Bee Network Dubiose Digitalwährungs-App erobert die Charts

Die Handy-App Bee Network, die sich als Spiel inszeniert, hat angeblich bereits sieben Millionen Nutzer. Doch trotz vieler positiver Bewertungen sollte man lieber die Finger davon lassen.
Gratisspiel-Charts in Apple App Store: Bee Network steht derzeit an der Spitze

Gratisspiel-Charts in Apple App Store: Bee Network steht derzeit an der Spitze

Foto: Apple

»Among Us«, »Mario Kart Tour«, »Pokémon Go«: Solchen Games begegnet man üblicherweise in Apples Charts der gefragtesten Gratis-Mobilspiele. Gerade jedoch steht eine ungewöhnliche Software an der Spitze der Hitliste. Von Platz eins grüßt die App Bee Network , laut App Store ein »telefonbasiertes Asset«, eine Anlagemöglichkeit auf dem Smartphone also.

»Völlig kostenlos, keine Batterie- und Datenentladung«, verspricht die App-Beschreibung, Bee sei eine »neue digitale Währung«. Jeden Tag brauche es nur einen Klick, schon verdiene man die sogenannten Bees, heißt es, per »Auto-Mining«. Als »Mining« oder »Schürfen« werden gemeinhin die Prozesse zum Erzeugen von Digitalwährung bezeichnet.

In vielen positiven Nutzerkommentaren wird Bee Network im App Store teils mit Bitcoin verglichen, auch von einer »Gamerwährung« ist die Rede. Ähnlich ist das Bild in Googles Play Store, wo die App in den Top Ten der »Top-Spiele« und in der Unterkategorie »Lernspiele« ganz vorn rangiert: Auch hier scheinen viele Rezensenten erstaunlich optimistisch, dass Bee das nächste große Ding werden könnte.

Es gibt viele Gründe für Skepsis

Aber ist dieser Begeisterung zu trauen? Und sollte man sich Bee wirklich aufs Smartphone laden?

Einiges spricht dafür, dass die Antwort auf beide Fragen nein lautet.

Es beginnt damit, dass die Macher der App wohl gern im Verborgenen agieren:

  • Auf der Website zur App  wird kein einziger Name eines Verantwortlichen genannt. Selbst welche Firma hinter dem Projekt steht, erfährt man nicht. Bee Network nennt als Kontaktmöglichkeit eine E-Mail-Adresse, auf eine SPIEGEL-Anfrage kam darüber bislang jedoch keine Rückmeldung. Die Nutzungsbedingungen der App klingen derweil, als stamme das Projekt aus Hongkong.

  • Überhaupt scheint Bee Network wenig am Austausch mit Nutzern interessiert. Eine offizielle Telegram-Gruppe hat 47.000 Mitglieder, darin schreiben dürfen die Nutzer aber nicht. Auch auf Plattformen wie Twitter und Instagram postet Bee Network lieber Erfolgsmeldungen, als auf Nutzerfragen einzugehen.

  • In einem »Whitepaper«, das diesen Namen mangels technischer Details nicht verdient hat, heißt es vage, die Anfangsentwicklung von Bee Network werde »hauptsächlich von anonymen Sponsoren finanziert«.

  • In seiner Privatsphäre-Erklärung räumt sich Bee Network derweil das Recht ein, persönliche Daten »mit Drittparteien« zu teilen, ohne aufzuklären, um welche Firmen genau es geht.

Wer Bee Network nutzen will, braucht üblicherweise eine Einladung. Mit ihr gibt es auf iOS drei Wege, sich anzumelden: Man kann sich über Facebook oder seine Apple-ID einloggen oder man nutzt dafür seine Telefonnummer. Später, so skizziert es Bee Network auf seiner Website, könnten im Rahmen von Identitätsprüfungen noch weitere Daten abgefragt werden.

In der App angekommen, landet man auf einer »Saldo« genannten Übersichtseite. Dort steht wie viele Bees, also Einheiten der Währung, man jetzt angeblich besitzt. Dazu gibt es einen grünen Button mit einer Biene, auf den man alle 24 Stunden drücken soll, damit einem weitere Bees zufliegen.

Startscreen der iOS-App: Die Rede ist von einem »Verdienst«

Startscreen der iOS-App: Die Rede ist von einem »Verdienst«

Foto: Bee Network

Nutzer sollen weitere Nutzer anlocken

Das war's dann auch schon, fast. Mehr als mit einem Spiel hat das Ganze nämlich mit Netzwerk-Marketing zu tun. Bee Network will, dass die App-Nutzer weitere Nutzer anlocken. Dem oder der Einladenden wird mehr Ertrag beim automatischen Schürfen in Aussicht gestellt, wer eingeladen wird, bekommt für seine Anmeldung einen Bee geschenkt. Am liebsten würde Bee Network fürs Einladen auch gleich auf das iPhone-Adressbuch zugreifen, diesen Zugriff sollte man der App lieber nicht erlauben. Unter Android interessiert sich die App Googles Berechtigungs-Übersicht zufolge  ebenfalls für die Kontakte des Nutzers, ebenso für seinen Standort und seinen Speicher.

