Über Jahre hatten es Umweltschützer in China schwer, sich gegen wirtschaftliche Interessen durchzusetzen. Jetzt soll eine App Betroffenen helfen, sich bei starker Luftverschmutzung gegen die Schuldigen zu wehren. Die nötigen Daten liefert die Regierung.
Umweltdaten in Echtzeit: Ein Journalist probiert die neue App aus
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Eine Smartphone-App soll Chinesen helfen, Umweltsünder zu identifizieren. Wie die Nachrichtenagentur AP berichtet, haben chinesische Umweltschützer das Smartphone-Programm am Montag in Peking vorgestellt. Die App soll Anwendern stündlich aktualisierte Emmissionsdaten auf einer Karte anzeigen. Die Firmen sind verpflichtet, entsprechende Daten an die lokalen Behörden zu melden. Außerdem zeigt die App Luftverschmutzungsdaten an, die von Messstationen in vielen Landesteilen aufgezeichnet werden.
Die Veröffentlichung der neuen App zeigt an, wie sich die Haltung der Regierung in Peking gegenüber Umweltverschmutzung gewandelt hat. Bis vor Kurzem wurden Messdaten zur Luftqualität unter Verschluss gehalten. Dem wirtschaftlichen Aufschwung hatte sich alles unterzuordnen, auch die Umwelt.
Mittlerweile aber sind rund 15.000 Fabriken im Land verpflichtet, Angaben zu ihrem Schadstoffausstoß an das Umweltministerium zu melden. Seit Jahresbeginn müssen diese Daten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Zwar gibt es noch kein gemeinsames Portal zur Abfrage dieser Daten, doch von den Webseiten einiger Provinzregierungen sind sie problemlos abrufbar.
Dreckschleudern in sozialen Netzwerken melden
Bereits seit einigen Jahren bieten verschiedene Software-Entwickler Apps an, die einen Überblick über die Luftverschmutzung vor allem in den Großstädten geben. Sie stützen sich meist auf Angaben, die von der US-Botschaft und dem Umweltministerium veröffentlicht werden. Die neue App jedoch greift offenbar zum ersten Mal direkt die Daten der Großverschmutzer auf.
Umweltaktivisten sehen das als eine Möglichkeit an, mehr öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema zu erzeugen. Vor allem aber soll die öffentliche Überwachung der Emmissionsdaten helfen, lokale Behörden dazu zu bringen, Umweltsünder in die Schranken zu weisen. Wohl auch deshalb lassen sich Angaben über Luftverschmutzung von der App aus direkt in diversen sozialen Netzwerken verbreiten.
Keine Chance für Schummler
Die App würde es jedermann ermöglichen, die ansonsten schwer interpretierbaren Umweltdaten zu nutzen, so Gu Beibei vom chinesischen Institute of Public & Environmental Affairs (IPE). Sie könne für die Menschen "ein wertvolles Werkzeug werden, um ihre Bedenken zu äußern", wenn es um den Betrieb umweltschädlicher Fabriken gehe. Wang Yan vom Natural Resources Defense Council wies zudem darauf hin, dass die die Veröffentlichung der Daten auch eine Plausibilitätsprüfung der gemeldeten Werte ermögliche.
Bisher werden von der App Luftdaten von 190 chinesischen Städten ausgewertet. Während der Presseveranstaltung zur Einführung des Smartphone-Programms hieß es, am Montag hätte man damit 370 Großunternehmen im Land identifizieren können, die einen übermäßigen Schadstoffausstoß gemeldet hatten.