Check-in direkt in der Warn-App Wie QR-Codes in England gegen die Pandemie helfen

Während hierzulande noch über die Luca-App diskutiert wird, ist in England ein Check-in beim Restaurantbesuch längst mit der offiziellen Corona-App möglich. Das dürfte auch die App selbst populärer gemacht haben.
Schlange vor einem britischen Restaurant im Februar 2021: Sobald die Gastronomie mehr als nur To-go anbietet, müssen QR-Codes ausgehängt werden

Schlange vor einem britischen Restaurant im Februar 2021: Sobald die Gastronomie mehr als nur To-go anbietet, müssen QR-Codes ausgehängt werden

Foto: Gareth Fuller / dpa

Gleichzeitig mit dem Start der aktuellen britischen Corona-Warn-App tauchten im vergangenen September im ganzen Land Poster mit QR-Codes auf. Die Pixelbilder wurden in Pubs, Restaurants, Museen, Bücherhallen, Hotels und bei Friseuren aufgehängt. Wer zum Beispiel eine der damals noch geöffneten Bars betrat, scannte mit der offiziellen britischen Warn-App den QR-Code am Eingang und hatte sich so über die Check-in-Funktion der App an dem Ort anonym registriert und wurde später gegebenenfalls über mögliche Risikokontakte gewarnt.

»Als ich kurz nach Einführung der App ein Restaurant besucht habe, haben viele Leute draußen in der Schlange die App heruntergeladen«, erinnert sich Lucie Abeler-Dörner. Sie erforscht am Big-Data-Institut der britischen Oxford-Universität, wie Tracing-Apps bei der Eindämmung der Corona-Pandemie helfen können. »Plötzlich waren überall die QR-Codes: in Restaurants, in Museen, auf dem Abenteuerspielplatz oder am Fußballplatz meines neunjährigen Sohnes«, erzählt Abeler-Dörner.

Dass die Check-in-Funktion von Beginn an in die staatliche britische Warn-App »NHS Covid-19« integriert wurde, ist ihrer Ansicht nach gleich aus mehreren Gründen epidemiologisch sinnvoll. Zunächst sei da eine wichtige »psychologische Funktion, weil Nutzerinnen und Nutzer mit der App aktiv etwas machen konnten.« Das habe enorm zur schnellen Verbreitung der App beigetragen. Dies wiederum hilft laut einer Untersuchung der Universität Oxford, an der Abeler-Dörner beteiligt war, Infektionen zu verhindern. Jedes zusätzliche Prozent an Nutzerinnen und Nutzern kann laut der Studie  die Anzahl an Corona-Infektionen um 0,8 Prozent bis 2,3 Prozent senken.

Tatsächlich stand die NHS-Covid-19-App, die in England und Wales benutzt werden kann, zwar im Vergleich zu anderen Tracing-Apps spät zum Download bereit, inzwischen wurde sie aber fast 22 Millionen Mal heruntergeladen. Auf die gesamte Bevölkerung gerechnet ist das eine höhere Download-Quote als in Deutschland.

Die Warnungen nach einem Check-in funktionieren sehr ähnlich wie beim sonstigen Contact-Tracing: Sollte später ein anderer Gast zum Beispiel in einem besuchten Restaurant positiv getestet werden und das Testergebnis mit der App teilen, so würden automatisch alle anderen Restaurantbesucher über die Risikobegegnung alarmiert.

In England und Wales wurden bis heute fast 800.000 Poster mit QR-Codes an Orten aufgehängt, und über die App wurden bisher 272 Warnungen über mögliche Risikokontakte nach Check-ins verschickt, wie das britische Gesundheitsministerium auf seiner Website mitteilt .

Datenmissbrauch wird erschwert

Lucie Abeler-Dörner sieht noch zwei weitere Vorteile in der Check-in-Funktion: »Erstens können so Cluster und Superspreading-Events leichter erkannt werden, zweitens bietet es Vorteile für den Datenschutz, wenn die Zettelwirtschaft minimiert wird.« Wie auch in Deutschland mussten Restaurantgäste in England zuvor meist Name und Kontaktdaten auf einem Zettel hinterlassen, was leicht zu Missbrauch hätte führen können, weil Daten wie die Telefonnummer oder E-Mail-Adresse von Dritten eingesehen wurden.

