Social-Media-Hype Clubhouse Eliten unter sich

Neuerdings spricht die ganze Welt von Clubhouse – oder zumindest eine Blase, die sich für die Welt hält. Was verpasst man, wenn man draußen bleiben muss?
Einfach nur reden: Social-Networking-App Clubhouse

Einfach nur reden: Social-Networking-App Clubhouse

Foto: Florian Gaertner/photothek.de / imago images/photothek

Ohne Himbeersahnetorte wäre es vermutlich nie so weit gekommen. Mit bürgerlichem Namen heißt sie Ann-Katrin Schmitz, die Hamburgerin ist Influencerin und Expertin für soziale Medien. Am vergangenen Samstag veröffentlichte die 30-Jährige auf Instagram ein Video, in dem sie von der »heißesten, neuesten Social-Media-App 2021« schwärmte: Clubhouse.

Weil Schmitz 118.000 Menschen folgen, darunter Werber, Medienleute und Prominente wie TV-Unterhalter Joko Winterscheidt, sprach sich die Empfehlung schnell herum, zumindest innerhalb der Blase. Ähnlich rasch wuchs die Zahl der Clubhouse-Nutzer, denn zu den weitverbreiteten Ängsten gehört selbst in Pandemiezeiten jene, etwas zu verpassen.

Clubhouse ist eine Ansammlung von virtuellen Tagungsräumen. In jedem werden Podiumsdiskussionen abgehalten, manche mit ein paar Dutzend, andere mit einigen Tausend Zuhörern. Das Licht geht im Clubhouse nie aus, irgendwo wird immer geredet. Besonders wird die App durch das, was ihr fehlt: Man hört die Diskutanten, sieht sie aber nicht, sondern nur ihr Profilbild. Eine Kamera, die man ausschalten müsste, um unbeobachtet zu bleiben, gibt es erst gar nicht. Das kommt den Gewohnheiten im Homeoffice entgegen, wo mancher seinen Büroalltag schon mal im Schlafanzug bestreitet. Schmitz sagt, der erneute Lockdown sei »sicherlich der Beschleuniger dafür gewesen«, dass die App aus den USA nun auch in Deutschland ihren Durchbruch gehabt habe. 

»Ich bin Kevin, und das hier ist mein dritter Talk heute« 

Was viele Menschen derzeit schmerzlich vermissen, sind Besuche im Restaurant oder Kino. Einigen geht offenbar auch die Teilnahme an Tagungen ab, an Digitalkonferenzen wie der re:publica in Berlin, die 2020 nur online stattfand, oder das OMR Festival in Hamburg, das komplett ausfiel. Begierig nach Austausch und Selbstdarstellung haben sie auf der App eine neue Heimat gefunden. Und neue Zuhörer. Bislang sind vorwiegend Bewohner der Medien- und Marketingblase ins Clubhouse eingezogen. Dazu Politikberater und politisches Spitzenpersonal. Ein Großteil der Hausbewohner lebt offenbar in Berlin-Mitte, jedenfalls geistig. Manche Runden wirken wie eine Hipster-Ausgabe von »Maybrit Illner«.

Ein Gang durchs Clubhouse am Montagabend: Da diskutierte SPD-Chefin Saskia Esken über Frauenförderung. Eine Gruppe besprach, ob der digitale CDU-Parteitag zum Vorbild tauge. Ein »Bild«-Mitarbeiter debattierte mit einem FDP-Abgeordneten über Menschenrechte in China. Galerist Johann König gab Tipps zum Kunstkauf. Ein Sommelier beantwortete Fragen zu Naturweinen und Verkostungen. Nachwuchs-Entrepreneure tauschten sich übers Gründen aus, Hobbysportler über ihr Marathontraining während des Lockdowns. Manche Veranstaltung atmete den Geist des klassischen Salons, einige Wortmeldungen klangen eher nach Stuhlkreis: »Ich bin Kevin, und das hier ist mein dritter Talk heute.« 

Um dem Clubhouse einen exklusiven Anstrich zu geben, bekommt Einlass nur, wer von einem Mitglied eingeladen wurde. Wer drin ist, kann zwei weitere Leute nachholen. In Corona-Sprache: Der R-Wert bei der Clubhouse-Ausbreitung liegt bei 2. Meist geschieht die Ansteckung innerhalb des eigenen Milieus, man bleibt unter sich. Dafür gibt es noch einen zweiten Grund: Clubhouse funktioniert bislang nur auf Apple-Geräten. »Ein Großteil der Bevölkerung verdient nicht genug, um sich Apple-Produkte leisten zu können«, sagt OMR-Gründer Philipp Westermeyer, einer der ersten Nutzer. »Normale Menschen erreicht Clubhouse deshalb kaum.« Und will es vermutlich auch nicht.

