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Max Hoppenstedt

Umgang mit Problemen Die Corona-Warn-App, ein Kommunikations-Flop

Max Hoppenstedt
Ein Netzwelt-Newsletter von Max Hoppenstedt

Liebe Leserin, lieber Leser,

Als Telekom-Chef Tim Höttges Mitte Juni die deutsche Corona-Warn-App mit gleich fünf Kabinettsmitgliedern vorstellte, verkündete er stolz: "Deutschland kann Digitalisierung, wenn wir alle an einem Strang ziehen, das hat dieses Projekt bewiesen." Sechs Wochen später mussten Deutsche Telekom und SAP, die beide für die Entwicklung der Software verantwortlich waren, eingestehen, dass ihre Warn-App Nutzerinnen und Nutzer womöglich wochenlang nicht richtig gewarnt hat.

Öffentlich bekannt geworden sind die Probleme durch Recherchen von Journalistinnen und Journalisten. Der aktuelle Stand, den Sie als Nutzerin oder Nutzer über die App wissen sollten: Sicherheitshalber sollten Sie das Programm aktiv einmal pro Tag öffnen, mit einem zeitlichen Abstand von idealerweise mindestens 24 Stunden. Dann ist Ihre Risikoanzeige in der App mit Sicherheit auf dem aktuellen Stand.

Corona-Warn-App: Wichtig, aber auch nicht problemfrei

Corona-Warn-App: Wichtig, aber auch nicht problemfrei

Foto: Arne Dedert/ DPA

In der App selbst ist von diesem durchaus wichtigen Hinweis bis heute nichts zu sehen. Auch die Sprecher der beteiligten Unternehmen teilten erst Mitte vergangener Woche mit, dass das regelmäßige Öffnen empfohlen wird - auf Nachfrage. Die grundsätzlichen Probleme der App waren den Unternehmen allerdings seit mindestens Ende vorvergangener Woche bekannt, wie sie inzwischen eingestanden haben. Laut Tagesschau.de  wurde das Problem auf der Programmierplattform Github sogar schon Ende Juni von Entwicklern kommentiert, die laut ihres Profils für SAP arbeiteten.

Damit ähnelt die Kommunikation von SAP und der Deutschen Telekom leider ziemlich genau jener, die einem als Techjournalisten von den großen Silicon-Valley-Konzernen nur allzu bekannt vorkommt: Schwachstellen, Fehler und Sicherheitslücken kommen auch bei Facebook, Google, Apple und Co. meist nur durch Forscher oder Investigativjournalisten ans Licht.

Die großen Unternehmen kommunizieren zudem am liebsten "im Hintergrund" beziehungsweise "off the record": Bei dieser Praxis bekommen anfragende Journalistinnen und Journalisten Informationen zu wichtigen, aktuellen Themen, dürfen diese allerdings nur bedingt und nicht unter Nennung der genauen Quelle in ihren Berichten verwenden. Solch intransparente Kommunikation verhindert , dass Firmen, die einen Einfluss auf große Teile unseres Alltags und unserer Öffentlichkeit haben, zur Rechenschaft gezogen werden können und dass die Nutzerinnen und Nutzer sich selbst umfassend ein Bild machen können.

Gerade im Falle der Corona-Warn-App hätte es so viel besser laufen können: Entgegen dem üblichen Vorgehen der US-Techkonzerne wurde der Code der Warn-App transparent ins Netz gestellt, auch Fehlermeldungen konnten Techexperten auf Github offen diskutieren.

Das größte Problem ist nicht die Technik, sondern die Informationspolitik

Unter Entwicklern gibt es den schönen Spruch: Der Code reift beim Nutzer. Tatsächlich ist es üblich, dass einige technische Probleme bei Apps erst auftreten, wenn diese schon öffentlich genutzt werden. Bei einem in solch kurzer Zeit und mit neuer Technologie entwickelten Produkt wie der Corona-Warn-App ist das sogar verständlich. Verkompliziert wird die Lage für SAP und Telekom dadurch, dass die Warn-App nur auf der Grundlage einer neuen Schnittstelle von Apple und Google funktionieren kann. Apple übrigens hat eine SPIEGEL-Rückfrage, wann mit einem Update für das Problem der Hintergrundaktualisierung zu rechnen sei, inhaltlich nicht beantwortet.

Dass SAP und Telekom die Probleme bei der Warn-App so zögerlich der Öffentlichkeit mitteilten, ist trotzdem fahrlässig. Nicht nur, weil die Unternehmen viele Millionen für die Entwicklung bekommen haben. Sondern vor allem, weil die App dann besonders wirksam gegen die Corona-Pandemie hilft, wenn ein möglichst großer Teil der Öffentlichkeit sie benutzt und ihr vertraut. Und dazu braucht es transparente Kommunikation, keine Salamitaktiken.

