Cyber-Stalking Das könnten Anzeichen für eine Späh-App auf Ihrem Handy sein

Stalking-Software wird offenbar immer häufiger eingesetzt - doch nur selten entdeckt. Sicherheitsfirmen und Hilfsorganisationen geben Tipps, wie sich solche Programme bemerkbar machen und was dann zu tun ist.
Smartphone-Nutzerin (Symbolbild)

Smartphone-Nutzerin (Symbolbild)

Foto: Jens Kalaene/ DPA

Textnachrichten mitlesen, Standortdaten abgreifen, die Kamera einschalten: Spähsoftware auf dem Handy kann ein mächtiges Werkzeug sein, um einen Menschen auszuspionieren. Und offenbar nimmt die Nutzung solcher Programme weltweit zu - auch in Deutschland. Das legt zumindest eine neue Statistik der IT-Sicherheitsfirma Kaspersky  nahe, die für das Jahr 2019 im Vergleich zum Vorjahr einen deutlichen Anstieg verzeichnet.

Während das Unternehmen im Jahr 2018 weltweit rund 40.400 Fälle gefunden hatte, waren es im Jahr 2019 bereits 67.500 entdeckte Fälle, in denen versucht wurde, sogenannte Stalkerware auf ein Handy zu spielen. Im europäischen Vergleich gab es demnach in Deutschland sogar die meisten betroffenen Nutzer. 

Diese Statistik ist allerdings bloß ein Versuch, ein Phänomen in Zahlen darzustellen, das sich kaum in Zahlen darstellen lässt. Denn auch wenn inzwischen vage bekannt ist, dass Apps zum Stalken eines Opfers immer mehr genutzt werden, bleibt eine exakte Quantifizierung schwierig. Sicherheitsfirmen wie Kaspersky können schließlich nur Angriffe auf Opfer zählen, die eine Schutzsoftware aus ihrem Hause nutzen und die auf ihrem Handy ein Schadprogramm haben, das von dieser Software auch entdeckt wird. Auch jede andere Erhebung dürfte schwierig bleiben, denn mit Cyberangriffen ist es nun einmal so: Sind sie handwerklich gut gemacht, bekommt niemand etwas davon mit. Das gilt eben auch für die heimlichen Spähprogramme, die von Antiviren-Apps häufig übersehen werden.

Frauen häufig betroffen

Das Bündnis Deutschland sicher im Netz (DsiN)  nutzt nun trotzdem den heutigen Weltfrauentag, um auf eine Bedrohung aufmerksam zu machen, die - nach allem, was man bisher weiß - Frauen besonders häufig betrifft. Inzwischen gibt es bereits mehrere Stellen, die Opfern Hilfe anbieten, beispielsweise das Anti-Stalking-Projekt des Frieda-Frauenzentrums in Berlin mit einem Schwerpunkt auf Cyberstalking . Oder die Koalition gegen Stalkerware , die Sicherheitsfirmen und Nichtregierungsorganisationen kürzlich gemeinsam gegründet haben.

"Wir stellen fest, dass sich der Gebrauch von Stalkerware mehr und mehr verbreitet", sagt Michael Littger, Geschäftsführer von Deutschland sicher im Netz (DsiN), "und zwar anhand von drei Faktoren: der Angaben der Verkäufer solcher Software, der Zahlen von Sicherheitsfirmen, die solche Software entdecken, und der Erfahrungsberichte der Opfer." 

Die Anbieter selbst sprächen teils von Millionen Nutzern, die sich solche Software besorgt hätten. "Schließlich werden derartige Programme offensiv vermarktet", sagt Littger, "oft werden dazu vermeintlich legitime Szenarien für eine Nutzung konstruiert – zum Beispiel, dass man die digitalen Aktivitäten seiner Kinder mithilfe solcher Software im Auge behalten könne." 

Das Bündnis DsiN, zu dem auch Kaspersky gehört, gibt nun Tipps, wie man sich vor einer Ausspäh-App auf dem Handy oder Computer am besten schützt – und was man tun kann, wenn man vermutet, solch eine Software auf dem Gerät zu haben.

Diese Vorsichtsmaßnahmen können schützen

  • Gute Passwörter und physischer Schutz: Mobile Geräte sollten über PIN-Codes, Biometrie oder sichere Muster gesperrt sein, außerdem sollte man Geräte und Online-Konten jeweils mit einem starken Passwort schützen, das nicht an Dritte weitergegeben wird, "auch nicht an Familienangehörige oder Vertrauenspersonen", schreibt Kaspersky. Wo möglich, sollte eine Zwei-Faktor-Authentifizierung eingerichtet sein.

  • Updates machen: Betriebssystem und Apps sollten immer auf dem neuesten Stand sein.

  • Die richtigen Einstellungen: Auf dem Smartphone lässt sich in den Einstellungen die Installation von Programmen aus unbekannten Quellen blockieren, um sich vor Schad- und Späh-Software zu schützen.

  • Vorsicht bei Anhängen: Unbekannte Dateien, die etwa unaufgefordert geschickt werden, sollten auf persönlichen Endgeräten nicht geöffnet oder gar gespeichert werden, rät Kaspersky: "Im Zweifel lieber noch einmal telefonisch beim Absender nachfragen."

  • Einen Schlussstrich ziehen - auch digital: Wenn eine Beziehung zu Ende gegangen ist, sollten die Sicherheitseinstellungen auf allen Geräten geändert werden, damit beispielsweise ein Ex-Partner nicht noch ein Passwort kennt und womöglich auf private Daten zugreifen kann.   

