Discord erklärt So funktionieren Server, Kanäle und Livestreams des Chat-Service

Zunächst als Gaming-Plattform an den Start gegangen, konkurriert Discord mittlerweile auch mit Videokonferenz-Apps wie Zoom und kommt in Schulen zum Einsatz. Doch die App hat auch Probleme mit rechtsextremen Inhalten.
Von Martin Dietrich
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Mehr als 300 Millionen Menschen haben sich seit der Gründung im Jahr 2015 beim Onlinedienst Discord registriert. Gerade in der Corona-Pandemie ist die App, die eine Mischung aus Forum, Chat-App, Livestreaming und Videokonferenzen bietet, für viele Nutzerinnen und Nutzer offenbar noch einmal attraktiver geworden. Der Wert des Unternehmens wird derzeit auf 3,5 Milliarden US-Dollar geschätzt.

Der Kern der App sind die von der Community betriebenen Server, die jeder Nutzer und jede Nutzerin mit ein paar Klicks einrichten und individualisieren kann. Ähnlich wie beim Messaging-Dienst Slack können dort verschiedene private und öffentliche Kommunikationskanäle eröffnet werden. Zudem ist es möglich, Rollen für Mitglieder anzulegen, die über mehr oder weniger Zugriffsrechte innerhalb des Servers verfügen. Dadurch lassen sich auch große Gruppen mit mehreren Tausend Mitgliedern managen.

Mit Beginn der Corona-Pandemie ist Discord auch für Lehrkräfte interessant geworden. Neben der Videokonferenz-App Zoom entwickelte sich Discord zu einer beliebten Plattform, um virtuelle Unterrichtsstunden zu halten . Präsentationen und Unterrichtsmaterialien können per Livestream geteilt werden, während die Kinder und Jugendlichen zuschauen und kommentieren. Das Unternehmen erkannte dieses Potenzial und erhöhte im März 2020 die Zahl der maximal möglichen Zuschauenden pro Livestream von zehn auf 50.

Weg vom Gaming-Fokus

Für Nutzerinnen und Nutzer ist die App zunächst kostenlos. Werbung gibt es weder auf der Desktop-Anwendung, der Mobile-App noch auf der etwas funktionsärmeren Browserversion. Stattdessen finanziert sich Discord über Investoren, die jüngst 100 Millionen US-Dollar in die Chat-Plattform investierten. Außerdem können Nutzerinnen und Nutzer einige Zusatzfunktionen, wie den Upload größerer Dateien und personalisierte Emojis, über das kostenpflichtige Nitro-Abonnement kaufen. Die Gesamteinnahmen von Discord könnten nach Schätzungen des Wirtschaftsmagazins "Forbes"  bis Ende des Jahres 120 Millionen US-Dollar betragen.

Die Gamingkultur ist noch immer der größte Stützpfeiler der App. Die beiden Gründer Jason Citron und Stan Vishnevskiy entwickelten Discord dediziert als Chat-Plattform für Gamerinnen und Gamer, die genug hatten von der manchmal unzuverlässigen Technik von Microsofts Skype oder dem biederen TeamSpeak. Mit weit über 400.000 Mitgliedern sind die Server zu beliebten Spielen wie "Minecraft", "Fortnite" oder "Animal Crossing" die größten von Discord überhaupt.

Kurzzeitig bot Discord mit dem Nitro-Paket auch Games an, in einem separaten Onlinestore konnte man Videospiele kaufen und herunterladen. Nach einem Jahr wurde der Dienst aufgrund enttäuschender Zahlen aber wieder eingestellt.

30 Prozent der Community Discord nutzen die App laut Unternehmensangaben inzwischen aber auch für etwas anderes als Gaming. Es gibt Server, um sein Englisch zu verbessern, die beste Kaffeezubereitung zu diskutieren oder mit seinem Lieblingsinfluencer zu chatten. Kleine wie große Influencer können hier direkter mit ihren Fans kommunizieren als in den häufig unübersichtlicheren Kommentarspalten von YouTube und Instagram.