In Deutschland verzeichneten die Landesdatenschutzbeauftragten nach SPIEGEL-Informationen mehr als 730 Datenschutzbeschwerden allein in der Zeit, als die Gastronomie im Sommer und Herbst geöffnet war. Dabei geht es zum Beispiel um unerwünschte Flirtversuche auf WhatsApp. All das ist mit einem Check-in über den QR-Code nicht mehr möglich, weil dabei keine persönlichen Daten angegeben werden müssen.

»Für jeden einzelnen dieser Effekte lohnt es sich, eine Check-in-Funktion in die App zu integrieren«, fasst Abeler-Dörner die Vorteile der britischen Lösung zusammen. Das scheint auch das Bundesgesundheitsministerium erkannt zu haben und bestätigt, dass es eine Check-in-Funktion zum Beispiel für Gaststätten auch in der Corona-Warn-App geben soll.

Verfügbar sein soll diese nach einem Update, welches »zeitnah nach Ostern« kommt, teilte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums dem SPIEGEL mit. Technisch solle der Check-in so wie in der britischen App funktionieren und wie es schon heute beim regulären Tracing in der deutschen App der Fall sei, so der Sprecher.

Unterschied zur Luca-App

Die Integration der Check-in-Funktion hatte in Großbritannien übrigens nicht dazu geführt, dass ein Restaurantbesuch nur noch mit App möglich ist. Es besteht bis heute weiterhin die Möglichkeit, sich auch mit Stift und Papier in Gaststätten zu registrieren, allerdings sind Gastronomen und einige andere verpflichtet, QR-Codes anzubieten, wenn sie geöffnet haben. Weil die Lösung auch für Gastwirte verglichen mit Zetteln praktisch ist, ermutigten viele ihre Gäste, die App zu verwenden.

Die Check-in-Funktion, wie sie die britische und bald nun offenbar auch die deutsche App anbieten, unterscheidet sich von dem, was Registrierungs-Apps wie Luca bieten. So sendet die britische App nach einer möglichen Risikobegegnung keinerlei Kontaktdaten an die Gesundheitsämter, während Luca diese Daten dem Gesundheitsamt über eine Schnittstelle zur Verfügung stellen will. Die britische App teilt Nutzerinnen und Nutzern bei einem Risikokontakt auch nicht den Tag der Begegnung oder den Namen des Veranstaltungsorts mit.

Anders als Luca sammeln Tracing-Apps wie die britische oder die deutsche Warn-App keinerlei personenbezogene Daten und können diese dementsprechend auch nicht weitergeben. Auch wenn beide App-Modelle auf den ersten Blick ähnlich aussehen, so erfüllen sie doch grundlegend unterschiedliche Funktionen bei der Eindämmung der Pandemie. Während Tracing-Apps eher bei anonymen Risikobegegnungen an Orten wie der Straßenbahn oder in Geschäften warnen können, helfen Apps wie Luca bei der Kontaktverfolgung an Veranstaltungsorten und in Gaststätten.

Gedankenspiele, der Warn-App neben einer Check-in-Funktion auch noch Features hinzuzufügen, wie Registrierungs-Apps wie Luca sie entwickeln, hält der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber für den falschen Weg, eben weil solche Apps auch personenbezogene Daten sammeln: »Eine Integration dieser Apps in die Corona-Warn-App halte ich deshalb nicht für sinnvoll, weil sonst offene Fragen über die Pseudonymität bei der Corona-Warn-App entstehen«, so Kelber zum SPIEGEL. Außerdem drohe die Gefahr, dass man mögliche gute Lösungen der Start-ups damit ersticke.

Kelber spricht sich dagegen für eine Koexistenz der Corona-Warn-App neben anderen Apps mit Registrierung und weiteren Möglichkeiten zur Kontaktverfolgung aus: »Es spricht absolut nichts dagegen, dass die Bürgerinnen und Bürger sich zwei oder drei datenschutzkonforme Apps zur Pandemiebekämpfung installieren«, so Kelber. »Das ändert natürlich nichts daran, dass diese Apps und ihre Anbieter sich an alle Vorgaben des Datenschutzes halten und von den zuständigen Behörden geprüft werden müssen«, erklärt der Bundesdatenschutzbeauftragte.