Corona-Warn-App, Luca und Impfnachweis Von Smudo bis Blockchain – so frickelt Deutschland an digitalen Helfern

Wann kommt der Blockchain-basierte Impfnachweis? Wann ermöglicht die Corona-Warn-App den Check-in auf Veranstaltungen? Und warum erlaubt die Luca-App 600.000 Gäste auf einer fiktiven Party? Ein Überblick.
Corona-Warn-App auf einem Iphone

Corona-Warn-App auf einem Iphone

Foto: Rüdiger Wölk / imago images

Infektionsketten verfolgen, Restaurantgäste nachträglich über infizierte Tischnachbarn informieren und den Impfnachweis auf dem Handy vorzeigen: mehrere elektronische Helfer sollen ihren Teil dazu beitragen, die Coronapandemie in den Griff zu bekommen.

Wir geben eine Übersicht darüber, wann das QR-Code-Update für die Corona-Warn-App kommen soll, wie es beim Konkurrenzkampf zwischen Luca und Co. aussieht und wie es um den digitalen Impfnachweis von Ubirch und IBM auf Blockchain-Basis steht.

Corona-Warn-App: Check-in mit QR-Code erst ab Mitte April

Aus dem angekündigten »recht zeitnah nach Ostern« wird nichts mehr. Doch in den kommenden ein bis zwei Wochen soll das Update für die Corona-Warn-App veröffentlicht werden. Dann kann die offizielle App der Regierung auch verwendet werden, um auf einer Veranstaltung einzuchecken. »Die Eventregistrierung ist für Mitte April geplant«, teilt eine SAP-Sprecherin dem SPIEGEL mit. Der Softwarekonzern entwickelt gemeinsam mit der Telekom die App im Auftrag der Regierung.

Das Ziel der Check-In-Funktion: Die App soll QR-Codes einer Veranstaltung einscannen können, aber auch automatisch erkennen, wenn sich Nutzerinnen und Nutzer auf einem Event befinden. Die Veranstaltung soll dann im Kontakttagebuch der App abgelegt werden. Sollte ein Besucher dieser Veranstaltung in der Folge positiv auf Covid-19 getestet werden, dann soll eine Warnung für das gesamte Event herausgegeben werden, sagt ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums.

Personendaten werden auch weiterhin nicht erfasst. Das heißt, die App tauscht auch in Zukunft nur pseudonymisierte Daten mit anderen Telefonen aus, Besucher einer Veranstaltung müssen sich nicht mit Namen und Telefonnummer registrieren.

Keine große Steigerung der Downloadzahlen mehr

Das ist der zentrale Unterschied zur Kontaktverfolgungs-App Luca. Deren Nutzer müssen sich mit Namen und Telefonnummer registrieren. Stellt sich heraus, dass sie bei einer Veranstaltung waren, nach der jemand anderes positiv getestet wurde, soll das Gesundheitsamt die Luca-Nutzer anrufen können.

»Grundsätzlich können Angebote zur digitalisierten Kontaktdatenerfassung eine sinnvolle Ergänzung zur Corona-Warn-App sein«, teilt der Sprecher des Gesundheitsministeriums mit. Prinzipiell könne jedes Bundesland die Luca-App oder ein vergleichbares Angebot zur digitalisierten Kontaktdatenerfassung schon heute nutzen.

Die Downloadzahlen der offiziellen Corona-Warn-App stocken mittlerweile. Zwar ist die Anwendung schon 26,7 Millionen Mal heruntergeladen werden. Doch seit Anfang des Jahres haben gerade einmal zwei Millionen Nutzer  die App auf ihren Smartphones installiert.

Luca: Kritik an der App, aber viele Länder greifen zu

Die Corona-Nachverfolgungs-App Luca

Die Corona-Nachverfolgungs-App Luca

Foto: imago images/MiS

Um die Zettelwirtschaft in Restaurants zu vermeiden, buhlen derzeit zahlreiche App-Anbieter um die Unterstützung der Wirte. Die App Luca, die unter anderem von Rapper Smudo beworben wird, ist derzeit die bekannteste. Mittlerweile sind 149 Gesundheitsämter an die Luca-App angebunden, teilte eine Sprecherin dem SPIEGEL am Donnerstag mit. »Bis Ende April können durch Abschluss der Länderlizenzen 312 von 400 bundesdeutschen Gesundheitsämtern angebunden sein.« 13 Bundesländer haben demnach bereits Lizenzen gekauft. Auch Mecklenburg-Vorpommern setzt die App flächendeckend ein und hat rund 440.000 Euro für die Lizenzierung bezahlt.

