Foto:

SPIEGEL

Patrick Beuth

Corona-Warn-App Sollten Sie die Corona-App installieren oder nicht?

Patrick Beuth
Ein Netzwelt-Newsletter von Patrick Beuth
Ein Netzwelt-Newsletter von Patrick Beuth

Liebe Leserin, lieber Leser,

In Norwegen wird die Corona-App Smittestopp wegen Datenschutzbedenken ausgesetzt, und alle bisher gesammelten Daten werden gelöscht . In Australien haben Sicherheitsforscher festgestellt, dass die seit zwei Monaten genutzte Tracing-App auf iPhones unter Umständen nicht  funktioniert. In Singapur will die Regierung nun Bluetooth-Sender an die Bevölkerung verteilen, weil die App TraceTogether nicht den erhofften Erfolg gebracht hat .

Die digitale Kontaktkettenverfolgung ist offensichtlich alles andere als ein Selbstläufer. Das sollte man wissen, wenn man am Dienstag, möglicherweise auch schon heute Abend, die deutsche Corona-Warn-App in den App-Stores von Apple und Google entdeckt. Offiziell vorgestellt wird sie am Dienstagvormittag in Berlin. "Aufgrund der geltenden Infektionsschutzmaßnahmen ist die Teilnahme von Journalistinnen und Journalisten nur in einem sehr begrenztem Umfang möglich", heißt es in der Ankündigung der Bundesregierung, die aber ihrerseits Innenminister Horst Seehofer, Justizministerin Christine Lambrecht, Gesundheitsminister Jens Spahn und Kanzleramtsminister Helge Braun sowie Staatsministerin Dorothee Bär, Lothar Wieler vom Robert Koch-Institut, Telekom-Vorstandschef Timotheus Höttges und SAP-Vorstand Jürgen Müller eingeladen hat.

Test-Szenario für die Corona-Warn-App

Test-Szenario für die Corona-Warn-App

Foto: Handout/ dpa

In der App stecken ein paar Wochen Arbeit - das ist sehr wenig - und 20 Millionen Euro Entwicklungskosten - das ist ziemlich viel. Und auch wenn die letzten Rückmeldungen der TÜV Informationstechnik Wochenende eher positiv ausgefallen sind, sollte niemand ein perfektes Produkt erwarten.

Ist es wenigstens gut genug? Die letztlich gewählte dezentrale Lösung ist aus Datenschutzsicht eine gute, und bisher haben Experten auch keine gravierenden Schwachstellen im Programmcode entdeckt, die nicht rechtzeitig repariert werden können.

Aber mein Kollege Marcel Rosenbach, der sich von Beginn an intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat, verweist noch einmal auf die Probleme: Wissenschaftlich sei die Wirksamkeit der App nicht erwiesen, sie setze zudem "ein hohes Maß an sozialer Verantwortung voraus - und an Vertrauen in den Staat und das Robert Koch-Institut als Betreiber". Auch die Hotline-Übergangslösung zur telefonischen Infektionsmeldung ist heikel.

Letztlich beantwortet er die Frage, ob man die App installieren sollte, trotzdem so: "Im Zweifel, ja. Denn auch wenn noch unklar ist, ob der Versuch mit der App wirklich einen wichtigen Beitrag zur Eindämmung der Pandemie leisten wird - die Risiken für Anwender sind sehr überschaubar, und die Chance, dass sie einen Beitrag leisten kann, ist real."

Die Bundesregierung steht nun vor der Herausforderung, Millionen von Bürgerinnen und Bürgern für eine App zu begeistern, von der sie selbst sagt, dass sie bestenfalls ein weiterer kleiner Baustein auf dem immer noch langen Weg zurück in den gewohnten Alltag ist. Je weniger Menschen mitmachen, desto kleiner wird der Baustein.

Seltsame Digitalwelt: Lifehack mit dem Scanner

eine Anekdote von Matthias Kremp

Ich begeistere mich ja gern und oft über neue Gadgets, neue Software, neue Technologien. Was mir mein Vater letztens berichtete, lässt mich aber denken, dass es vielleicht an der Zeit wäre, etwas mehr über Benutzerfreundlichkeit nachzudenken und weniger darüber, mit welchen neuen Funktionen man Nerds wie mich locken kann. 

Denn im vorliegenden Fall scheiterten ein paar Rentner schlicht daran, ein Onlineformular auszufüllen. Auf dem Handy einer Freundin meiner Eltern ging das offenbar nicht. Zumindest nicht so, dass die drei es geschafft hätten. Der Versuch, das Formular per E-Mail vom Handy an den PC meines Vaters zu schicken, scheiterte ebenso. Warum, konnte man mir nicht erklären. 

Die pragmatische Lösung, mit der sich die drei dann beholfen haben: Formular auf dem Handy aufrufen, Handy mit dem Bildschirm nach unten auf die Scannereinheit eines Multifunktionsgeräts legen, Bildschirm einscannen und das derart gescannte Formular ausdrucken. Dass die Qualität des so erzeugten Ausdrucks gruselig war, muss ich wohl nicht extra betonen. Wohl aber, dass moderne Technik viele wunderbare Dinge ermöglicht. Aber eben nicht für alle, denn zu viel davon ist immer noch zu kompliziert.

Fremdlinks: Drei Tipps aus anderen Medien

"Philipp Amthor hat auf die gegen ihn erhobenen Vorwürfe (...) reagiert"  (Twitter-Thread, zwei Leseminuten)
Lorenz Meyer vom BILDblog hat die Reaktion - ich will sie nicht Entschuldigung nennen - von Philipp Amthor auf seine vom SPIEGEL enthüllte, fragwürdige Nebentätigkeit sprachlich analysiert. Ich wünschte, so etwas wäre Schulstoff.

"Facebook Pitched New Tool Allowing Employers to Suppress Words Like "Unionize" in Workplace Chat Product"  (Englisch, vier Leseminuten)
"The Intercept" hat eine interne Präsentation zu Facebook Workplace zu sehen bekommen, einem Kooperationswerkzeug wie Slack, nur eben von Facebook. Eine neue Funktion darin: Admins können bestimmte Begriffe blocken. Als Beispiel nannte Facebook ausgerechnet "gewerkschaftlich organisieren".

"Spies Can Eavesdrop by Watching a Light Bulb's Vibrations"  (Englisch, fünf Leseminuten)
Meine Lieblings-Stunthacker haben wieder zugeschlagen: An der Ben-Gurion-Universität in Israel stellen Experten für sogenannte Seitenkanal-Attacken seit Jahren spektakuläre Ansätze vor, um Räume abzuhören. Dieses Mal mit Glühlampen, deren Glas minimal vibriert, wenn jemand in einem Zimmer spricht - was sich durchs Fenster beobachten, messen und auswerten lässt.

Ich wünsche Ihnen eine sommerliche Woche.

Ihr Patrick Beuth

Hinweis: In einer früheren Fassung dieses Artikels hieß es, der TÜV Süd habe die App geprüft. Die TÜV Informationstechnik GmbH gehört aber zur TÜV Nord Gruppe. Wir haben den Fehler korrigiert.