autobahnkennungen verdeckt

Foto: DIE Autobahn

Dabei ist die App keine komplette Neuentwicklung. Die neue Gesellschaft des Bundes hatte eine bestehende App aus Nordrhein-Westfalen übernommen und sie an den Autobahnverkehr in ganz Deutschland angepasst. Notwendig geworden ist der Wechsel nach der Neuorganisation des Verkehrswesens durch Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU): Nach der Reform, für die mittlerweile 325 Millionen Euro veranschlagt werden, sind nicht mehr die Länder für den Betrieb von Bundesautobahnen und Bundesstraßen zuständig, sondern der Bund. Die neue App ist also eine Gelegenheit für die neue Autobahn GmbH des Bundes, sich bei den Bürgerinnen und Bürgern vorzustellen.

In die Zukunft kann die amtliche App nicht sehen

Doch welchem Zweck sie sonst dienen soll, bleibt fraglich. Ein Beispiel: Plant man heute Mittag eine Fahrt von Köln nach Trier, zeigt die neue App 13 Meldungen an. Einige davon sind Staus, einige davon sind Absperrungen auf Abfahrten, die ins Überschwemmungsgebiet führen. Doch wenn man auf den Button »In Navigation öffnen« klickt, zeigt Google Maps mitunter eine ganz andere Route an, die die Google-Algorithmen als vorteilhafter erachtet haben. Welche davon besser sein mag, kann man nur raten.

In die Zukunft kann die amtliche App auch nicht sehen. Wer auf der Strecke sehen will, wie sich die Staulage geändert hat, muss wohl oder übel an einem Autobahnparkplatz anhalten. Denn für die Benutzung am Steuer ist die App mangels Sprachsteuerung oder einer klickarmen Oberfläche nicht geeignet.

Livestream von der Autobahn: Diese Funktion fehlt tatsächlich in den meisten Navigations-Apps

Livestream von der Autobahn: Diese Funktion fehlt tatsächlich in den meisten Navigations-Apps

Foto: DIE Autobahn

Wer die Kartenansicht der Routen-App ansieht, benötigt zudem gute Ortskenntnis. In der Übersicht werden sehr wenige Städte und keine Straßennamen angezeigt. Zoomt man näher ran, werden die Autobahn-Kennungen zwar sichtbar – dummerweise werden sie aber von der eingezeichneten Route verdeckt. Auch eine Legende fehlt: Die orangen und roten Abschnitte der Strecke sind sicherlich Staus und zäh fließender Verkehr. Aber was ist mit schwarzen Abschnitten? Etwa eine Ölspur? Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, eine Legende fehlt.

Wenn die App also für Gelegenheitsanwender wenig Nutzen bringt, wie steht es um die Berufskraftfahrer? Auch hier gibt es bisher wenige brauchbare Informationen. Zwar werden Autobahnparkplätze mit genauer Anzahl von Stellplätzen, Toiletten und sogar eventuell vorhandenen Picknickplätzen aufgeführt. Das bringt den Lkw-Fahrern aber wenig, da die Parkplätze entlang der Autobahn üblicherweise über Kapazität belegt sind.

Alles in allem ist die neue App keine nützliche Neuentwicklung, aber immerhin eine gelungene Darstellung des Stands der Digitalisierung des Straßenverkehrs. Wer sich auf amtliche Quellen verlässt, kann sich zwar viele Informationen zusammensuchen. Bis man dann aber zu einem Ergebnis gekommen ist, hat sich der Stau vielleicht schon aufgelöst oder der nächste gebildet.