Mit 3,3 Millionen Downloads und 64.000 Einsatzorten liegt Luca derzeit an der Spitze der Check-in-Apps. Andere Anbieter wie der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) können da nicht mithalten. Der Dehoga hatte vor einigen Wochen die App »Intrada« veröffentlicht, deren Vorgänger-App »BarCov« nach Angaben des Verbands etwa 100.000 Menschen in 100 Betrieben benutzt hatten.

Zum Hype um Luca sagt eine Dehoga-Sprecherin, man sei froh darüber, »dass die digitale Kontakterfassung als Hilfsmittel in der Corona-Krise an Bedeutung gewinnt«. Andererseits finde man es »befremdlich«, dass die Luca-App »vor allem im Öffentlich-Rechtlichen als das Maß aller Dinge angepriesen wird«, zumal es weitere, sehr gute Anbieter gebe.

Knapp 50 dieser Luca-Konkurrenten haben sich unter der Initiative »Wir für Digitalisierung«  verbündet. Sie wollen verhindern, dass die Länder nur auf eine App setzen. Doch die Aussichten stehen dafür schlecht. Zwar liegt die Entscheidung bei den einzelnen Bundesländern, allerdings haben sich die Ministerpräsidenten festgelegt, »dass man sich auf ein einheitliches System verständigt«, teilt das Gesundheitsministerium mit.

Danach sieht es nur bedingt aus: Nordrhein-Westfalen setzt nämlich auf die vielen Anbieter , die sich in der Initiative »Wir für Digitalisierung« zusammengeschlossen haben. Aber mindestens zehn andere Bundesländer wollen Luca einsetzen, in Mecklenburg-Vorpommern steht die App schon explizit in der Schul-Corona-Verordnung : »Die verpflichtende Dokumentation zur Kontaktnachverfolgung soll in elektronischer Form landeseinheitlich mittels der LUCA-App erfolgen«.

Dabei hat die Kritik an Luca in den vergangenen Wochen deutlich zugenommen. Zuletzt sagte Berlins Datenschutzbeauftragte Maja Smoltczyk,  sie sehe »durchaus datenschutzrechtliche Probleme« und sprach von »beträchtlichen Risiken, die bislang nicht beseitigt sind«. Die Entscheidung des Berliner Senats, die App ohne vorherige Überprüfung zu kaufen, nannte sie »natürlich suboptimal«.

Forscher  der TU Darmstadt haben herausgefunden, dass sich zahlreiche Nutzer mit nur einer Telefonnummer anmelden können. In der Browser-Anwendung sei es mit einer relativ einfachen Modifikation sogar möglich, die SMS-basierte Verifizierung zu überspringen.

Jan Böhmermann macht sich über Luca lustig

ZDF-Moderator Jan Böhmermann hat sich auf Luca eingeschossen und macht sich lustig  darüber, dass Nutzerinnen und Nutzer sich etwa im Osnabrücker Zoo einchecken können, obwohl sie gar nicht dort sind. In einem anderen Tweet  schreibt Böhmermann, dass er sich von Potsdam aus in einem Möbelhaus in Niedersachsen eingecheckt und »ein wenig bei den Blusen und Jeans« gestöbert habe. Ironisch schreibt er dazu: »Die App funktioniert tadellos und ist ihr Geld absolut wert!«

Andere Nutzer griffen die Kritik auf. Ein Journalist etwa legte selbst eine imaginäre Veranstaltung  mit der App an und rief Twitter-Nutzer dazu auf, sich einzuloggen. Ein paar Stunden später hatten sich mehr als 600.000 Besucher für das Event angemeldet, das es gar nicht gab.

