Wahlkampf mit gekauften WhatsApp-Nachrichten Die brasilianische Lügenfabrik

Kurz vor der Stichwahl erschüttert ein Fake-News-Skandal Brasilien: Anhänger des Rechtspopulisten Jair Bolsonaro sollen WhatsApp-Gruppen mit Falschnachrichten geflutet haben - doch der Kandidat hetzt einfach weiter.
Proteste gegen Jair Bolsonaro in São Paulo

Proteste gegen Jair Bolsonaro in São Paulo

Foto: NACHO DOCE/ REUTERS

Eine Woche vor der Stichwahl in Brasilien sind am Sonntag Anhänger des rechtspopulistischen Präsidentschaftskandidaten Jair Bolsonaro in fast 60 Städten auf die Straße gegangen. In São Paulo ließ Bolsonaro sich per Livestream auf großen Bildschirmen zuschalten.

Im Trump-Stil hetzte er gegen seinen Rivalen von der linksgerichteten Arbeiterpartei, kündigte an, "die roten Banditen von der Karte zu fegen", und wetterte auch gegen die "Folha de São Paulo". Die Zeitung sei "die größte Fake News von Brasilien", so Bolsonaro.

Zuvor hatte die Tageszeitung einen Skandal um Hunderttausende gekaufte Falschnachrichten auf WhatsApp im Wahlkampf aufgedeckt. Unternehmer, die Bolsonaro unterstützen, sollen Digitalmarketing-Agenturen damit beauftragt haben, massenhaft Fake News in WhatsApp-Gruppen zu verbreiten.

Das Ziel: Mit einer großen Onlinekampagne kurz vor der entscheidenden Abstimmung am 28. Oktober Stimmung machen gegen die Arbeiterpartei PT und deren Präsidentschaftskandidaten Fernando Haddad. Die Verträge mit den Firmen belaufen sich dem Bericht der "Folha de São Paulo" zufolge auf jeweils 12 Millionen Reais, umgerechnet 2,8 Millionen Euro.

Jair Bolsonaro

Jair Bolsonaro

Foto: ADRIANO MACHADO/ REUTERS

Bolsonaro-Gegner sieht "Lügenfabrik" am Werk

Der Vorwurf ist brisant, weil die Finanzierung von Wahlkampfwerbung durch Firmen in Brasilien verboten ist. Bolsonaros Konkurrent Fernando Haddad sprach nach der Veröffentlichung von "einer Lügenfabrik" und forderte eine Aufklärung des "Lügen-Tsunamis".

"Mein Gegner setzt auf Wahlbetrug, um sich einen Vorteil zu verschaffen", so Haddad. Ihm würden Informationen vorliegen, dass 156 Unternehmer an der massenhaften Verbreitung der WhatsApp-Nachrichten beteiligt seien.

Bolsonaro weist die Verantwortung für die WhatsApp-Kampagnen von sich - er habe sie nicht in Auftrag gegeben. "Wir brauchen so etwas auch gar nicht zu machen, weil die PT in ihrer Form ausreicht, um gegen sie als Sieger hervorzugehen", verteidigt er sich in einem YouTube-Interview mit dem Titel: "Gegen Fake News: die Wahrheit".

Kritik an WhatsApp

WhatsApp sperrte mit Verzögerung Profile, die mit den vier Digitalagenturen verknüpft waren, die für den Massenversand verantwortlich gemacht wurden. Außerdem schickte die Facebook-Tochter den Dienstleistern Abmahnungen, damit sie die Kampagnen umgehend einstellen.

Trotzdem gibt es jetzt massive Kritik an dem Dienst. Die oberste Wahlbehörde hat eine Ermittlung wegen möglicher Wahlmanipulation eingeleitet. Auch die Bundespolizei untersucht, inwieweit durch Digitalagenturen massenhafte WhatsApp-Nachrichten mit Bezug zu den beiden Präsidentschaftskandidaten versandt wurden.

