Chinas Überwachung der Uiguren Ein Volk wird gehackt

China überwacht die muslimische Minderheit der Uiguren mit iPhone-Implantaten, Gesichtserkennung und Spionage-Apps. Und zeigt, wie moderne Technologie die digitale Totalkontrolle ermöglicht - selbst außerhalb des Landes.
Provinz Xinjiang: Jeder Schritt der Bewohner wird überwacht. Wer keine entsprechende App aufs Handy lädt, dem droht Haft

Provinz Xinjiang: Jeder Schritt der Bewohner wird überwacht. Wer keine entsprechende App aufs Handy lädt, dem droht Haft

Foto: Ng Han Guan / AP

Die engmaschige Überwachung, mit der die chinesische Regierung die muslimische Minderheit der Uiguren kontrolliert, basiert offenbar auch auf elaborierten Hacks.

Google zufolge wurden - möglicherweise Tausende - iPhones wöchentlich mit einer mächtigen Überwachungssoftware infiziert, sobald die Geräte fünf bestimmte, gehackte Webseiten aufriefen.

Die Software blieb zwar nur bis zum nächsten Neustart auf einem betroffenen Gerät, war so lange aber unter anderem in der Lage, Chats aus diversen Messenger-Apps auszulesen, Dateien wie Bilder und E-Mails an den Server der Angreifer zu senden sowie Passwörter abzugreifen und Standorte zu übertragen. Laut "Forbes" wurden aber nicht nur iPhone-, sondern auch Android- und Windows-Nutzer über dieselben Webseiten infiziert.

Die mindestens über zwei Jahre betriebene Spionage-Aktion, die unbekannte Sicherheitslücken (Exploits) ausnutzt, soll sich gegen die uigurische Minderheit in China richten, wie "TechCrunch"  und "Forbes"  unter Berufung auf "Personen, die mit der Materie vertraut sind", berichten. Verantwortlich für die Überwachungskampagne ist demzufolge "wahrscheinlich" die chinesische Regierung.

Zwang zur Spionage-App

Die mehrheitlich von Uiguren bewohnte autonome Provinz Xinjiang hat sich zum beispiellosen Überwachungslabor  entwickelt. Doch mittels moderner Technologie erstreckt sich Chinas Kontrolle weit über die Landesgrenzen hinaus - und demonstriert, wie der Überwachungsstaat des 21. Jahrhunderts funktioniert.

Den Vereinten Nationen zufolge soll China in Xinjiang rund eine Million Menschen in sogenannten Umerziehungslagern festhalten - doch auch wer nicht inhaftiert ist, wird jederzeit überwacht. "Kontrollpunkte bilden ein Netzwerk von virtuellen Zäunen, die die Bewegung einschränken", so die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch . "Willkürliche Verhaftungen für Verhaltensweisen, die nicht gegen chinesisches Recht verstoßen, wie zum Beispiel der Kauf einer neuen SIM-Karte oder das Wachsenlassen eines Bartes, sind an der Tagesordnung."

Die Bewohner von Xinjiang sind verpflichtet, sich eine Spionage-App auf ihre Handys zu laden - sonst droht Haft. Per WeChat erhielten Bürger 2017 erstmals die Anweisung , einen QR-Code zu scannen, um sich die Jinwang-App herunterzuladen, die das Handy automatisch sannt und untersucht, ob sich als terroristisch oder religiös klassifizierte Videos, Bilder, E-Books und andere Dokumente darauf befinden. Die Handybesitzer werden dann aufgefordert, diese zu löschen. Auch Chatverläufe von Weibo und WeChat, IMEI-Nummer, SIM-Karten-Informationen und Daten zur Internetnutzung werden von der App erfasst und an die Behörden weitergeleitet.

