Zu viele Warnungen Bringt Omikron die Corona-Warn-App an ihre Grenzen?

Das Robert Koch-Institut gibt ziemlich klare Empfehlungen, was zu tun ist, wenn die Corona-Warn-App Rot anzeigt. In der Omikron-Welle finden manche Fachleute diese Tipps aber nur noch wenig hilfreich.
Warnmeldung der Corona-Warn-App: Getragene Maske nicht berücksichtigt

Warnmeldung der Corona-Warn-App: Getragene Maske nicht berücksichtigt

Foto: Bernd Weißbrod / dpa

Als die Corona-Warn-App des Bundes im Sommer 2020 eingeführt wurde, fragten Kritiker vor allem, warum sie so spät kommt und warum SAP und die Deutsche Telekom Millionen für die Entwicklung und Betrieb kassieren dürfen. Doch die damalige Bundesregierung hat das nie infrage gestellt, im Gegenteil: Das Bundesgesundheitsministerium unter Jens Spahn (CDU) hat zwei Tage vor der Bundestagswahl die Verlängerung des auslaufenden Vertrags mit der Deutschen Telekom und SAP angeschoben. Für den Betrieb bis zum 31. Dezember 2022 wurden den Unternehmen weitere 25,2 Millionen Euro zugesichert.

Gut 40 Millionen Downloads und Warnungen von knapp 1,3 Millionen Infizierten an andere Nutzerinnen und Nutzer sprechen auch für sich. Die App tut, was sie tun soll: Sie warnt – und zwar zunehmend häufig. Viele Anwenderinnen und Anwender bekommen in der aktuellen Omikron-Welle ständig die rote Kachel mit dem Warnhinweis »Erhöhtes Risiko« angezeigt, weil sich Tag für Tag Zehntausende neu mit dem Virus infizieren und das positive Testergebnis auch in die App eintragen. Doch genau deshalb zweifeln manche Fachleute daran, dass die Warnungen und vor allem die entsprechenden offiziellen Handlungsempfehlungen noch sinnvoll sind.

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Gesundheitsämter und PCR-Testzentren sind überlastet

Auf dem Twitterkanal der App wurden Nutzer kürzlich bereits dazu aufgerufen, die Risikoermittlung im Testcenter kurz auszuschalten . Das verhindere viele unnötige Warnungen an dem Tag, hieß es.

Folgt man den Empfehlungen des Robert Koch-Instituts und der Bundesregierung, müssten sich Nutzer mit einer roten Warnmeldung nach Möglichkeit »in freiwillige Quarantäne begeben« und beim Hausarzt beziehungsweise dem örtlichen Gesundheitsamt melden. »Diese entscheiden anhand möglicher Krankheitssymptome, wie verfahren wird.« Bei einer Warnung über ein erhöhtes Risiko bestehe Anspruch auf einen kostenlosen Test (PCR-Test oder Antigentest). Das gelte auch für vollständig Geimpfte.

Aber der neue Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) ahnt, wie schwierig es in diesen Tagen und Wochen sein wird, diese offizielle Empfehlung umzusetzen, weil die Gesundheitsämter und PCR-Testzentren überlastet sind. Der Mediziner gibt sich immerhin mit einfacheren Maßnahmen zufrieden: »Wenn hier ein Test veranlasst wird, ein Antigentest, oder man macht ihn zumindest selbst, dann kann man damit das Pandemiegeschehen wesentlich entschleunigen«, sagte er am Dienstag. »Gerade wenn es sehr viele Warnungen gibt, die dann zu Testungen führen, dann ist das ein ganz wichtiger Baustein zur Entschleunigung der galoppierenden Pandemie.«

Der Minister stellt deshalb auch die App nicht infrage: »Die Corona-Warn-App tut jetzt ihren Dienst«, sagte er. Dies gelte auch, wenn sie wegen Omikron oft anschlage.