Trotz allem: Die Corona-Warn-App ist sinnvoll und wichtig

Apropos Vertrauen: Deinstallieren sollten Sie die App meiner Meinung nach trotzdem nicht - und zwar aus drei Gründen:

  • Erstens hat die Kontaktverfolgung der App die ganze Zeit grundsätzlich funktioniert, und es gibt auch einen Weg, wie Sie selbst prüfen können, ob Ihre Risikoberechnung korrekt funktioniert.

  • Zweitens kann die App einen wichtigen Beitrag bei der Pandemiebekämpfung leisten, gerade in Zeiten von vielen Alltagskontakten mit Fremden.

  • Und drittens gibt es doch einen entscheidenden Unterschied zwischen der Warn-App und den Apps aus dem Silicon Valley: Der Datenschutz ist vorbildlich, und Ihre Privatsphäre bleibt bei dieser App geschützt.

Seltsame Digitalwelt: Was heißt "ist da"?

Eine Anekdote von Markus Böhm

"Ihre Wasserabrechnung ist da", diese Betreffzeile meines Wasserversorgers sprang mir neulich im E-Mail-Postfach ins Auge. Schaue ich mir nach Feierabend in Ruhe an, dachte ich, und setzte eine Erinnerung. Als ich mich später in meinen Account einloggte, erwartete mich jedoch nur gähnende Leere.

Also las ich die Mail erneut, diesmal mit dem gesamten Text: "Wir haben Ihre Wasserabrechnung ... erstellt", stand da bei genauerer Betrachtung: "Sie wird aktuell archiviert und ist im Laufe des morgigen Tages im Kundenportal unter 'Rechnung anzeigen' zu sehen." Ein "ist da" bedeutet bei einer Onlinerechnung also einen Tag Wartezeit, wirklich? Genervt antwortete ich daraufhin dem Kundenservice, mir beim nächsten Mal bitte erst dann zu mailen, wenn die Rechnung wirklich verfügbar ist.

Auch hier ließ die Kommunikation des Unternehmens zu wünschen übrig, denn eine Antwort ist nie gekommen, genauso übrigens wie bereits ein Jahr zuvor: Damals hatte ich mich offenbar schon einmal über dasselbe geärgert und beschwert, wie mein E-Mail-Archiv zeigte. Und schon damals hatte man mir versprochen, mein Anliegen werde "schnellstmöglich bearbeitet"... Aber was mag "schnellstmöglich" bei der Firma wohl heißen?

 Fremdlinks: Drei Tipps aus anderen Medien  

  • Wie Unternehmen mit Hackern verhandeln, wenn sie erpresst werden  (Englisch, sieben Tweets)
    Immer wieder werden Firmen weltweit Opfer von Ransomware-Angriffen, bei denen Hacker ihre Daten verschlüsseln und nur gegen ein Lösegeld wieder freigeben. Erst kürzlich war der Fitness-Gadget-Hersteller Garmin von einem solchen Angriff betroffen. Dass die Firmen oft Lösegeld zahlen, ist in der Branche ein offenes Geheimnis. Doch nun gibt es einen seltenen und faszinierenden Einblick, wie die Verhandlungen darüber zwischen Hackern und Firmen aussehen. Am Ende des erstaunlichen kollegialen Chats geben die Hacker sogar noch ein paar Sicherheitstipps.

  • "From Minecraft Tricks to Twitter Hack: A Florida Teen's Troubled Online Path " (Englisch, acht Leseminuten)
    Ein 17-Jähriger aus Florida soll hauptverantwortlich für den Angriff auf zahlreiche prominente Twitter-Konten sein. Die "New York Times" hat seine Onlinespuren recherchiert, die demnach vom mutmaßlichen Betrügen von Mitspielern in dem bei Teenagern beliebten Spiel "Minecraft" bis hin zu kriminellen Onlineforen reichen.

  • Instagram Can Hurt Us"  (Englisch, neun Leseminuten)
    Ausgerechnet, als Mark Zuckerberg Politikern des US-Kongresses Rede und Antwort stehen musste, ob seine Marktmacht zu groß sei, veröffentlichte das Techportal "The Verge" bisher unbekannte E-Mails des Facebook-Chefs. Die Mails vor der Übernahme des Netzwerks Instagram, das damals noch ein eigenes Unternehmen war, geben einen interessanten Einblick in die Abläufe hinter den Kulissen des Silicon Valley. Und sie dürften die Vorwürfe, Facebook habe zu viel Macht, weiter befeuern. 

Ich wünsche Ihnen eine gute Woche mit sommerlichem Wetter  

Max Hoppenstedt

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