Im Juni 2020 kündigte Discord an, abseits der Gamingblase mehr Zielgruppen ansprechen zu wollen, die von anderen sozialen Medien zunehmend genervt sind. "Wir haben Discord zum Reden entworfen. Es gibt kein endloses Scrollen, keinen Newsfeed und keine Likes, die wir nachverfolgen. Kein Algorithmus bestimmt, was ihr sehen solltet", schreibt CEO Citron im offiziellen Blog .

In unserer Bildergalerie erfahren Sie, wie man einen Server in neun einfachen Schritten selbst erstellen kann:

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Discord

Foto: Martin Dietrich / Discord

Discords rechte Ecken

Discords halboffene Struktur führte lange Zeit aber auch dazu, dass die Seite bei Rechtsextremen als Plattform beliebt war. Weil in der Standardeinstellung nur diejenigen einem Server beitreten können, die über einen gültigen Einladungslink verfügen, lassen dort private Foren betreiben, ohne dass Strafverfolgungsbehörden oder Zivilgesellschaft davon etwas mitbekommen.

Im Zuge der rechtsextremen Ausschreitungen in Charlottesville in den USA mit einem Todesopfer landete Discord 2017 in den Schlagzeilen . Rechtsextreme hatten die Plattform laut Medienberichten zur Planung und Organisation ihres Aufmarsches genutzt. In Deutschland organisierte sich das rechtsextreme Netzwerk Reconquista Germanica im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 auf Discord, um von dort aus ihre Online-Hetzkampagnen gegen politische Medienschaffende und Institutionen zu starten.

Auch sogenannte Rachepornos sollen laut einem Artikel des Onlinemagazins "Daily Beast"  aus dem Jahre 2018 im großen Stil auf der Plattform geteilt worden sein. Bei Rachepornos handelt es sich um pornografisches Material, das ohne Zustimmung der Beteiligten und zur Erniedrigung oder Erpressung der gefilmten Personen im Netz verbreitet wird.

In all diesen Fällen griff Discord im Nachhinein durch und verbannte die entsprechenden Server und Akteure. Das Unternehmen selbst gelobt seither Besserung. Auf Anfrage des SPIEGEL teilt Discord mit, dass sie weiterhin versuchen, ihre Werkzeuge im Kampf gegen den Hass zu verbessern. In Zukunft solle es gerade Wiederholungstätern und Hassnetzwerken schwerer gemacht werden. "Es reicht nicht aus, nur ein oder zwei User zu entfernen. Stattdessen muss daran gearbeitet werden, den vollen Umfang einer Extremisten- oder Hassgruppe zu verstehen und sicherzustellen, dass sie dauerhaft entfernt werden."

Zwischen April und Dezember 2019 entfernte Discord laut eigenen Angaben insgesamt 5,2 Millionen Accounts. 60 Prozent aller Server mit extremistischen Inhalten und mit Aufnahmen von sexualisierter Gewalt gegen Kinder wurden gelöscht, schon bevor ein Nutzer oder Nutzerin diesen Server überhaupt meldete, heißt es im aktuellen Transparenzbericht .    

Zwar findet man noch heute relativ schnell kleine Servergemeinschaften voller Rassismus und Antisemitismus, die Zahl hat aber abgenommen, bestätigt eine mehrwöchige Recherche auf Discord. Auch der Kommunikationswissenschaftler Patrick Stegemann hat sich die Szene für sein Buch "Die rechte Mobilmachung" genauer angeschaut und stellt ebenfalls fest, dass viele Rechtsextreme mittlerweile weitergezogen seien und weniger löschwilligen Chat-Diensten wie Telegram folgen.

Stegemann warnt jedoch davor, Discord jetzt aufgrund des Wegfalls großer rechter Geflechte aus den Augen zu verlieren. "Es ist Teil eines Ökosystems. Die Memes, Narrative und hasserfüllten Inhalte wandern zwischen verschiedenen Plattformen hin und her. Man kann aber nicht mehr sagen, das ist eine super wichtige Plattform." 

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