Überwachung per Smartphone Neues Bündnis sagt Spionagesoftware den Kampf an

Mit Spionage-Apps überwachen eifersüchtige Beziehungspartner und Stalker ihre Opfer. IT-Firmen und Opferschutzorganisationen wollen nun mit einer neuen Initiative gegen die Programme vorgehen.

Sicherheitsforscherin Eva Galperin von der EFF kämpft gegen Spionagesoftware - ihre Organisation ist Teil des neues Bündnisses "Koalition gegen Stalkerware"
Jeff Chiu / AP

Sicherheitsforscherin Eva Galperin von der EFF kämpft gegen Spionagesoftware - ihre Organisation ist Teil des neues Bündnisses "Koalition gegen Stalkerware"

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Übers Netz sind mehrere Hundert Apps erhältlich, mit denen Nutzer ihr Umfeld ausspionieren können. Die Apps werden als Beobachtungswerkzeuge für Kinder und Haustiere vermarket, manche rufen aber auch offen zum Überwachen von Beziehungspartnern auf.

Die Programme verstecken sich dafür auf dem Smartphone der Zielperson, oft sind Frauen betroffen. Die Apps schneiden unter anderem Messenger-Nachrichten, Telefonate, Browserverläufe und Passwörter mit und verfolgen, wo sich jemand gerade aufhält. Angesichts solcher Funktionen werden sie zunehmend auch von Stalkern oder im Bereich häuslicher Gewalt eingesetzt - die Rede ist daher auch von "Stalkerware".

Ein Bündnis aus zehn IT-Sicherheitsfirmen und Opferschutzorganisationen hat diesen Dienstag nun die "Koalition gegen Stalkerware" angekündigt, um die Erkennung und Bekämpfung der digitalen Überwachungswerkzeuge voranzutreiben. Zu den Gründungsmitgliedern zählen die US-Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF), IT-Sicherheitsfirmen wie Kaspersky, Avira, Norton und G DATA CyberDefense sowie Opferschutzorganisationen wie das amerikanische National Network To End Domestic Violence und die deutsche Opferhilfe Weißer Ring.

Leseraufruf: Spionagesoftware
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"Stalkerware, die zum Ausspionieren von Telefonen und Computern in Situationen des häuslichen Missbrauchs oder der Belästigung verwendet wird, ist ein sehr ernstes Problem, das oft mit anderen Formen des Missbrauchs bis hin zu körperlicher Gewalt einhergeht", erklärte Eva Galperin, Direktorin für Cybersicherheit bei der Electronic Frontier Foundation (EFF) zum Start der Initiative. "Die Allgegenwart von Stalkerware ist ein komplexes Problem, und wir brauchen Interessenvertreter aus allen Teilen der Gesellschaft, um sie wirksam zu bekämpfen."

Besserer Wissensaustausch

Bisher fehlten sowohl eine einheitliche Definition für Stalkerware als auch Erkennungskriterien. Mit der neuen Initiative soll der Wissensaustausch zwischen IT-Unternehmen, Opferschutzexperten und künftig auch Strafverfolgungsbehörden erleichtert werden. Auf dem Online-Portal "Stop Stalkerware" will das Bündnis zudem potenzielle Opfer sowie andere Interessierte aufklären.

"Es handelt sich um eine ganze Kategorie von Software, die so entwickelt ist, dass sie unsichtbar auf den Geräten läuft", hatte Sicherheitsforscherin Galperin im Juni dem SPIEGEL gesagt: "Das ermöglicht Missbrauch." Nutzern sei die Überwachung oft nicht bewusst. Gerade von häuslicher Gewalt betroffene Frauen haben Galperin zufolge selten die Möglichkeit, ihr Gerät von einem Experten forensisch analysieren zu lassen. Und selbst der Polizei würden Experten fehlen, um jedes Mal Ermittlungen einzuleiten, sagt sie.

Auch in Deutschland fehlen Opferschutzorganisationen oft IT-Kenntnisse sowie die finanziellen Mittel, um Handys von Schutzsuchenden standardisiert auf Spionagesoftware und andere Formen digitaler Überwachung zu überprüfen.

Dabei wächst der Bedarf: "Die Beratungsstellen berichten uns zunehmend von Fällen, bei denen Spyware oder konkret Spionage-Apps auf dem Smartphone eine Rolle spielen", sagte Anna Hartmann vom Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) dem SPIEGEL. Teils würden Ex-Partner Frauen auch über die Handys der gemeinsamen Kinder kontrollieren.

Automatischer Alarm

Hersteller von Antivirensoftware können zwar automatisch vor bestimmten Apps auf dem Handy warnen. Galperin zufolge haben IT-Sicherheitsfirmen kommerzielle Spionage-Apps in der Regel aber lange als unproblematisch eingestuft, weil sie auch anderen, legalen Zwecken wie dem Beobachten von Haustieren dienen könnten.

Die Sicherheitsforscherin war deshalb auf den russischen Antivirensoftware-Hersteller Kaspersky zugegangen, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Inzwischen wird Nutzern eine Nachricht angezeigt, wenn Kaspersky-Programme versteckte Tools auf einem Telefon oder einem Computer entdecken. Mittlerweile ist der amerikanische Antivirenprogrammhersteller Lookout nachgezogen.

Eine gemeinsame Definition des neu gegründeten Bündnisses soll das Vorgehen gegen solche missbräuchlichen Überwachungsapps erleichtern, ein Kriterienkatalog dabei helfen, Spionagewerkzeuge auf dem eigenen Handy zu erkennen. Auch Verhaltensratschläge finden sich auf der Plattform. "So ist es beispielsweise wichtig zu prüfen, ob das Entfernen von Stalkerware potenziell mehr Schaden anrichten könnte, als der sofortige Gang zu den Strafverfolgungsbehörden", heißt es etwa. "Der Täter könnte zum Beispiel von der App über deren Löschung informiert werden und versuchen, Beweise zu vernichten."

Kaspersky zufolge ist die Zahl der Nutzer, die mit Stalkerware zu kämpfen haben, von 2018 zu 2019 um 35 Prozent gestiegen, von 27.798 Nutzern auf 37.532, gezählt jeweils in den ersten acht Monaten dieses Jahres. Zudem kommen nach Angaben der Firma laufend neue Varianten solcher Apps auf dem Markt. Kaspersky hat in diesem Jahr bislang 380 Varianten von Stalkerware entdeckt - rund ein Drittel mehr als vor einem Jahr.



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