Ein Sprecher der Corona-Warn-App teilte mit: »Die App funktioniert und wirkt – vor allem in dieser Phase der Pandemie. Das sehen wir auch an den Download-Zahlen, die kontinuierlich steigen.« Die App leiste einen wichtigen Beitrag beim Unterbrechen von Infektionsketten, ohne Gesundheitsämter zu belasten.

Lobende Worte kommen auch von Nicolai Savaskan, dem Amtsarzt des Berliner Bezirks Neukölln, wo die Sieben-Tage-Inzidenz derzeit mit über 1500 bundesweit am höchsten ist. »Im Vergleich zum Beginn der Pandemie gehen die Leute viel kompetenter mit den Warnungen um«, findet er. Man erlebe trotz der hohen Anwenderquote keinen Ansturm wegen der App-Warnungen. Geht es um das Veranlassen eines Tests, seien die Umstände des Risikokontakts ausschlaggebend.

Doch die sind keineswegs immer eindeutig. Es sei vor allem das »Rätselraten« nach einer Warnung, das die App kompliziert mache, findet die Infektiologin Jana Schroeder (Stiftung Mathias-Spital, Rheine): Wann genau mag ein Risikokontakt wohl stattgefunden haben? Trug man währenddessen eine Maske? Könnte die Warnung womöglich auch vom Nachbarn hinter der Zimmerwand kommen?

Wenn die Warnungen zwar technisch richtig, aber inhaltlich störanfällig seien – etwa, weil die sicher getragene Maske nicht berücksichtigt wird – dann nützten sie auch weniger, meint Schroeder. Grundsätzlich funktionierten bestimmte Konzepte gegen Corona nur bei niedriger Inzidenz. Das gelte zum Beispiel auch für das Pool-Testen an Schulen.

Das gefühlte Risiko verändert sich womöglich

Nach einer kürzlich aufgeploppten Warnung hat Schroeder für sich den Schluss gezogen, in der Öffentlichkeit immer eine dicht sitzende FFP2-Maske zu tragen, wie sie berichtet. Künftige Warnungen seien für sie zwar noch von Interesse, »aber es hat ansonsten keine Auswirkungen«, weil sie sich mit der Maske gut geschützt sieht.

Diese Entscheidung zeigt auch: Gerade das Rätselraten könnte dazu führen, dass das eigene Schutzverhalten eher überdacht wird. Auch das gefühlte Risiko verändert sich womöglich. Vom Sprecher der App hieß es, dass Auswertungen von 2021 nahelegten, dass eine Begegnung mit einem nachweislich Infizierten zu einer Verhaltensänderung führe.

Der Frankfurter Epidemiologe Timo Ulrichs findet die App zwar momentan noch sinnvoll. Allerdings sagte er in einem Interview mit dem Hessischen Rundfunk: »Wenn wir mehr und mehr in die Hochphase der Omikron-Welle gehen, stößt diese App an Grenzen.« Die Ausbreitung werde dann so dicht sein, dass wenige Möglichkeiten blieben, Übertragungswege zu unterbrechen.

Der Corona-Warn-App kommt mittlerweile zugute, dass sie nicht allein wegen ihrer Kernfunktion – dem Ermitteln risikoreicher Begegnungen – einen festen Platz auf unzähligen Smartphones gefunden hat. Sie hat sich in den vergangenen eineinhalb Jahren zu einem digitalen Schweizer Taschenmesser entwickelt. Populär ist vor allem die Funktion, die Impfzertifikate, Genesenennachweise oder Testergebnisse in der App zu speichern und bei Bedarf schnell vorzeigen zu können.

Die jüngste Version der App kann jetzt auch helfen, gültige Impf- oder Genesenenzertifikate sowie einen digitalen Testnachweis in einem Rutsch anzuzeigen. Das soll es erleichtern, einen 2G-plus-Nachweis zu erbringen. Bei der Boosterimpfung hat die neue Funktion allerdings noch Schwierigkeiten. Die Programmierer der SAP arbeiten daran, dieses Problem aus dem Weg zu räumen.

pbe/dpa