Corona-Testergebnisse Warum manche Labore die Corona-Warn-App nicht nutzen – und Start-ups profitieren

Die Idee war simpel: Wer einen Coronatest macht, scannt einen QR-Code mit der Corona-Warn-App. Das Ergebnis steht 24 Stunden später in der App. Doch einige Labore setzen auf Alternativlösungen. Warum?
Kosten im fünfstelligen Bereich: Die Nutzung der Warn-App ist für Labore teuer

Kosten im fünfstelligen Bereich: Die Nutzung der Warn-App ist für Labore teuer

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Mehr als 20 Millionen Menschen haben die offizielle deutsche Corona-Warn-App auf dem Handy. Im Labor von Michael Schleef aber spielt sie bislang keine Rolle. »Wir brauchten eine schnelle und unkomplizierte Lösung, als letztes Jahr die Nachfrage nach Corona-Tests stark anstieg«, erläutert der Facharzt für Laboratoriumsmedizin. Sein Münchner Labor, das im Januar nach Eigenangaben etwa 2500 Coronatests pro Tag auswertete, entschied sich zu Beginn der Krise gegen die Warn-App und für eine eigene Website. Wer einen Test macht, bekommt einen Code aus Zahlen und Buchstaben und kann sich dann eine PDF-Datei des Befundes herunterladen – ganz ohne Installieren einer App. So läuft das auch jetzt noch.

Ähnliche Lösungen – ohne die App des Robert Koch-Instituts – gibt es auch in anderen Laboren. »Eine reibungslose und zeitnahe Implementierung der Befundübermittlung via Warn-App erschien uns unwahrscheinlich«, sagt etwa Nicolas Roth vom Zentrum für Infektiologie in Berlin/Prenzlauer Berg (ZIBP). Auch das Labor des ZIBP übermittelt Ergebnisse über die eigene Website.

Viele andere Labore nutzen zwar die Warn-App, setzen aber parallel auf weitere Lösungen: Der Laborverband Synlab zum Beispiel, über den im Januar 180.000 Tests wöchentlich ausgewertet wurden, nutzt zusätzlich die App »Mein Laborergebnis«. Die Aicher-Ambulanz, die in München täglich um die 3000 Tests durchführt, listet gar fünf verschiedene Übermittlungswege der Ergebnisse auf: per Warn-App, per Website, per externer App, per E-Mail und per Post.

Wie kommt es, dass die Corona-Warn-App bei der Testergebnis-Übermittlung mancherorts offenbar gar keine oder nur eine Nebenrolle spielt?

Eine Frage der Kosten

Viele Labore berichten, dass die Übermittlung der Ergebnisse per Corona-Warn-App teuer sei. Genauer: die Einrichtung der dafür nötigen Technologie. »Durch die Etablierung und Anpassung der Schnittstellen für die Ergebnisübermittlung an die Corona-Warn-App sind allen Laboren erhebliche Kosten entstanden, die von den Laboren selbst getragen werden mussten«, sagt Annett Dauchert vom Labor Berlin . Ähnliches hört man aus anderen Laboren.

Das Gesundheitsministerium entgegnet auf Anfrage: »Für die Anbindung der Labore an die Corona-Warn-App-Infrastruktur entstehen den Laboren keine Kosten.« Jedoch seien Kosten für die Anpassung der internen IT-Systeme angefallen. Wie hoch diese seien, sei aber nicht verallgemeinerbar. Außerdem stünden dem Aufwand »angemessene Einnahmen der Labore« gegenüber. Tatsächlich ist das Geschäft mit den Tests gerade für große Labore lukrativ, wie eine SPIEGEL-Recherche zeigt.

Andreas Bobrowski, der Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Laborärzte, spricht derweil von Kosten im »fünfstelligen Bereich« für die erstmalige Anbindung an die Corona-Warn-App – eine Einstiegshürde, die offenbar einige Labore abgeschreckt hat. Zwar wäre danach die Nutzung der App kostenlos. Doch wer einmal anders arbeitet, der scheint die Warn-App auch nicht groß zu vermissen.

Durch Mehrarbeit würden hohe Personalkosten fällig

Keine gute Werbung für die Corona-Warn-App waren auch technische Probleme in der Anfangszeit. Ergebnisse wurden mitunter nicht übermittelt, manche Patienten warteten wochenlang auf Ergebnisse, QR-Codes waren fehlerhaft gedruckt.

»In den Medien hieß es immer wieder, die Labore würden ihre Arbeit nicht ordentlich machen«, sagt Andreas Bobrowski. »Da mussten wir reagieren.« Auch sein Labor in Lübeck habe zusätzlich zur Warn-App eine Alternative eingeführt, die App »Mein Laborergebnis«. Diese zweite Lösung einzurichten, sei am Ende günstiger gewesen, als sich nur auf die Warn-App zu verlassen, so Bobrowski. Auch, wenn die Corona-Warn-App nach den einmaligen Kosten für die Einrichtung für die Labore kostenfrei ist: »Weil durch die Mehrarbeit und den Papierkram sonst hohe Personalkosten fällig geworden wären.«

Private Unternehmen übermitteln Millionen Ergebnisse

Die Ergebnisübermittlung übernehmen jetzt oft Privatunternehmen, die direkt von den Laboren beauftragt werden. Zu diesen Firmen zählt die OSM-Gruppe, die eine Software namens ixpatient anbietet und bisher 1,3 Millionen Testergebnisse übermittelt hat. Zum Vergleich: Über die Corona-Warn-App sollen bisher rund 8,5 Millionen Mal Ergebnisse mitgeteilt worden sein.

Ein anderes Unternehmen, das von der Skepsis der Warn-App gegenüber profitiert, ist das Berliner Start-up Doctorbox, das sich auf die Digitalisierung von Patientenakten spezialisiert ist. Wie viele Testergebnisse Doctorbox genau übermittelt hat, möchte das Unternehmen nicht mitteilen. Es arbeitet aber unter anderem mit dem Testzentrum auf der Münchner Theresienwiese zusammen, wo täglich rund 3000 Tests durchgeführt werden. Seit Beginn der Pandemie wächst das Unternehmen, auch derzeit sucht es neue Mitarbeiter.

Neben möglichen Kosten-Nutzen-Abwägungen sind es auch noch Zusatzfunktionen der Software Dritter, die manches Labor die Warn-App verschmähen lassen. So bieten manche Programme Getesteten etwa die Option, sich ihre Ergebnisse als PDF herunterladen zu können.

»Menschen, die die Warn-App nutzen, rufen uns häufig an, weil diese Option einfach fehlt«, sagt Andreas Bobrowski. »Wieder eine Menge Arbeit.«

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