Clubhouse ist ein Sehnsuchtsort der Eliten. Hier sind sie unter sich, führen erstaunlich ruhige Gespräche, statt sich mit hasserfüllten Twitter-Nutzern und -Nutzerinnen herumschlagen zu müssen. In manchen Runden, die sich in diesen ersten Tagen oft um die App selbst drehen, ist der Geist der frühen Internetjahre zu spüren: eine gesellschaftliche Utopie, in der man über Grenzen hinweg gemeinsam ins Gespräch kommt.

Anders als soziale Netzwerke wie Gab oder Parler wurde Clubhouse nicht erfunden, um Rechtsextremen oder Verschwörungstheoretikern einen Raum zu schaffen, in dem sie wüten dürfen. Clubhouse richtet sich eher an diejenigen, die bereits anderswo eine große Plattform haben und nun nicht mehr Reichweite suchen, sondern mehr Intimität.

Viele Regeln, kaum kontrolliert

Das Unternehmen hinter der App heißt Alpha Exploration Co. und sitzt im US-Bundesstaat Utah, einer Hochburg der strenggläubigen Mormonen, in der die Sympathie für allzu freizügige Medien begrenzt ist. Paul Davison, Clubhouse-Mitgründer und Stanford-Absolvent, ist die Antithese zum Puritanismus. Er hat bereits »Shorts« erfunden, eine Foto-App, die ihre User aufforderte, ihre gesamte Fotomediathek öffentlich zu stellen, sichtbar für jeden. Ein Service, der mittlerweile nicht mehr existiert.

Clubhouse wendet den Gedanken auf Sprache statt auf Fotos an, ansonsten ist das Konzept ähnlich. Die App will unkuratiertes, spontanes Sprechen, live und roh. Man verlangt zwar keinen Zugriff auf die Fotos, dafür aber auf das Adressbuch auf dem Smartphone seiner Nutzer, wenn man weitere einladen möchte. Im Silicon Valley und bei großen Wagniskapitalgebern mit viel Sendebewusstsein kommt das gut an. Mittlerweile ist Clubhouse 100 Millionen Dollar wert.  

Wer dabei sein will, muss mindestens 18 Jahre alt sein und wird gebeten, seinen Realnamen zu verwenden. Beides soll den Diskurs verbessern, wird allerdings nicht kontrolliert, wie auch vieles andere. Das Verbreiten von Falschnachrichten ist ebenso verboten wie das Mitschneiden oder Transkribieren von Gesprächen, in der Praxis aber dürfte das nur schwer zu überprüfen sein. Und das in einer Zeit, in der Facebook und Twitter unter öffentlichem Druck dazu übergegangen sind, Falschinformationen als solche zu kennzeichnen.

Kritik an der künstlichen Verknappung

Stramme Rechte haben den Weg ins Clubhouse bislang offenbar noch nicht gefunden. Kein AfD-Spitzenmann, kein Attila Hildmann. Das dürfte allerdings weniger an der Moderation liegen als an der restriktiven Einladungspolitik. Solange nur Hauptstadteliten andere Hauptstadteliten auf die App locken, landet eher kein Link bei AfD-Rechtsaußen Björn Höcke

Dunja Hayali ist schon da. Die ZDF-Moderatorin hat ihre Karriere darauf aufgebaut, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die sich von den öffentlich-rechtlichen Medien vergessen fühlen. Sie diskutierte mit Pegida-Demonstranten, AfD-Fans und Journalisten der »Jungen Freiheit«, auf Twitter balgt sie sich regelmäßig mit Kritikern. Nun findet auch sie sich in Clubhouse-Diskussionen wieder, doch sie hadert mit der Blase. 

Die noch abgeschotteten Räume seien zwar angenehm, sagt Hayali, »da man sich dort ohne Störer wirklich inhaltlich austauschen kann«. Kritisch sieht sie hingegen die künstliche Verknappung, die den Großteil des Publikums aussperrt, sowie »die wachsende Anspruchshaltung, Inhalte und Speaker für umsonst zu bekommen«. Laut »New York Times« überlegt das Unternehmen in den USA bereits, seine wertvollsten Moderatoren zu bezahlen, damit sie der App treu bleiben. Spätestens dann ist wohl klar, dass es mit dem Hype erst mal vorbei ist.