Bolsonaros Konkurrent Fernando Haddad

Bolsonaros Konkurrent Fernando Haddad

Foto: imago/ ZUMA Press

Sowohl Linke als auch Rechte kämpfen im brasilianischen Wahlkampf mit schmutzigen Tricks - und WhatsApp ist zur wichtigsten Onlinefront im Wahlkampf geworden. 120 Millionen Brasilianer nutzen den Messenger-Dienst, Brasilien ist für WhatsApp weltweit einer der größten Märkte. In diesem Wahlkampf wurden so viele Falschnachrichten verbreitet wie nie zuvor: Soziale Netzwerke werden täglich mit Gerüchten, manipulierten Videos, Audios und Fotos geflutet.

Es zirkuliert beispielsweise ein Foto von einer brutal zusammengeschlagenen Frau - angeblich waren Anhänger der Arbeiterpartei die Angreifer. Das Foto stammt jedoch von einer verstorbenen Schauspielerin.

Nach der Messerattacke auf Bolsonaro im Wahlkampf zirkulierten Gerüchte, dass der Angriff nur inszeniert gewesen sei. Linke Anhänger teilten Fotos eines lächelnden Kandiaten zum Beweis - doch sie stammten aus der Zeit vor der Attacke.

Dass manipulierte Nachrichten ein Problem für die Wahlen sein könnten, haben Medienkonzerne schon länger befürchtet. Deswegen haben sich 24 brasilianische Medien in der Initiative "Comprova" zusammengeschlossen, um Fake News zu identifizieren.

WhatsApp in Brasilien: Fake News verbreiten sich rasend schnell

WhatsApp in Brasilien: Fake News verbreiten sich rasend schnell

Foto: imago/ Fotoarena

Dennoch verbreiten sich Falschnachrichten im Wahlkampf schnell. Der scheinbar persönliche Ton und private Kontext bei WhatsApp machen Nutzer besonders anfällig, zu glauben, dass Nachrichten authentisch seien. "WhatsApp ist das größte Problem bei diesen Wahlen", so Cristina Tardáguila, Gründerin der Factchecking-Agentur Agência Lupa. Kritiker wie Tardáguila fordern, dass WhatsApp noch vor der Stichwahl in Brasilien die Größe von Gruppen und die Zahl möglicher Weiterleitungen beschränkt.

Einen Tag nach dem Skandal um die gekauften Massen-Fake-News hat Brasiliens Wahlbehörde TSE 100.000 WhatsApp-Profile sperren lassen, die Falschnachrichten, Fehlinformationen und sonstigen Spam verschickten. Dabei wurde auch kurzzeitig das Konto von Flavio Bolsonaro gesperrt, Sohn des Präsidentschaftskandidaten und selbst Politiker. "Die Verfolgung kennt keine Grenzen", regte er sich auf Twitter auf.

Auch Jair Bolsonaro selbst stilisiert sich zum Opfer einer Verschwörung der Medien und der Linken. Der Skandal hat ihm nicht geschadet:

  • In den sozialen Netzwerken feierten Bolsonaro-Fans ihn mit Sätzen wie "Ich bin einer der Helfer und brauche kein Geld dafür" oder "Ich mache kostenlos Marketing" noch vehementer als zuvor.
  • Einer der Unternehmer, die den Massenversand von WhatsApp-Nachrichten finanziert haben sollen, rief zum Gegenangriff auf Journalisten auf. Die Handynummer eines Journalisten veröffentlichte er dazu gleich auf Twitter.

Wie bei den US-Wahlen könnte auch in Brasilien ein Außenseiter mit Populismus und fragwürdigen Kampagnen in sozialen Netzwerken zum Präsidenten werden. Bolsonaro lag bei der letzten Befragung des Meinungsforschungsinstituts Datafolha zur Wahlabsicht mit 59 Prozent vorne. Seinen Rivalen Haddad wollten bisher nur 41 Prozent der Befragten wählen.

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Anhänger der Linken vermuten, dass der ehemalige Trump-Berater Steve Bannon hinter der Kampagne von Jair Bolsonaro steckt, auch weil sich sein Sohn Eduardo Bolsonaro noch vor der heißen Wahlkampfphase mit Steve Bannon getroffen hat.

Er habe mit Bannon nichts zu tun, dementierte der Präsidentschaftskandidat: "Alles Fake News."

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