Deutsche Corona-App Telekom und SAP sollen Entwicklung übernehmen

Die Regierung organisiert die Entwicklung des deutschen Modells einer Tracing-App für das Coronavirus seit dem Wochenende neu. Zwei deutsche Techkonzerne sollen jetzt eine wichtige Rolle einnehmen.
Corona-App in Australien: Das Programm wurde in dem Land bereits über eine Million Mal heruntergeladen

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Foto: Alexander Britton/ dpa

Nach dem bislang chaotischen Verlauf der Entwicklung einer Corona-Tracing-App hat die Bundesregierung nun die beiden Dax-Konzerne Deutsche Telekom und SAP gebeten, die Sache in die Hand zu nehmen und das Projekt zu steuern. Wie der SPIEGEL erfuhr, telefonierten Gesundheitsminister Jens Spahn und Bundeskanzleramtsminister Helge Braun dazu am Wochenende mit den Unternehmensspitzen. "Wir wurden von der Bundesregierung gebeten zu unterstützen", sagt ein beteiligter Unternehmensvertreter. Bisher schon in der Entwicklung beteiligte Institute aus Forschungsgemeinschaften wie Fraunhofer und Helmholtz sollen die Entwicklung weiter "beraten". Auch der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) seien dabei "von Beginn an eingebunden", heißt es.

Zu den besprochenen Anforderungen der Bundesregierung gehöre, dass es sich um eine App nach dem dezentralen Modell handelt, heißt es. Bei einem zentralen Modell dagegen hätte ein Nutzer im Infektionsfall seine pseudonymisierte Kontaktlisten über einen zentralen Server austauschen müssen. Im dezentralen Modell findet dieser Abgleich zwischen Infizierten und ihren Kontaktlisten auf den Endgeräten selbst statt.

Zuvor hatte die Bundesregierung über Wochen ein Modell mit einem zentralen Server favorisiert. Nach massiven Warnungen aus der Wissenschaft und von zivilgesellschaftlichem Gruppen wegen des Überwachungspotenzials dieser Lösung hatten die CDU-Politiker Spahn und Braun am Wochenende überraschend ihren Kurswechsel verkündet. Sie begründeten das unter anderem mit der notwendigen Akzeptanz für die App in der Bevölkerung.

Download und Nutzung der App sollen nach den bisherigen Ankündigungen der Bundesregierung freiwillig erfolgen. Eine Rolle spielte im Sinneswandel der Bundesregierung aber auch, dass die bis dahin favorisierte Lösung auf dem mobilen Apple-Betriebssystem für Smartphones nicht praxistauglich funktioniert hätte. Auch Apple und Google favorisieren das dezentrale Modell.

Entwicklung des deutschen Tracing-Modells neu organisiert

Der Kurswechsel machte ein neues Projektmanagement erforderlich, dass die Bundesregierung nun offensichtlich bei den beiden deutschen Tech-Platzhirschen richtig aufgehoben sieht. Beide Unternehmen hatten schon in der Vergangenheit mehrfach zusammengearbeitet, unter anderem im Bereich Logistik und beim Internet der Dinge (IoT). Eine Rolle bei der Auswahl der Partner soll gespielt haben, dass es sich um bekannte deutsche Marken handele, die auf Augenhöhe mit Apple und Google über deren Schnittstellen für die Bluetooth-Tracing-Lösungen verhandeln könnten.

Seit dem Wochenende arbeiten bereits in beiden Unternehmen Teams an der Umsetzung, heißt es aus Unternehmenskreisen. Die vorherigen Absprachen und Kontakte zwischen Firmen und Politik fänden auf "Toplevel" statt. Die App soll demnach auf dem dezentralen Standard aufsetzen und mit anderen Lösungen im europäischen Ausland interoperabel sein, um auch über Grenzen hinweg zu funktionieren. Zudem sollen die Nutzer freiwillig zusätzliche Daten für die epidemiologische Forschung spenden können.

Bisherige dezentrale Entwicklungen sollen genutzt werden

Offenbar wollen die Unternehmen das Rad dabei nicht neu erfinden, sondern auf den Ansätzen der DP3T-Initiative aufsetzen. Unter diesem Namen hatten unter anderem Forschern der EPFL in Lausanne in den vergangenen Wochen ein dezentrales Tracing-Modell entwickelte. (Mehr zum Unterschied der beiden Systeme und der Debatte in der Wissenschaft lesen Sie hier.)

"Wir sind mit SAP in Gesprächen zur Einführung von DP-3T", bestätigt Cas Cremers dem SPIEGEL. Cremers ist beim Cispa-Zentrum für Informationssicherheit maßgeblich an der Arbeit am dezentralen Tracing-Ansatz beteiligt. "Das Zentrum arbeitet auf nationaler Ebene mit Partnern zusammen, um schnellstmöglich eine App zu realisieren", sagt auch Otmar D. Wiestler, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft.

Zuletzt hatten sich Österreich, die Schweiz und Estland für eine App-Kontaktverfolgung nach diesem Standard entschieden. Gleichzeitig soll das System den Nutzern ermöglichen, "epidemiologisch relevante Forschungsdaten freiwillig und unter voller Berücksichtigung des Datenschutzes an das Robert Koch-Institut (RKI) zu übermitteln", wie es von der Fraunhofer-Gesellschaft heißt.

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Termin zur Vorstellung der App noch immer unklar

Ursprünglich hatte die Bundesregierung die Vorstellung einer App bereits für Mitte April vorgesehen. Zuletzt war der Zeitplan vor allem wegen der internen Querelen im Pepp-PT-Konsortium und der Probleme mit den Beschränkungen des Apple-Betriebssystems ins Rutschen gekommen. Gesundheitsminister Spahn sprach zuletzt davon, es werde "noch einige Wochen dauern", bis eine App zur Verfügung stehe.

Unterdessen hat die Initiative "Gesund zusammen" dem Bundesgesundheitsministerium ihre bereits fertig entwickelte App Eins angeboten, die nach eigener Darstellung problemlos auf dem neuen technischen Standard aufsetzen kann und auf die Initiative von Start-ups wie WeFox und FinLeap zurückgeht. "Wir sind Experten in Sachen nutzerfreundliches App-Design und zielen mit unserem Ansatz auf 50 Millionen Downloads und Fünf-Sterne-Bewertungen in den App-Stores", sagt der Gründer von WeFox, Julian Teicke, dem SPIEGEL. Die Beteiligten hätten die App "pro bono" entwickelt und seien bereit, sie nun zur Verfügung zu stellen - etwa, um sie dann beispielsweise unter der Herausgeberschaft des Robert Koch-Instituts in die App Stores zu bringen. "Die Konditionen sind uns nicht so wichtig, wir wollen dazu beitragen, nun zu einer schnellen und guten Lösung zu kommen."

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