In einem zentralen Überwachungssystem fließen alle möglichen Online- und Offlinedaten zusammen. Über eine Überwachungs-App, die Human Rights Watch analysiert hat, können Polizisten auf alle Daten zugreifen, die zu einer Person vorliegen: "Sie sammelt Daten - von der Blutgruppe und Körpergröße der Menschen über den Stromverbrauch bis hin zu den Paketzustellungen - und warnt die Behörden, wenn sie jemanden oder etwas für verdächtig hält", heißt es bei Human Rights Watch. Erhalten sie einen Alarm zu einer Person, forschen die lokalen Beamten weiter - und prüfen etwa, ob die Zielperson eine der rund 50 verdächtigen digitalen Tools  wie VPN-Software, WhatsApp, Viber oder Telegram nutzt.

"Muslim-Tracker"

Ein Datenleck bei der chinesischen Firma SenseNets, das der niederländische Sicherheitsforscher Victor Gevers im Februar publik machte, offenbarte auch, in welchem Umfang China Uiguren auf Schritt und Tritt mit Gesichtserkennung überwacht. Gesichtserkennungssoftware wird dafür eingesetzt, Uiguren automatisiert von Han-Chinesen zu unterscheiden - und verfolgt ihre Bewegung über mehrere Standorte im Zeitverlauf hinweg, sodass sich der Tagesablauf, aber auch Kontakte nachvollziehen lassen.

In einer online zugänglichen Datenbank entdeckte Gevers mehr als 2,5 Millionen Datensätze mit Informationen wie ID-Nummern, Ausstellungs- und Ablaufdatum, Geschlecht, Nation, Adresse, Geburtstag, Lichtbild, Arbeitgeber sowie GPS-Koordinaten, die enthüllten, welche Orte mit Überwachungskameras die Zielpersonen in den letzten 24 Stunden passiert hatten. "Diese unsichere Gesichtserkennungslösung wird nur für ein Ziel entwickelt und betrieben", beschrieb Gevers seine Entdeckung auf Twitter . "Es ist ein 'Muslim-Tracker', der von chinesischen Behörden in der Provinz Xinjiang finanziert wird, um die uigurischen Muslime im Auge zu behalten."

Die Polizei erstellt umfangreiche biometrische Profile von Uiguren, nicht nur per Gesichtserkennung, sondern auch durch DNA- und Blutproben sowie die Aufnahme von Stimmprofilen. Im August 2017 machte Human Rights Watch auf den Aufbau einer Nationalen Datenbank mit Stimmprofilen aufmerksam. Dokumente, die die Menschenrechtsorganisation analysiert hatte, offenbarten, dass die chinesische IT-Firma iFlytek unter anderem die Polizei in Xinjiang mit Systemen zum Sammeln von Stimmabdrücken beliefert hatte. Technologie von iFlytek kann zudem die Stimmen von Verdächtigen aus Telefongesprächen herausfiltern oder in Konversationen nach Schlüsselwörtern suchen.

Überwachung bis ins Ausland

Auch Touristen werden von der Überwachungsmaschinerie erfasst. Personen, die über die Grenzen zwischen Zentralasien und dem chinesischen Westen einreisen wollten, bekommen der "Süddeutschen Zeitung"  zufolge Spionage-Apps auf ihre Smartphones aufgespielt, die Daten wie Kalendereinträge, Anruflisten, Kontakte, SMS, Profilbilder und Log-in-Daten chinesischer Social-Media-Konten auslesen. Wie bei der Spionage-App für Uiguren wird das jeweilige Gerät auch auf illegale Dateien gescannt.

Über die Uiguren, die im Westen leben, sammelt China Daten über Familienangehörige ein - die noch in Xinjiang lebenden Uiguren werden gezwungen, ihre Verwandten beim WeChat-Gespräch gezielt nach Angaben wie ID, Adressen und Kfz-Kennzeichen  zu fragen. Teils brechen Uiguren aber auch den Kontakt zu Auswanderern ab, weil sie sich vor Konsequenzen fürchten: "Die meisten Uiguren in der Türkei wurden von ihren Familien in Social Media gelöscht", heißt es in einem "Wired"-Bericht  über Uiguren im türkischen Exil. "Und viele würden es nicht wagen, Kontakt aufzunehmen, aus Angst, dass chinesische Behörden ihre Angehörigen bestrafen würden."

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