Der Ansatz, dass Nutzer, die andere anwerben, selbst mehr Bees bekommen, erklärt die vielen positiven Rezensionen im App Store und im Play Store, ebenso zahlreiche Erwähnungen der App in sozialen Netzwerken. Nutzer schwafeln, wie toll Bee Network ist, nennen am Ende ihrer Beiträge aber stets auch ihren Einladungscode. Im »Whitepaper« von Bee Network heißt es explizit: »Der Schlüssel zum Verdienen von mehr Bees liegt also im Schürfen und Werben von neuen Mitgliedern.«

Darauf, dass Bees in absehbarer Zeit außerhalb der App selbst irgendeinen Wert haben werden, deutet wenig hin. Auf seiner Website behauptet Bee Network zwar, Nutzer würden für die »aktive Teilnahme an dem Spiel« belohnt, »und das bringt Dir ein Einkommen im realen Leben«. Die selbsternannte Digitalwährung ist jedoch auf keiner Kryptowährungs-Börse gelistet. Und wenn Bee Network auf seiner Website Firmen wie Rakuten und Coinbase erwähnt, ist das reines Namedropping.

In einem FAQ auf der Website heißt es, nach jetziger Planung werde Bee im dritten Quartal 2022 an Kryptowährungs-Börsen handelbar sein. Ob es dann aber wirklich zu diesem Schritt komme, hänge »von der Spielerzunahme und der Gemeinschaftsdynamik ab«. Es ist also sehr gut möglich, dass Nutzer der App einfach nur ihre Zeit verschwenden und Daten wie ihre Telefonnummer ohne Nutzen in die Hände eines unbekannten Anbieters geben.

Das sagt Apple zu der App

Der SPIEGEL hat am Mittwoch bei Apple nachgefragt, warum das Unternehmen Bee Network als Spiel im App Store listet. Das Unternehmen teilte daraufhin mit, bei möglichen Verstößen gegen die Store-Richtlinien spreche es zunächst mit den Entwicklern, um Probleme zu identifizieren und zu beheben. »In diesem Fall der betroffenen App ist Apple bereits in Kontakt mit den Entwicklern und es sieht so aus, dass kein Mining auf dem Gerät stattfindet.« Mining auf dem iPhone, also das Errechnen von Digitalwährung mithilfe des Geräts, wäre ein Verstoß gegen Apples Richtlinien zum Thema Kryptowährungen .

Bee Network hat viele gute Bewertungen, denen aber man lieber nicht trauen sollte

Bee Network hat viele gute Bewertungen, denen aber man lieber nicht trauen sollte

Foto: Apple

In Apples Regeln heißt es aber auch: »Kryptowährungs-Apps dürfen keine Währung für das Erfüllen von Aufgaben anbieten, zum Beispiel das Herunterladen anderer Apps, das Ermutigen anderer Benutzer zum Herunterladen, das Posten in sozialen Netzwerken und so weiter.« Inszeniert sich Bee Network vielleicht auch deshalb als Spiel, um mit seinen Einladungscodes nicht gegen jene Regel für Kryptowährungs-Apps zu verstoßen?

Ist es nun »ein Schwindel«?

Bee Network selbst behauptet, bereits sieben Millionen Nutzer an Bord zu haben. Einer Übersicht innerhalb der App zufolge stammen über eine Million davon aus Großbritannien. Aus Deutschland sollen derzeit 228.000 Nutzer registriert sein.

Bemerkenswert ist noch, dass die App im FAQ auf ihrer Website selbst die Frage aufwirft, ob Bee Network »ein Schwindel« sei – ein Ansatz, den seriöse Anbieter wohl kaum nötig hätten. Die Antwort auf jene Frage betont vor allem, dass Bee Network für viel Geld die Domain Bee.com erworben habe, keine direkten Zahlungen von Spielern akzeptiere und dass man binnen weniger Wochen schon zahlreiche Nutzer gewonnen habe. Das sind wenig überzeugende Argumente.

Außerdem gibt Bee Network zu Protokoll, dass die Blockchain-Theorie gut belegt sei und verweist dazu auf das »Whitepaper«. Darin steht aber nichts davon, dass bei Bee Network derzeit überhaupt Blockchain-Technologie zum Einsatz kommt. Bee Network scheint also vor allem eines gut zu können: Nutzer blenden, die von einem zweiten Bitcoin träumen, und sie zu ihren Marketing-Gehilfen machen. Von so einer App sollte man lieber die Finger lassen.

Update, Freitag 18.20 Uhr: Mittlerweile hat auch Google auf eine SPIEGEL-Anfrage zur App geantwortet. Ein Sprecher des Unternehmens teilt mit, man habe die App überprüft und »keinen Verstoß gegen unsere Play-Richtlinien feststellen können«.