Die Luca-Entwickler äußerten sich in einer Stellungnahme  zu den Fake-Check-ins. »Systeme können umgangen werden, Nutzer:innen können sie missbrauchen – und nachts im Zoo in Osnabrück einchecken«, heißt es in der Mitteilung. Das sei mit der Luca-App möglich. »Sinn macht es nicht.« Die Sicherheit der Nutzer sei nicht betroffen. Als Gegenmaßnahme wäre es denkbar, die GPS-Daten zu überprüfen. Das würde nach eigenen Angaben der »Idee der Datensparsamkeit jedoch widersprechen«.

Auf öffentlichen Druck haben die Entwickler mittlerweile (Stand Freitagmittag) weitere Teile des Luca-Quellcodes veröffentlicht, zuletzt am Mittwochabend den iOS-Code. Bis Ende April sollen zudem die von der App generierten QR-Codes so angepasst werden, dass auch die Corona-Warn-App sie einlesen kann.

Warten auf die Impfung – und den digitalen Nachweis

Ein Impfnachweis auf dem Smartphone

Ein Impfnachweis auf dem Smartphone

Foto: imago images/MiS

Wer gegen das Coronavirus geimpft ist, der könnte bald mehr Freiheiten bekommen. Gesundheitsminister Jens Spahn hatte vor einigen Tagen angekündigt, dass vollständig Geimpfte laut einer Studie des Robert Koch-Instituts behandelt werden könnten wie Personen mit einem negativen Testergebnis. Somit könnte der Nachweis die Geimpften von einer Quarantänepflicht befreien und Eintritt in Restaurants, Läden und Friseure ermöglichen.

Eine Impfung können Bürgerinnen und Bürger mit dem weiterhin gültigen gelben Papierpass nachweisen. Zusätzlich soll es bald eine freiwillige digitale Lösung geben: Die Regierung hat den IT-Konzern IBM zusammen mit den Softwaredienstleistern Bechtle, Govdigital und Ubirch beauftragt, einen digitalen Impfnachweis zu entwickeln.

Der funktioniert so: Wer sich in einem Impfzentrum oder einer Arztpraxis impfen lässt, bekommt einen QR-Code als Bestätigung ausgestellt. Dieser Code kann von den Geimpften mit einer kostenlosen App eingescannt werden, er ist dann an das jeweilige Gerät gebunden. Es soll laut Gesundheitsministerium  auch möglich sein, die Daten von Familienmitgliedern wie Kindern und Partnern auf einem Telefon zu bündeln. Die Impfdaten sollen nur lokal auf den Smartphones gespeichert werden, ein zentrales Impfregister soll es nicht geben.

Kein Kommentar zur Blockchain-Kritik

Für Impfkontrollen, etwa an Flughäfen oder Bahnhöfen, soll außerdem eine Prüf-App veröffentlicht werden. Damit können Kontrolleure die Impfdaten von Smartphones abscannen wie einen Barcode im Supermarkt oder ein digitales Flugticket. Angezeigt wird dann unter anderem, ob die Impfung gültig ist sowie der Name und eventuell das Geburtsdatum des Geimpften. Die Person muss sich zudem ausweisen. Der digitale Impfnachweis soll die Zertifikatsvorgaben der EU-Kommission berücksichtigen, damit er auch in anderen europäischen Ländern gescannt werden kann.

In fünf Blockchains soll der Nachweis über die Gültigkeit der Impfungen fälschungssicher hinterlegt werden. Kritiker wie Pavel Richter, Digitalstratege beim Bundesverband Deutscher Stiftungen, halten die Technologie für einen Kostentreiber. »Absolut unglaublich – der digitale Impfnachweis wird tatsächlich mit Blockchain-Quatsch verteuert«, schreibt der Autor auf Twitter . Weder Ubirch noch IBM haben sich dazu geäußert.

Nun wird auch klar, dass der Zeitplan zu straff geplant war. Bereits Anfang Mai sollte der digitale Impfnachweis bundesweit eingesetzt werden. Daraus wird nichts. Auf Anfrage des SPIEGEL teilte eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums am Freitag mit: »Wir gehen aktuell davon aus, dass dieses Angebot zum Ende des zweiten Quartals 2021 bereitgestellt werden kann.«