  • Den Überblick behalten: Nutzer sollten regelmäßig prüfen, welche Apps auf dem Handy installiert und in Benutzung sind. Nicht benötigte Apps sollten gelöscht werden.

Diese Warnzeichen könnten auf Stalkerware auf dem Handy hindeuten

  •  Der Datenverbrauch ist gestiegen: Steigt plötzlich der Verbrauch deutlich, könnte das an einer unerwünschten App liegen, die im Hintergrund Daten überträgt.

  •  Das Smartphone läuft langsamer: Die Schnüffelei schlägt laut der Sicherheitsfirma auch auf die Leistung des Geräts: Werde ein Gerät plötzlich auffallend langsam oder müsse der Akku neuerdings häufig aufgeladen werden, könne dies auf Stalkerware hindeuten.

  •  Unbekannte Apps auf dem Handy: Wer den Verdacht hat, eine Stalkerware auf dem Handy zu haben, sollte laut den Sicherheitsexperten alle Apps auf dem Telefon überprüfen: "Welche Anwendungen nehmen wie viele Ressourcen in Anspruch? Googeln Sie im Zweifel die Namen der Apps." Michael Littger von DsiN weist darauf hin, dass dabei nicht die sichtbaren Icons auf dem Screen entscheidend sind, sondern die Apps in den Einstellungen überprüft werden sollen.

  • Hintergrundgeräusche beim Telefonieren: Mehrfach auftretende Stör- und Hintergrundgeräusche bei Telefonaten, die sich die Gesprächspartner nicht erklären können, deuten eventuell auf ein Abhören oder Aufzeichnen von Telefonaten hin, heißt es von Kaspersky.

  • Jemand weiß zuviel: Während ein guter Cyberangriff technisch oft unentdeckt bleibt, verraten sich Menschen schon eher: "Kommt es häufiger vor, dass Bekannte, Freunde oder (Ex-)Partner mehr wissen, als sie eigentlich sollten? Dann könnte jemand eine digitale Wanze im Smartphone installiert haben", heißt es in den Tipps von DsiN.

Was man bei einem Verdacht tun kann

Wer eine verdächtige App gefunden hat oder aufgrund anderer Indizien glaubt, per Späh-Programm gestalkt zu werden, sollte zunächst in Ruhe abwägen, was zu tun ist. Während es sich in manchen Fällen bei dem Eindringling um einen unbekannten Stalker handeln kann, könnte in anderen sogar der eigene Lebenspartner oder ein anderes Familienmitglied der Überwachende sein. 

"Es kommt immer drauf an, in welcher Situation sich das Opfer befindet", sagt Anne Roth, netzpolitische Referentin der Linksfraktion im Bundestag, die sich bereits seit Jahren mit digitaler Gewalt gegen Frauen auseinandersetzt. "In manchen Konstellationen kann es gefährlich sein, plötzlich das Passwort zu ändern oder gar den möglichen Täter zu konfrontieren. In solchen Fällen ist es ratsam, sich über ein anderes Telefon an eine Hilfestelle zu wenden."

  • Nicht löschen - sondern Beweise sichern: Wird die Stalkerware entdeckt und vom Opfer entfernt, bekommt der Täter das mit und ist vorgewarnt. "Wichtig ist, dass man ein verdächtiges Programm nicht sofort löscht. Sonst kann man es beispielsweise der Polizei nicht mehr zeigen", sagt Michael Littger von DsiN, "Hier sind Screenshots auch immer sinnvoll." Das Anti-Stalking-Projekt empfiehlt zudem , ein Tagebuch über die Verdachtsmomente zu führen.

  • Einen zweiten Kanal suchen: Sollte eine Späh-Software auf dem Handy installiert sein, ist dieses Gerät ungeeignet, um darüber zu sprechen. "Wer irgendwie die Möglichkeit hat, sollte sich vorübergehend ein zweites Handy besorgen, um wieder einen eigenen Kommunikationskanal zu haben", sagt Littger.

  • Menschen ins Vertrauen ziehen: Wer sich beobachtet und gestalkt fühlt, sollte mit vertrauten Menschen darüber reden, um Schutz und Unterstützung zu erhalten, schreibt das Anti-Stalking-Projekt in Berlin .

  • Hilfe holen: Neben der Polizei gibt verschiedene Stellen, die als erste Anlaufstellen Informationen bereithalten. Im Netz finden Opfer Tipps und Hilfe unter anderem auf der Webseite Polizei-Beratung.de  oder eben beim Anti-Stalking-Projekt in Berlin .  Der Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe in Deutschland klärt ebenfalls über Cyberstalking auf und hält Telefonnummern für Notsituationen bereit . Auch die Webseite der Koalition gegen Stalkerware  bietet erste Hilfestellung und Kontakte zu Anlaufstellen.

  • Schutz aufbauen: Wer doch selbst und sofort gegen eine Stalkerware auf seinen Geräten vorgehen möchte, hat verschiedene Möglichkeiten: Das Zurücksetzen aller Geräte auf die Werkseinstellungen kann ratsam sein, ebenso das Ändern der Passwörter und das Einrichten von Zwei-Faktor-Authentifizierung (Lesen Sie hier, was das ist und wie das geht). Kaspersky rät Opfern zudem, eine neue E-Mail-Adresse einzurichten und die wichtigsten Konten und Dienste damit zu verknüpfen. Auch die Berechtigung für einen Zugriff auf die Kamera sollte der Sicherheitsfirma zufolge für alle Anwendungen ausgeschaltet werden, die keinen Zugriff auf die Webcam benötigen.

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